Jesus: Wer war er wirklich?

Gottes Sohn, religiöser Reformer oder der größte literarische Schwindel der Geschichte. Im Heiligen Land kommen Archäologen der historischen Figur Jesus immer mehr auf die Spur.

Veröffentlicht am 21. Dez. 2020, 12:19 MEZ
Ikone mit der Jungfrau Maria und dem Jesuskind
Ikone mit der Jungfrau Maria und dem Jesuskind
Bild Simon Norfolk

Auf den Regalen im Büro von Eugenio Alliata in Jerusalem stapeln sich Grabungsberichte und Maßbänder, in einer Ecke türmt sich defektes Computerzubehör überzogen von einer dicken Staubschicht. Es sieht aus wie in allen Büros von Archäologen, die sich lieber draußen im Feld die Hände schmutzig machen als drinnen zu putzen — bis auf den Umstand, dass Alliata die schokoladenbraune Ordenstracht der Franziskanermönche trägt und sein Arbeitsplatz ein Kloster ist. Es steht an der Stelle, an der laut Überlieferung römische Soldaten dem zum Tode verurteilten Christus die Dornenkrone aufsetzten. Alliata ist Professor für Christliche Archäologie und Museumsdirektor im Studium Biblicum Franciscanum. Er führt eine 700 Jahre alte Mission der Franziskaner fort: die antiken religiösen Stätten im Heiligen Land zu schützen und seit dem 19. Jahrhundert auch ihre Schätze nach wissenschaftlichen Prinzipien zu bergen.

Schon oft habe ich Pater Alliata auf meinen Reisen besucht, und immer hieß er mich und meine Fragen geduldig willkommen. Mit seinem Segen will ich die Geschichte Jesu zurück verfolgen, wie sie von den Evangelisten aufgeschrieben und von Generationen von Wissenschaftlern interpretiert wurde. Wie behauptet sich die christliche Tradition gegenüber den Erkenntnissen der Archäologen, die vor 150 Jahren begannen, den Sand des Heiligen Landes zu durchsieben?

Pater Alliata ist ein Mann des Glaubens. Er sorgt sich nicht besonders darum, ob die Archäologie die Existenz Jesu Christi belegen kann oder nicht. „Es wäre schon sehr ungewöhnlich, wenn man 2000 Jahre alte Beweise für das Leben eines einzelnen Menschen finden würde“, sagt er, während er sich in seinem Stuhl zurücklehnt und die Hände über seinem Gewand faltet. „Aber man kann auch nicht behaupten, Jesus hätte keine Spuren in der Geschichte hinterlassen.“

Die wichtigsten — und umstrittensten — Hinweise sind die Texte des Neuen Testaments, be sonders die ersten vier Bücher: die Evangelien des Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Was bedeuten diese Texte aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts für die Arbeit eines Archäologen? „Die Tradition macht die Archäologie lebendiger, und die Archäologie belebt die Tradition“, antwortet Pater Alliata. „Manchmal passen die beiden gut zusammen - und manchmal nicht.“ Er schweigt kurz, dann fügt er lächelnd hinzu: „Wobei Letzteres interessanter ist.“

Wissen kompakt: Christentum
Als größte Weltreligion hat das Christentum etwa zwei Milliarden Gläubige, die den Lehren Jesus Christus folgen. Erfahrt mehr über die Ursprünge des Christentums als jüdische Sekte und jene Personen, die zur Verbreitung des Glaubens beitrugen.

Ich bin nicht nur Journalistin, sondern war auch Archäologin. Ich weiß, dass es ganze Kulturen gibt, die zwischen ihrem Aufstieg und Untergang kaum Spuren auf der Erde hinterlassen haben. Die Suche nach einer einzelnen Person und den Bruchstücken eines einzigen Lebens — sie scheint wie die Jagd nach einem Phantom. Zufällig halten dieses Phantom aber mehr als zwei Milliarden Menschen für den wahren Sohn Gottes.

Jesus Christus: Auf den Spuren der historischen Figur

Könnte es sein, dass Jesus niemals existiert hat, sondern reine Erfindung ist? Nicht mehr als eine gute Geschichte, die auf bunten Kirchenfenstern wie ein Comic erzählt wird? Tatsächlich behaupten das einige Skeptiker. Nur: Wissenschaftler sind kaum darunter.

