Geschichte und Kultur

Große Aufregung um gravierten Wikinger-Kamm

Der 1.000 Jahre alte Kamm mit der Inschrift könnte Hinweise auf die Entstehung des damals neuen Runenalphabets geben. Dienstag, 13 Februar

Von Sarah Gibbens

Vermutlich hat sich noch nie jemand so sehr über einen Kamm gefreut wie der dänische Archäologe Søren Sindbæk.

Er und ein Team aus Archäologen der Universität Aarhus gruben das Objekt vor Kurzem in einer historischen Wikingersiedlung namens Ribe in Dänemark aus.

Was er noch spannender findet: Das Wort „Kamm“ ist auf einer Seite eingraviert, während auf der anderen „kämmen“ steht.

Für jeden, der kein professioneller Archäologe oder Experte für die Geschichte der Wikinger ist, ist das vermutlich nicht so spannend. Aber der Fund könnte Historikern etwas über die Entstehung des Runenalphabets der Wikinger erzählen.

Um die Bedeutung des Kamms zu verstehen, muss man einen Blick auf das 8. Jahrhundert werfen – eine wichtige Zeit für die Wikinger. Es war der Beginn der Wikingerzeit, die im Jahr 793 begann, und die Sprache in der Region hatte Jahrhunderte der Evolution hinter sich.

Plötzlich änderte sich das Alphabet. Die Runen, die von den Vorfahren der Wikinger benutzt wurden, wurden einheitlicher und „moderner“.

Die großen, vertikalen neuen Linien ließen sich einfacher in Stein oder Holz ritzen, sagt Sindbæk.

„Wir wissen nicht, warum oder wann das passiert ist“, erzählt er über die Nutzung des neuen Alphabets. „Das schien nicht allmählich passiert zu sein.“

Das bedeutet, dass das neue Alphabet wahrscheinlich von einer einzelnen Person oder Institution entwickelt und dann verbreitet wurde. Aber warum, wann und von wem? Da sind sich die Archäologen noch nicht sicher.

VERBREITUNG DER RUNEN

Als das neue System sich etabliert hatte, konnten die Wikinger in den von ihnen kontrollierten Gebieten Europas eine einheitliche Form der schriftlichen Kommunikation nutzen. Das hätte beispielsweise den Handel vereinfacht.

Dass der Kamm als solcher beschriftet wurde, deutet auf eine frühe Verwendung des Alphabets hin, so Sindbæk.

„Es gibt eine gewisse Redundanz“, sagt er über die Anzeichen für so eine Verwendung der Runen. „Man schreibt sie auf recht eindeutige Gegenstände.“

Auch Henrik Williams von der Universität Uppsala hat sich eingehend mit den Runen befasst. Seine Theorie dazu, warum der Kamm auf diese Weise beschriftet wurde, unterscheidet sich von der Sindbæks. Zum einen könnte die Beschriftung Menschen mit Erkrankungen wie Demenz oder Kindern dabei geholfen haben, die Sprache zu lernen und zu üben.

„Es gab keine Schulen. Man hätte einem Kind das Lesen und Schreiben von Runen also beispielsweise beibringen können, indem man Worte auf Haushaltsgegenstände schreibt“, erklärt er.

Eine weitere Theorie besagt, dass die Runen vielleicht einem bestimmten Zweck dienten oder als magisch galten. Erst mit der großflächigen Verbreitung des neuen Alphabets konnten Archäologen Belege dafür finden, dass es für die alltägliche Kommunikation genutzt wurde, beispielsweise um Nachrichten zu überbringen.

Schlussendlich, so sagt Williams, sind „beide Erklärungen nur Hypothesen, aber jede neue Entdeckung dieser Schriftzeichen ist ein weiteres Teil des Puzzles.“

WEITERE ARTEFAKTE

Neben dem Kamm fand das Team der Universität Aarhus einen Teller, der aus einer Art Elfenbein oder aus einem Geweihstück gefertigt wurde. Darauf steht irgendein Wort in Runenschrift, aber das Objekt war zu beschädigt, um es entziffern zu können. Die Archäologen vermuten, dass es sich um einen weit verbreiteten Wikingernamen handeln könnte: Tobi. Das Material und die Fertigungsweise deuten darauf hin, dass das Objekt zeremoniell an einer Kiste oder einem Sarg angebracht wurde.

Die beiden frühen Runenartefakte sind nur zwei der zahlreichen Gegenstände, die man in Ribe gefunden hat. Es ist die älteste Stadt Skandinaviens und damit auch die erste bekannte Wikingersiedlung.

Im vergangenen Jahr wurden schon zwei andere Runenobjekte gefunden: Eines ist ein einfaches Bügelwerkzeug und das zweite ist ein Schädel, in dem ein Satz eingraviert wurde, um den Gott Odin zu beschwören.

Gussformen, die ebenfalls im letzten Jahr in der Siedlung gefunden wurde, passen zu Metallarbeiten, die man in ganz Europa gefunden hat. Für Sindbæk deutet das darauf hin, dass Ribe zum Beginn des Wikingerzeitalters eine zentrale Rolle spielte.

Sarah Gibbens auf Twitter und Instagram folgen.

Wei­ter­le­sen