Geschichte und Kultur

Seit 75 Jahren vermisste Leichen dank Gletscherschmelze gefunden

Der Klimawandel hat in der Schweiz vermutlich einen ungelösten Fall aufgeklärt. Mittwoch, 8 November

Von Sarah Gibbens

Letzten Donnerstag unternahm ein Angestellter des Schweizer Skiunternehmens Glacier 3000 in der Nähe des Tsanfleurongletschers eine Routinekontrollfahrt. Dabei entdeckte er einen Fuß, der aus dem Eis ragte. Als er näher kam, fand er noch zwei weitere Stiefel, einen Hut und die schwarzen Überreste eines Paares, das im Eis und in der Zeit eingefroren war.

Marcelin und Francine Dumoulin, ein Schuhmacher und eine Lehrerin, wurden seit 75 Jahren vermisst.

„Er hat den Sicherheitsdienst informiert und ich habe die Polizei kontaktiert“, sagte Bernhard Tschannen, der Geschäftsführer des Unternehmens. Am Freitag flog ein Hubschrauber in die Region und schnitt einen großen Eisblock aus dem Gletscher, um sicherzugehen, dass die Überreste des Paares unversehrt blieben. Am 19. Juli wurde die Identität des Paares bestätigt, das am 15. August 1942 verschwand.

Laut Berichten der Schweizer Lokalzeitung „Le Matin“ sind es nicht die ersten Leichen, die in der verschneiten Region geborgen wurden.

1926 verschwanden drei Brüder, die 2012 wiederentdeckt wurden. Ein Kletterer, der 1954 abstürzte, wurde 2008 geborgen. Im selben Jahr ging ein Paar auf dem Berg verloren, das 2012 gefunden wurde.

Seit 1925 wurden 280 Menschen in den Alpen und angrenzenden Regionen als vermisst gemeldet.

„Jedes Jahr verlieren wir einen oder einen halben Meter Eis“, sagte Tschannen. „Vor achtzig Jahren war dieser Gletscher noch viel größer als heute.“

Tschannen schreibt die Entdeckung der Dumoulins der globalen Erwärmung zu. Ihm zufolge kamen die Leichname auf einem Teil des Gletschers zum Vorschein, der von rapiden Tauprozessen betroffen ist.

Das Eis, welches die malerischen Alpen umgibt, taut tatsächlich. Nur wie schnell es das tut, wird heiß diskutiert.

Eine Studie aus dem Jahr 2006 sagte voraus, dass das Eis bis 2100 während der Sommer verschwunden sein würde. Eine noch düstere Vorhersage von 2007 nannte 2050 als das Jahr, bis zu dem das Eis vollständig tauen würde.

Laut Berichten des World Glacier Monitoring Service der Universität Zürich verloren die Alpengletscher in den Jahren 2000 bis 2010 jedes Jahr einen Meter an Dicke.

In einem weiteren Bericht aus dem Jahr 2013 beschrieb der Leiter der Einrichtung den Eisverlust als „beispiellos“.

„Es war eine Tragödie“, sagte Tschannen über die Dumoulins. „Sie hinterließen sieben Kinder, von denen nur noch zwei leben.“

Dass die Dumoulins in einem so gut erhaltenen Zustand gefunden wurden, ist kein Zufall. Vereiste Berge wie die Alpen zeichnen sich durch kaltes und trockenes Klima aus, welches die Verwesung von Leichnamen verlangsamt.

Eis ist ein so gutes Konservierungsmittel, dass die Überreste eines Mannes, der vor 5.000 Jahren starb, in erstaunlich gutem Zustand entdeckt wurden. Der wohlbekannte Ötzi, der Mann aus dem Eis, wurde nach seinem Fundort in den Ötztaler Alpen benannt. Man vermutet, dass er kurz nach seinem Tod von Eis begraben wurde, was seinen Verfall deutlich verzögerte.

Die Zeit wird zeigen, ob noch weitere menschliche Überreste im Eis begraben liegen.