„Über die Details wird seit Jahrhunderten debattiert“, sagt Eric Meyers, Archäologe und emeritierter Professor für Judaistik an der Duke University. „Aber kein seriöser Akademiker bezweifelt, dass es die historische Person gegeben hat.“ Auch John Dominic Crossan denkt so. Er ist Ex-Priester und Ko-Vorsitzender des umstrittenen Jesus-Seminars, das authentisches Material über Jesus von Nazareth sammelt. „Natürlich kann man folgern: Jesus soll übers Wasser gegangen sein? Das kann ein Mensch nicht — also stimmt die ganze Überlieferung nicht, und Jesus hat es nie gegeben.“Die Erzählungen von Wundern— spontanen Heilungen, der Speisung der Fünftausend mit Fisch und Brot, der Wiederauferstehung — seien für den rationalen Verstand schwer nachzuvollziehen. Das sei aber kein Grund, Jesus von Nazareth in den Bereich der Legenden zu verbannen. „Vieles von dem, was er in Galiläa und Jerusalem getan haben soll, passt perfekt in den historischen Kontext.“

War Jesus nun Gott, Mensch oder der größte literarische Schwindel der Geschichte? Gelehrte, die sich mit ihm beschäftigen, kann man in zwei disparate Lager einteilen: Diejenigen, für die der Wunder vollbringende Sohn Gottes der wirkliche Jesus ist. Und jene, die glauben, dass sich der wahre Jesus unter der Oberfläche der Evangelien verbirgt — und durch historische Recherchen zum Vorschein gebracht werden muss. Beide Lager reklamieren die Archäologie als Verbündete für sich, was zu manchen gereizten Debatten und seltsamen Allianzen führt.

“Die Abwesenheit eines Beweises ist kein Abwesenheitsbeweis.”

Wie unterschiedliche Jesu heutige Jünger sind, zeigt sich beim Besucher in Bethlehem, der antiken Stadt, die als sein Geburtsort gilt. Busladungen voller Touristen passieren jeden Tag die Kontrollstellen von Jerusalem zur Westbank. Die Busse spucken unablässig Passagiere aus: Inderinnen in prächtigen Saris, Spanier mit Rucksäcken, auf denen das Logo ihrer lokalen Gemeinde prangt, Äthiopier in schneeweißen Gewändern mit tätowierten Kreuzen auf der Stirn.

Suche in den Schriften: Die vier Evangelien

Am Krippenplatz zieht eine Gruppe von nigerianischen Pilgern durch den niedrigen Eingang in die Geburtskirche. Sie ist die älteste täglich genutzte christliche Kirche der Welt. Die ausladenden Seitenschiffe der Basilika sind eingerüstet und mit Planen abgedeckt. Ein Restaurierungsteam entfernt jahrhundertealten Kerzenruß von den vergoldeten Mosaiken aus dem 12. Jahrhundert an den oberen Wänden; sie befinden sich oberhalb der kunstvoll geschnitzten Zedernbalken, die im 6. Jahrhundert eingezogen wurden. Voller Ehrfurcht umkreisen die Pilger derweil ein Loch im Boden, das einen Blick auf den frühesten Kirchenbau gewährt. Er wurde 326 n. Chr. auf Anordnung von Konstantin erbaut, dem er römischen Kaiser, der sich taufen ließ.

Stufen führen hinab zu einer erleuchteten Grotte und einer kleinen, mit Marmor verkleideten Nische. Ein silberner Stern markiert die Stelle, an der Jesus Christus laut Überlieferung geboren wurde. Die Pilger knien nieder, um den Stern zu küssen und die Hände auf den kühlen, polierten Stein zu legen, bis sie ein Kirchenbeamter bittet weiterzugehen, damit auch andere den heiligen Stein berühren können – und durch ihn, wie der Glaube sagt, das Heilige Jesuskind selbst.

Lediglich zwei der vier Evangelien erwähnen Jesu Geburt, und sie liefern unterschiedliche Versionen: die Krippe und die Schafhirten bei Lukas; die drei Weisen, der Kindermord und die Flucht nach Ägypten bei Matthäus. Die Wahrheit wurde hier wohl für die Legende zurechtgebogen, vermuten Forscher: Möglicherweise verleg ten die Evangelisten die Geburt Jesu nach Bethlehem, weil das Alte Testament die Stadt als Geburtsort des Messias prophezeite.

