Geschichte und Kultur

Höhlenforscher finden neue Fossilien eines geheimnisvollen menschlichen Verwandten

Der neue Fund trägt zu Spekulationen darüber bei, warum diese Art so tief in ein komplexes Höhlensystem vordrang.Donnerstag, 9. November 2017

Von Michael Greshko
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Ein neuer Fossilfund in einer beengten südafrikanischen Höhle erweitert unser Verständnis für einen ungewöhnlichen Cousin des modernen Menschen.

Letzte Woche offenbarte der Paläoanthropologe Lee Berger in einer Live-Übertragung aus dem Rising-Star-Höhlensystem in Südafrika, dass bei aktuellen Ausgrabungen zwei neue Skelette in der sogenannten Dinaledi-Kammer gefunden wurden. Zwischen der Entdeckung von jenem Teil des Höhensystems und dem Skelettfund lagen auf den Tag genau vier Jahre.

Die Stätte ist weithin bekannt, seit dort Fossilien eines zuvor unbekannten menschlichen Verwandten namens Homo naledi entdeckt worden sind. Die neue Art, die 2015 öffentlich vorgestellt wurde, hat ein vergleichsweise kleines Gehirn und weist ein bemerkenswertes Mosaik aus modernen und archaischen Merkmalen auf. Der Fuß von H. naledi ist kaum von dem moderner Menschen zu unterscheiden, während seine Schultern und sein Torso größere Ähnlichkeit mit denen von Affen haben.

Im Gegensatz zu den anderen Funden entdeckten die Archäologen die neuen Skelette aber am Grund der „Rinne“ – einem schmalen, etwa zwölf Meter langen Spalt, durch den die Forscher die Kammer betreten.

„Von Anfang war eine der großen Fragen der Homo-naledi-Expedition, ob H. naledi durch die Rinne gekommen war“, sagte der National Geographic Explorer Berger. „Keiner hat das für möglich gehalten. Die meisten von uns hatten ihre Zweifel.“

DIE RINNE HINAB

Das mag wie ein kleines Detail erscheinen, aber der Fundort der neuen Fossilien ist wichtig, da er die Theorien darüber beeinflusst, wie – und warum – dieser menschliche Verwandte so tief in ein komplexes Höhlensystem geriet.

Berger glaubt, dass es H. naledi trotz seines kleinen Gehirns nicht an Intelligenz mangelte. Sein Gehirn hatte womöglich Strukturen, die denen des menschlichen Hirns verblüffend ähnelten, und seine Hände könnten Werkzeuge geschaffen und bedient haben. Bisher haben die Wissenschaftler aber noch keine Steinwerkzeuge in Verbindung mit H. naledi gefunden.

Der kontroverseste Teil der H.-naledi-Debatte dreht sich womöglich um die Dinaledi-Kammer selbst. Laut Bergers Team müssten die Individuen, die man bisher entdeckt hat, Dinaledi wohl über die Rinne betreten haben. Im Gegensatz zu den heutigen Höhlenforschern kamen einige Vertreter des H. naledi aber nicht lebend unten an.

Stattdessen – so postuliert es das Team – gerieten die Individuen in die Dinaledi-Kammer, weil ihre Art auf diese Weise bewusst ihre Toten beseitigte: Sie begaben sich zu der Kammer und warfen die Leichname dann die Rinne hinab. Diese Art des Begräbnisverhaltens wird für gewöhnlich mit modernen Menschen und ihren großhirnigen Verwandten wie den Neandertalern assoziiert.

Die Theorie der Leichenentsorgung blieb auch nicht ohne Kritik. Einige Wissenschaftler vermuteten stattdessen, dass H. naledi Dinaledi durch andere Zugänge betreten haben könnte, die mittlerweile eingestürzt sind. Falls die Theorie jedoch zutrifft, dass die Leichen über die Rinne entsorgt wurden, dann hätten sich die Skelettüberreste in dem kegelförmigen Ablagerungshaufen am Ende der Rinne gesammelt.

Das Team sagt, dass es die Knochen nahe am Fuße des Kegels in Sedimentschichten eingebettet gefunden hat – und laut Berger gehören sie H. naledi.

„Die Bedeutung dieser Entdeckung liegt darin, dass sie uns sagt, dass zumindest einige Individuen von H. naledi über die Rinne gekommen sind. Sie sind durch diesen beengten Raum hier heruntergekommen“, sagte er. „Das ist eine große Entdeckung für uns, und auch für die Paläoanthropologie sehr spannend, denke ich.“

Die formelle wissenschaftliche Untersuchung der Überreste wird aber wahrscheinlich Monate oder Jahre in Anspruch nehmen. Das Team hat auch nicht spezifiziert, in welcher der Sedimentschichten der Höhle die neu entdeckten Skelette lagen. Das macht es aktuell unmöglich, sie zeitlich einzuordnen. Wenn sie sich in derselben Schicht befinden wie die H.-naledi-Überreste, die 2015 entdeckt wurden, dann sind sie wahrscheinlich zwischen 236.000 und 335.000 Jahre alt.

Auch wenn die Untersuchung der neuen Knochen gerade erst beginnt, sind die Wissenschaftler des Teams schon vorsichtig optimistisch.

„Wir haben mehrere Hominini-Exemplare aus einem Bereich am unteren Ende der Rinne geborgen, aus einer Schicht unterhalb der aktuellen Sedimentoberfläche“, sagt John Hawks. Der Paläoanthropologe von der Universität von Wisconsin-Madison ist ein Mitglied des Rising-Star-Teams.

„Aus diesem Grund können wir getrost sagen, dass das Hauptziel dieser Ausgrabung in der Dinaledi-Kammer womöglich erreicht wurde.“

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