Geschichte und Kultur

Stirbt das Landleben aus?

Deutschlands Dörfer veröden. Immer mehr Menschen zieht es in die Städte. Neue Studien zeigen, wie der ländliche Raum sich neu erfinden kann.Samstag, 3. Februar 2018

Von Jens Voss
Dörfliches Sachsen: Der Trend zur Landflucht ist ungebrochen.

Die Welt wird zur Stadt. Bis 2050 werden zwei von drei Menschen im urbanen Raum leben, schätzt die UNO. Schon heute sind es weit über 50 Prozent und in Deutschland sogar fast 80 Prozent, wie das Statistische Bundesamt errechnet hat. Aus ganzen Landstrichen strömen die Menschen in die Städte. Vielerorts veröden Dörfer, Häuser werden aufgegeben. Zurück bleiben oft nur Pendler, Arbeitslose und Senioren. Gerade Regionen, die wenig Lebensqualität, Arbeitschancen und Entwicklungsmöglichkeiten bieten, müssen mit einem massiven Einwohnerverlust rechnen.

Das Dilemma: Die Landbevölkerung überaltert. Laut einer neuen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zieht es vor allem junge Akademiker in die Metropolen – ein fataler Kreislauf, der nur schwer zu durchbrechen sei. Denn wo es kaum noch Kinder gibt, schließen Kitas und Schulen. Fazit: Immer mehr Familien ziehen weg, Unternehmen finden kaum noch Fachkräfte. Umso wichtiger sei es, Kinderbetreuungsangebote auf dem Land zu erhalten und die Mobilität durch einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs zu fördern.

Das untermauert auch eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung. Darin bewerten die Autoren die geringe Bevölkerungsdichte auf dem Land als Segen und Fluch zugleich. Einerseits schätzen viele Menschen die Beschaulichkeit, Übersichtlichkeit und naturnahe Umgebung. Andererseits schreckt der Mangel an technischer, kultureller und sozialer Infrastruktur immer mehr Menschen von einem Leben auf dem Land ab. Daran ändern auch die Trends zum Hausgemachten, Handwerk und Hofladen wenig. Landidylle? Am Wochenende gern. Ganz aufs City-Leben verzichten wollen die meisten Großstädter aber doch nicht.

Die City boomt: Schon heute leben rund 80 Prozent der deutschen Bevölkerung wie hier in Berlin im urbanen Raum.

Schnelles Internet für mehr Lebensqualität auf dem Land

Experten wie Kirsten Witte von der Bertelsmann Stiftung beobachten drei grundlegende Bevölkerungstrends in Deutschlands: „Die Wanderung von Osten nach Westen, von Norden nach Süden und vom Land in die Stadt.“ Zu den besonders beliebten Regionen gehören das Rhein-Main-Gebiet mit seinen zahlreichen Forschungseinrichtungen und Hochschulen sowie unter anderem Großstädte wie Berlin, München, Köln und Hamburg.

Sind Deutschlands Dörfer überhaupt noch zu retten? Neue Hoffnung setzen die Autoren der Bertelsmann-Studie auf den flächendeckenden Ausbau eines schnellen Internets auf dem Land. Dies sei die Voraussetzung dafür, dass moderne Lebens- und Arbeitsbedingungen im ländlichen Raum überhaupt möglich sind. Denn vom Highspeed-Surfen können viele Menschen fernab der Ballungsräume derzeit nur träumen.

„Wir müssen ein Gleichgewicht der Lebensqualität zwischen ländlichem Raum und Ballungszentren schaffen“, fordert Staatssekretär Heinrich Bottermann.

Kein Wunder, dass der Breitbandausbau auch Landes- und Regionalpolitikern immer stärker unter den Nägeln brennt. „Wir müssen ein Gleichgewicht der Lebensqualität zwischen ländlichem Raum und Ballungszentren schaffen“, fordert etwa Heinrich Bottermann, Staatsekretär im Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz in Nordrhein-Westfalen. „Wir brauchen eine Aufbruchstimmung im ländlichen Raum.“ Der Mobilfunkstandard 5G soll neue Schubkraft geben.

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Von der Großstadt zurück auf Land?

Mehr Lebensqualität auf dem Land – darauf zielt auch eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Hierzu hat das Institut untersucht, mit welchen Ideen sich verschiedene dörfliche Gemeinschaften dem Trend zur Landflucht widersetzen. In weiten Teilen Deutschlands habe man Ortschaften gefunden, in denen sich Altangesessene und Zugezogene dafür engagieren, ihr Land neu zu erfinden. Gerade land- und fortwirtschaftliche Familienbetriebe können der Studie zufolge eine Menge für die Stabilität und Entwicklung des ländlichen Raums beitragen. Nicht zuletzt durch Ökolandbau, Bauernmärkte, Tourismus und kulturelle Angebote, wie Institutsdirektor Reiner Klingholz hervorhebt.

Gibt es sogar Chancen auf eine Renaissance des Landlebens? Klingholz ist zuversichtlich: „Wo immer es möglich war, in diesen Branchen gut zu wirtschaften und Arbeitsplätze zu schaffen, finden sich auch Menschen, die nicht nur diese Arbeit verrichten, sondern tatsächlich gerne auf dem Land leben wollen – darunter junge Familien, die dort bezahlbare Unterkunft finden, Ruhe und Platz, wo sich auch Kinder austoben können.“

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