Über Stock und Stein: Die Suche nach objektiven Belegen

Ausgrabungen in und um die Geburtskirche haben bislang keine Anzeichen dafür hervor gebracht, dass die Stätte den frühen Christen als heilig galt. Die ersten Spuren stammen aus dem 3. Jahrhundert. Um 248 besuchte der Theologe Origenes von Alexandrien Palästina. Er notierte: „In Bethlehem wird die Grotte gezeigt, in der [Jesus] geboren wurde.“ Im frühen 4. Jahrhundert schickte Kaiser Konstantin schließlich seine Mutter Helena mit einer Delegation ins Heilige Land. Sie sollte Orte identifizieren, die mit dem Leben Christi verbunden waren, und sie mit Kirchen und Schreinen weihen. Die Gesandten meinten, in der Grotte den Geburtsort Jesu entdeckt zu haben, und errichteten bald eine Kirche.

Die meisten Wissenschaftler wollen dagegen keine genauen Angaben zum Geburtsort machen: Die objektiven Belege sind einfach zu mager. Wie gut stehen schon die Chancen, den flüchtigen Besuch eines Paares vor über zwei Jahrtausenden zu beweisen? Und doch trifft hier ein Spruch zu, den man schon im Einführungskurs Archäologie lernt: Die Abwesenheit eines Beweises ist kein Abwesenheitsbeweis.

Rom und Jesus von Nazareth

In Bethlehem ist Jesu Spur zwar erkaltet, doch nur gute hundert Kilometer entfernt wird sie wärmer: in Galiläa, dem Hügelland im Norden Israels. Wie die Namen Jesus von Nazareth und Jesus der Nazarener nahelegen, wuchs Jesus in dem kleinen Bauerndorf Nazareth auf. Die politischen, ökonomischen und sozialen Strömungen im Galiläa des 1. Jahrhunderts könnten er klären, wie der Mann und seine Mission groß werden konnten. Das vermuten jedenfalls die Wissenschaftler, die Jesus als Menschen verstehen— als religiösen Reformer, Sozialrevolutionär oder sogar jüdischen Glaubenskrieger.

Das Römische Reich, das Palästina etwa 60 Jahre vor Christi Geburt unterworfen hatte, prägte das Leben damals wie keine andere Macht. Die meisten Juden ächzten unter Roms eiserner Hand, erdrückenden Steuern und einer fremden Religion. Viele Wissenschaftler sind der Ansicht, dass soziale Unruhen gute Bedingungen für einen jüdischen Provokateur schufen: Er er schien wie ein Blitz aus heiterem Himmel, prangerte die Reichen und Mächtigen an und segnete
die Armen und Ausgegrenzten.

Andere vermuten, dass Jesus von der griechisch-römischen Kultur beeinflusst wurde. John Dominic Crossan vom Jesus-Seminar veröffentlichte 1991 das Buch „Der historische Jesus“. Darin vertritt er die These, dass Jesus weniger jüdisch geprägt als vor allem kosmopolitisch eingestellt war: ein weiser Wanderprediger, dessen unkonventionelle Lebensweise und subversive Äußerungen auffallende Parallelen zu den Kynikern aufwiesen. Diese Philosophen des antiken Griechenlands waren nicht etwa zynisch im modernen Sinn des Wortes — vielmehr prangerten sie gesellschaftliche Konventionen wie Sauberkeit und das Streben nach Reichtum und Status an.

Crossans unorthodoxe These wurde zum Teil von archäologischen Entdeckungen gestützt, dass Galiläa nicht die landwirtschaftlich geprägte Provinz und isolierte jüdische Enklave war, für die man sie lange gehalten hatte. Galiläa wurde zu Jesu Zeiten urbaner und auch römischer. Außerdem verbrachte Jesus seine Kindheit nur fünf Kilometer von der römischen Provinzhauptstadt Sepphoris entfernt. Die Stadt wird in den Evangelien zwar nicht erwähnt. Doch die ehrgeizigen Bauvorhaben des Herodes Antipas, damals Herrscher von Galiläa, dürften Arbeiter aus allen Dörfern in der Umgebung angelockt haben. Forscher halten es für durchaus realistisch, dass Jesus als junger Handwerker in der Stadt arbeitete — und dort erstmals die Grenzen seiner religiösen Erziehung auslotete.

