Geschichte und Kultur

Exklusiv: Alter des Heiligen Grabes Jesu Christi festgestellt

Die Datierung des Baumaterials lässt vermuten, dass Teile der ursprünglichen Grabstätte trotz der Zerstörung der Kirche vor 1.000 Jahren erhalten blieben. Dienstag, 28 November

Von Kristin Romey

Im Laufe der Jahrhunderte hat die Grabeskirche in Jerusalem gewaltsame Angriffe, Brände und Erdbeben erlebt. Im Jahr 1009 wurde sie sogar vollkommen zerstört und im Anschluss wiederaufgebaut. Daher hegen heutige Gelehrte Zweifel daran, dass es sich wirklich um jene Stätte handeln kann, die vor etwa 17 Jahrhunderten von einer römischen Delegation als die Begräbnisstätte von Jesus Christus identifiziert wurde. 

Die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Analyse, die National Geographic vorliegen, scheinen genau das nun aber zu bestätigen: Die Überreste einer Kalksteinhöhle, die im Inneren der Kirche von einem Schrein umgeben sind, sind Reste jenes Grabes, das von den alten Römern entdeckt wurde.

Für die Analyse wurde der Mörtel zwischen der originalen Kalksteinoberfläche des Grabes und der darauf platzierten Marmorplatte untersucht und ungefähr auf das Jahr 345 datiert. Laut historischen Berichten entdeckten Römer das Grab und errichteten circa 326 einen Schrein darum herum. (Lesenswert: Die wahre Geschichte über die Entdeckung des „Hauses der Apostel Jesu“)

Bisher konnten die frühesten architektonischen Zeugnisse aus dem Inneren und dem Umfeld des Grabkomplexes auf die Periode der Kreuzzüge datiert werden, der damit höchstens 1.000 Jahre alt wäre.

Aus einer archäologischen Perspektive ist es unmöglich zu sagen, ob das Grab tatsächlich die Begräbnisstätte eines Juden namens Jesus von Nazareth ist, der laut dem neuen Testament im Jahre 30 oder 33 in Jerusalem gekreuzigt wurde. Aber die neuen Datierungen verorten den Bau des heutigen Grabkomplexes zumindest fest in der Zeit Konstantins, dem ersten christlichen Kaiser Roms.

Im Oktober 2016 wurde das Grab zum ersten Mal seit Hunderten von Jahren wieder geöffnet, als der Schrein – auch als Ädikula bekannt – von einem interdisziplinären Team der Nationalen Technischen Universität von Athen umfassend restauriert wurde.

Während dieser Zeit wurden zu Datierungszwecken mehrere Mörtelproben von verschiedenen Stellen der Ädikula genommen. Die wissenschaftliche Hauptaufseherin Antonia Moropoulou, die das Restaurationsprojekt leitete, stellte National Geographic vor Kurzem die Ergebnisse der Analysen zur Verfügung.

Als die Repräsentanten Konstantins circa im Jahr 325 nach Jerusalem kamen, um das Grab zu lokalisieren, verwies man sie Berichten zufolge auf einen römischen Tempel, der etwa 200 Jahre vorher gebaut wurde. Der römische Tempel wurde abgetragen, und Ausgrabungen darunter offenbarten ein Grab, das aus einer Kalksteinhöhle gehauen wurde. Die Decke der Höhle wurde ebenfalls abgetragen, um das Innere des Grabes freizulegen. Anschließend wurde darum herum die Ädikula errichtet.

In dem Grab befindet sich eine Art steinerne Liegefläche, auf dem der Leichnam Jesu nach der Kreuzigung den Traditionen gemäß platziert worden sein soll. Solche „Grabbetten“ und Nischen in Kalksteinhöhlen waren im Jerusalem des 1. Jahrhunderts typisch für die Bestattungen wohlhabender Juden.

Man vermutet, dass die Marmorverkleidung über der Liegefläche spätestens 1555 angebracht wurde, laut Berichten von Pilgern aber wahrscheinlich schon seit Mitte des 14. Jahrhunderts dort war.

Als das Grab am 26. Oktober 2016 geöffnet wurde, waren die Wissenschaftler überrascht davon, was sie unter der Marmorverkleidung fanden: eine ältere, zerbrochene Marmorplatte, auf die ein Kreuz eingraviert war. Sie ruhte direkt auf der ursprünglichen Kalksteinoberfläche der steinernen Liege.

Einige Forscher spekulierten, dass diese ältere Platte dort während der Kreuzzüge niedergelegt wurde. Andere ordneten sie sogar noch früher ein und vermuteten, dass sie schon an Ort und Stelle gewesen ist und zerbrach, als die Kirche im Jahr 1009 zerstört wurde. Niemand wäre aber so weit gegangen, sie als den ersten physischen Beleg für den frühesten römischen Schrein an der Stätte zu bezeichnen.

Laut den neuen Testergebnissen wurde die Platte aber wahrscheinlich Mitte des 4. Jahrhunderts auf Anweisung Konstantins dort angebracht, was eine willkommene Neuigkeit für all jene ist, die sich mit der Geschichte des heiligen Grabmals beschäftigen.

„Offensichtlich passt diese Datierung genau zu dem, was Konstantin tat“, sagt der Archäologe Martin Biddle, der 1999 eine einflussreiche Studie der Geschichte des Grabes veröffentlicht hat.  „Das ist wirklich bemerkenswert.“

Während ihrer einjährigen Restauration der Ädikula konnten die Wissenschaftler auch feststellen, dass ein beträchtlicher Teil der Grabhöhle weiterhin von den Wänden des Schreins umschlossen ist. Mörtelproben von den Resten der südlichen Höhlenwand wurden auf 335 und 1570 datiert und liefern damit zusätzliche Beweise für die Bauarbeiten aus der römischen Zeit und die dokumentierte Restauration im 16. Jahrhundert. Mörtel vom Grabeingang wurde auf das 11. Jahrhundert datiert und passt damit zu der Rekonstruktion der Ädikula nach ihrer Zerstörung im Jahr 1009.

Die Mörtelproben wurden unabhängig voneinander in zwei verschiedenen Labors datiert. Dabei kam eine Methode namens Optically Stimulated Luminescence (OSL) zum Einsatz, die bestimmt, wann Quartzablagerungen zuletzt dem Licht ausgesetzt waren. Die wissenschaftlichen Ergebnisse werden von Moropoulou und ihrem Team in der kommenden Ausgabe des „Journal of Archaeological Science: Reports“ veröffentlicht.  

Redaktioneller Hinweis: Alle Studien wurden im Rahmen des folgenden Projekts unternommen: „Conservation, reinforcement and repair interventions for the rehabilitation of the Holy Aedicule of the Holy Sepulchre in the All-Holy Church of Resurrection in Jerusalem“, beaufsichtigt von dem interdisziplinären Team für Denkmalschutz von der Nationalen Technischen Universität von Athen (NTUA), u. a. bestehend aus Em. Korres, A. Georgopoulos, A. Moropoulou, C. Spyrakos und Ch. Mouzakis, mit A. Moropoulou als wissenschaftliche Hauptaufseherin.

Die datierten Mörtelproben wurden untersucht von: dem Labor für Materialwissenschaften und Ingenieurswissenschaften, Institut für Chemietechnik, Nationale Technische Universität von Athen (Prof. A. Moropoulou, E. Delegou, M. Apostolopoulou und A. Kolaiti), und dem Labor für Archäometrie, Institut für Geschichte, Archäologie und Verwaltung kultureller Ressourcen, Universität der Peloponnes (Prof. N. Zacharias und E. Palamara).

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