An einem strahlenden Frühlingstag sprießen nach dem Regen überall Wildblumen auf den Hügeln von Galiläa. Eric und Carol Meyers, Archäologen von der Duke University, wandern durch die Ruinen von Sepphoris. Das Paar hat 33 Jahre mit der Ausgrabung der weitläufigen Stätte verbracht – Dreh- und Angelpunkt einer hitzigen akademischen Debatte darüber, wie jüdisch Galiläa war. Und wie jüdisch Jesus.

Eric Meyers, schlaksig und weißhaarig, bleibt vor einem Haufen übereinander gefallener Säulen stehen. „Ziemlich erbittert“ sei der jahrzehntelange Streit darüber gewesen, welchen Einfluss die hellenisierte Stadt auf den jungen jüdischen Dorfsohn gehabt haben mag. Meyers deutet über eine weite Fläche mit sauber freigelegten Mauern: „Um an diese Häuser zu gelangen, müssen wir uns durch ein Feldlager aus dem 1948 graben. Da gab‘s auch scharfe syrische Granaten“, erklärt er. Erst darunter fanden sie, was den Streit beilegen sollte: „Mikwaot!“

Jesus – ein praktizierender Jude?

Mindestens 30 dieser jüdischen Ritualbäder fanden sich im fanden sich im Wohnbezirk von Sepphoris – die größte Konzentration dieser Privatbäder, die je von Archäologen entdeckt wurde. Nimmt man dazu die zeremoniellen Steingefäße und das auffällige Fehlen von Schweineknochen (Juden, die sich an die koscheren Speisevorschriften halten, essen kein Schweinefleisch), so ergibt sich ein klarer Beweis: Selbst diese kaiserlich-römische Stadt blieb während der Jahre Jesu ein sehr jüdischer Ort.

Die Erkenntnisse aus den Grabungen in Galiläa haben zu einer bedeutenden Verschiebung in der wissenschaftlichen Bewertung geführt, sagt Craig Evans, Professor für frühchristliche Studien an der Houston Baptist University. „Dank der Archäologie gibt es einen Wandel im Denken: von Jesus, dem kosmopolitischen Hellenisten, hin zu Jesus, dem praktizierenden Juden.“

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Als Jesus etwa dreißig Jahre alt war, stieg er zusammen mit Johannes, dem Täufer, in den Jordan — laut Neuem Testament ein Erlebnis, das sein Leben veränderte. Als er aus dem Wasser auftauchte, sah er den Geist Gottes „wie eine Taube“ über sich kommen und hörte, wie die Stimme Gottes proklamierte: „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Die göttliche Begegnung veranlasste Jesus, sich auf Wanderschaft zu be geben, zu predigen und Kranke zu heilen – von Galiläa bis nach Jerusalem, wo er schließlich hin gerichtet wurde.

Eine seiner ersten Stationen war Kapernaum, ein Fischerdorf an der Nordwestküste des Sees Genezareth. Hier traf Jesus auf die Fischer, die seine ersten Jünger wurden: Simon – später Petrus und sein Bruder Andreas, Jakobus und Johannes. Hier gründete Jesus seine erste Basis.

Der westliche Teil der Pilgerstätte Kapernaum, die von christlichen Reisenden gewöhnlich Stadt Jesu genannt wird, gehört heute den Franziskanern und ist von einem hohen Metallzaun umgeben. Ein Schild am Eingangstor stellt klar, was drinnen alles nicht erlaubt ist: Hunde, Schusswaffen, Zigaretten und kurze Röcke. Unmittelbar hinter dem Tor steht eine deplatziert wirkende moderne Kirche auf acht Strebestützen, die wie ein Raumschiff über einem Haufen Ruinen schwebt: Das ist die 1990 eingeweihte Petruskirche, die über einer der aufregendsten archäologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts steht.

Wer hierher kommt, verschwendet keinen Blick auf die atemraubende Aussicht über den See. Stattdessen richten sich alle Augen auf den Glasboden in der Mitte des Gebäudes. Durch ihn kann man die Ruinen einer 1500 Jahre alten achteckigen Kirche sehen. Darunter fanden franziskanische Archäologen 1968 Überreste eines Hauses aus dem 1. Jahrhundert. Offenbar war dieses private Wohnquartier in nur kurzer Zeit in ein öffentliches Versammlungshaus umgewandelt worden.

In der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts – nur wenige Jahrzehnte nach der Kreuzigung Jesu — waren die rohen Steinmauern des Hauses ver putzt und Küchengerät durch Öllampen ersetzt worden, die typisch für den Versammlungsort einer Gemeinde waren. Im Laufe der folgen den Jahrhunderte wurden Bitten an Christus in die Wände geritzt. Und als das Christentum im 4. Jahrhundert zur offiziellen Religion des Römi schen Reiches wurde, hatte man das Gebäude zu einem kunstvoll dekorierten Andachtsort erweitert. Heute ist es allgemein als Haus des Petrus bekannt. Es lässt sich zwar nicht feststellen, ob der Apostel tatsächlich hier gewohnt hat. Aber viele Gelehrte halten es für möglich.

In den Evangelien heißt es, Jesus habe die Schwiegermutter von Petrus geheilt, die zu Hause in Kapernaum mit Fieber daniederlag. Die Kunde vom Wunder verbreitete sich rasch, am Abend habe sich bereits eine große Menge von Leidenden an der Tür versammelt. Jesus habe die Kranken geheilt und Menschen erlöst, die von Dämonen besessen waren. Berichte wie dieser — von Menschenmassen, die zu Jesus kamen, um geheilt zu werden – passen zu dem, was man aus jener Zeit weiß: Krankheiten grassierten, die Kindersterblichkeit war hoch.

Das Boot Jesu

Am Westufer des Sees Genezareth, acht Kilometer von Kapernaum entfernt, liegt ein der 1986 zum Schauplatz einer Notausgrabung wurde. Wegen einer Dürre war der See auf ein außergewöhnlich niedrigen Wasserstand gefallen. Als zwei Brüder aus dem Kibbuz im Schlamm des freigelegten Ufers nach antiken Münzen suchten, erspähten sie die Umrisse eines Bootes. Archäologen untersuchten es und fanden Artefakte aus der Römerzeit. Die Radiokohlenstoffdatierung bestätigte das Alter: Das Boot stammte ungefähr aus der Zeit Jesu.

Bemühungen, die Entdeckung geheim zu halten, scheiterten schon bald. Die Nachricht vom „Jesus-Boot“ löste einen Ansturm von Reliquien jägern aus, die das Seeufer durchkämmten und das empfindliche Fundstück gefährdeten. Just da setzte Regen ein, und der Wasserstand begann wieder zu steigen.

Nun mussten die Archäologen schnell reagieren. Sie beschlossen eine Notausgrabung rund um die Uhr. In gerade mal elf Tagen schafften sie, wofür normalerweise Monate der Planung und Arbeit nötig gewesen wären. Da die wasserdurchtränkten Balken des Bootes an der Luft rasch zer fallen wären, verstärkten die Archäologen die Überreste mit einem Fiberglasrahmen, schäum ten sie mit Polyurethan ein und brachten das Boot in Sicherheit.

Heute nimmt das Boot einen Ehrenplatz im Museum auf dem Kibbuz-Gelände ein, nahe der Stelle, an der es entdeckt wurde. Es ist acht Meter lang und zwei Meter breit, 13 Männer und mehr hätten darin Platz gefunden – allerdings gibt es keine Beweise dafür, dass Jesus und seine zwölf Apostel gerade dieses Boot benutzt haben. Es sieht nicht besonders spektakulär aus: ein Skelett aus Planken, die mehrfach ausgebessert und re pariert wurden bis seine Besitzer es aufgaben.

Doch für Historiker ist der Fund von unschätzbarem Wert, sagt John Dominic Crossan vom Jesus-Seminar. Wenn man sieht, „wie schwer die Menschen arbeiten mussten, um das Boot flott zu halten, sagt mir das eine Menge über die ökonomische Lage am See Genezareth und die Fischerei zu Jesu Lebzeiten.“

Nur zwei Kilometer südlich vom „Jesus-Boot“ gab es eine weitere dramatische Entdeckung: an der Stätte des alten Magdala, dem Heimatort von Maria Magdalena, Jesu treuester Anhängerin. Franziskanische Archäologen begannen in den Siebzigerjahren mit der Ausgrabung eines Teils des Dorfes. Die nördliche Hälfte lag allerdings am Seeufer unter der ehemaligen Ferienanlage Hawaii Beach. Pater Juan Solana hatte als päpstlicher Gesandter eigentlich die Aufgabe, ein christliches Gästehaus in Jerusalem zu leiten. Doch Solana „verspürte die Weisung Christi“, in Galiläa ein spirituelles Zentrum für Pilger zu errichten. Er sammelte Millionen von Dollar und kaufte Seegrundstücke, darunter auch die ehemalige Ferienanlage.

Ist dies das Gesicht von Maria Magdalena?

Die freigelegten Ruinen einer Synagoge in Galiläa oder das "israelische Pompeji"

Als 2009 die Bauarbeiten beginnen sollten, begutachteten, wie es gesetzlich vorgeschrieben war, Archäologen der Israelischen Antikenverwaltung die Stätte. Sie untersuchten den steinigen Boden und entdeckten zu ihrem Er staunen die verschüttete Ruine einer Synagoge aus der Zeit Jesu — das erste Gebäude dieser Art, das in Galiläa freigelegt wurde. Der Fund war von besonderer Bedeutung. Er widerlegte ein Argument der Skeptiker: Noch Jahrzehnte nach dem Tod Jesu habe keine Synagoge in Galiläa existiert. Somit seien auch die Evangelien falsch, die Jesus als treuen Synagogenbesucher darstellen — der an diesen jüdischen Versammlungsorten oft seine Botschaft verkündet und Wunder vollbracht habe.

In den freigelegten Ruinen fanden die Archäologen einen Mosaikboden und mit Bänken gesäumte Mauern — den Hinweis, dass es sich um eine Synagoge handelte. In der Mitte des Raums fanden sie einen Stein, groß wie eine Truhe und mit eingeschnitzten Reliefs, die die heiligsten Elemente des Jerusalemer Tempels darstellen. Der Magdala-Stein, wie das Artefakt genannt wurde, machte der Vorstellung ein Ende, die Galiläer seien gottlose Hinterwäldler gewesen, die nichts mit dem religiösen Zentrum Jerusalem zu tun hatten. Die Archäologen gruben weiter— und legten weniger als 30 Zentimeter unter der Oberfläche ein ganzes Dorf frei. Die Ruinen waren so gut erhalten, dass manche Magdala nun als das „israelische Pompeji“ bezeichneten.

Das Grab von Jesus

Die Archäologin Dma Avshalom-Gorni führt mich durch die Stätte und deutet auf die Überreste von Lagerräumen, rituellen Bädern und auf ein Arbeiterviertel, wo möglicherweise Fische verarbeitet und gehandelt wurden. „Ich kann mir genau vorstellen, wie Frauen hier auf dem Markt Fisch kauften“, sagt sie und nickt in Richtung der Fundamente steinerner Verkaufsstände. War unter diesen Frauen sogar die berühmte Tochter des Dorfes, Maria Magdalena?

Pater Solana, der all diese Funde ermöglicht hat, kommt zur Begrüßung vorbei. Was erzählt er den Besuchern, die wissen möchten, ob Jesus je auf diesen Straßen wandelte? „Eine Antwort auf diese Frage kann man nicht von uns erwarten“, gibt er zu. „Aber die Evangelien erwähnen Jesus oft in einer Synagoge in Galiläa.“ Und diese hier war zu seinen Lebzeiten in Betrieb und lag nur eine kurze Segelstrecke von Kapernaum entfernt. Solana folgert: „Wir haben keinen Grund zweifeln, dass Jesus hier war.“

Jesus und Pontius Pilatus

An jeder Station meiner Reise durch Galiläa scheinen die schwachen Fußabdrücke deutlicher hervorzutreten. Aber erst bei meiner Rückkehr nach Jerusalem werden sie endlich plastisch. Im Neuen Testament ist die alte Stadt der Schauplatz der dramatischsten Momente seines Lebens: sein triumphaler Einzug, die Tempelreinigung, seine Heilungswunder an den Teichen von Bethesda und Siloah - beide Orte wurden von Archäologen freigelegt—‚ seine Zusammenstöße mit den religiösen Autoritäten, sein letztes Abendmahl, sein verzweifeltes Gebet im Garten Gethsemane, sein Prozess, die Hinrichtung, das Begräbnis und die Auferstehung.

Das Christusgrab

Anders als bei der Geburt Jesu stimmen die vier Evangelien in ihrem Bericht über seinen Tod weitaus mehr überein. Nach seiner Ankunft zum Passahfest in Jerusalem wird Jesus vor den Hohepriester Kaiphas gebracht und der Blasphemie angeklagt. Vom römischen Gouverneur Pontius Pilatus zum Tod verurteilt, wird er auf einem Hügel außerhalb der Stadtmauern gekreuzigt und in einem Felsengrab in der Nähe bestattet. Die überlieferte letzte Ruhestätte, heute die Grabeskirche, gilt als der heiligste Ort der Christenheit.

Hier kam ich auf die Idee, nach dem wirklichen Jesus zu suchen. 2016 unter nahm ich mehrere Reisen, um die historische Restauration der Ädikula zu dokumentieren, des Schreins, der das Grab Jesu beherbergen soll. Ganze Nächte verbrachte das Restaurierungsteam in der leeren Kirche, stieß auf dunkle Nischen mit Hunderten Graffiti und Gräbern königlicher Kreuzritter. Nachdem die Marmorverkleidung entfernt worden war, wurde eines der wichtigsten Monumente der Welt sichtbar: eine schlichte Kalksteinbank, die von Gläubigen seit zwei Jahrtausenden verehrt wird, die jedoch seit etwa tausend Jahren niemand mehr gesehen hat. Die Archäologen hofften, dass dieser eine Moment der Freilegung all die Fragen der Geschichte beantworten würde.

Viele Beweisketten laufen in dieser alten Stätte zusammen. Nur Meter vom Christusgrab entfernt befinden sich weitere in den Felsen gehauene Gräber. Sie bestätigen, dass die Kirche tatsächlich über einem jüdischen Friedhof errichtet wurde. Die Gemäuer sind gesäumt von archäologischen Funden, die im Laufe der Jahre in Jerusalem und anderswo geborgen wurden. Sie verleihen der Heiligen Schrift und den Überlieferungen zum Tod Jesu Glaubwürdigkeit. Dazu gehören ein geschmücktes Ossarium, das die Gebeine von Kaiphas enthalten soll; eine Inschrift, die Pontius Pilatus‘ Herrschaft bestätigt; ein Fersenknochen, durch den ein eiserner Kreuzigungsnagel getrieben ist. Er stammt aus dem Grab eines Jerusalemer Juden namens Yehohanan.

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In der Osterwoche 2017 glänzt der Schrein von Ruß gereinigt in all seiner Herrlichkeit. Die Marmorverkleidung ist wieder an Ort und Stelle. Sie schützt die Grabbank vor den Menschen, die Schulter an Schulter auf Zutritt zu dem winzigen Schrein warten. Schützt sie vor Pilgern wie den drei Russinnen mit Kopftuch, die sich in die Kammer zwängen, vor ihren Küssen und all den Rosenkränzen und Gebetsbildern, die endlos an der von der Zeit polierten Oberfläche gerieben werden. Die jüngste Frau bittet Jesus flüsternd, ihren Sohn Jewgenij zu heilen. Er hat Leukämie.

Ein Priester am Eingang erinnert laut daran, dass die Zeit abgelaufen sei, dass andere Pilger warten. Widerstrebend stehen die Frauen auf und gehen nacheinander hinaus. Dieser Moment zeigt: Für wahre Christen ist ihr Glaube an Leben, Tod und Auferstehung des Gottessohns Beweis genug.

Und trotzdem werden Wissenschaftler weiter nach dem historischen Jesus suchen. Ihre Mission ist ein mühevoller Weg, voller wechseln der Theorien, unvereinbarer Fakten, Fragen ohne Antworten. Und doch werden sie der Wahrheit Stück für Stück näher kommen.

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