Geschichte und Kultur

Grabfund: Müttersterblichkeit im Alten Ägypten

Ein 3.700 Jahre altes Grab mit einer Frau, die kurz vor der Geburt stand, könnte Hinweise auf die Überlebenschancen werdender Mütter im Alten Ägypten liefern.Montag, 19. November 2018

Von Nina Strochlic
Die Skelette einer Ägypterin und ihres ungeborenen Kindes wurden nahe Assuan von einem italienisch-amerikanischen Team ausgegraben.

Im Alten Ägypten beteten schwangere Frauen zu Taweret, der Schutzgöttin der Geburt, die einen Nilpferdkörper hatte, und zu der zwergenähnlichen Gottheit Bes, die über kleine Kinder und Schwangere wachte. Zum Schutz trugen die Frauen Amulette in Form von Ketten und Armbändern. Wie viele anderen Kulturen verehrten auch die Ägypter den Vorgang der Geburt und priesen Fruchtbarkeit an – und wie fast überall auf der Welt war und ist die Geburt in vorindustriellen Gesellschaften eine oft tödliche Angelegenheit.

Die Entdeckung eines Fötus aus dieser Epoche, der sich noch im Mutterleib befindet, sei eine Seltenheit, sagt die Professorin Sandra Wheeler. Die Knochen könnten Hinweise auf die Müttersterblichkeit im Alten Ägypten liefern.

Ein neu entdecktes Grab in Ägypten enthielt die 3.700 Jahre alten Überreste einer schwangeren Frau und ihres Babys, das kurz vor der Geburt gestanden hatte. Laut einer Ankündigung des ägyptischen Ministeriums für Altertümerangelegenheiten entdeckte ein italienisch-amerikanisches Ausgrabungsteam das Skelett in einem Friedhof in der Nähe von Assuan im Süden des Landes. Das Baby im Beckenbereich war mit dem Kopf nach unten gerichtet und könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Frau aufgrund von Komplikationen bei der Geburt verstarb.

Die Entdeckung eines Fötus aus dieser Epoche, der sich noch im Mutterleib befindet, sei eine Seltenheit, erzählt die Bioarchäologin Sandra Wheeler, eine Professorin an der University of Central Florida. „Das bekräftigt auch die Vorstellung, dass die Geburt eine heikle Angelegenheit war und die Menschen immerfort mit der Müttersterblichkeit konfrontiert waren“, sagt sie. „Das ist etwas, mit dem Frauen auch heute noch zu tun haben.“

Ohne noch vorhandenes Gewebe sei es Wheeler zufolge aber unmöglich, die Todesursache der Frau mit Sicherheit festzustellen. In der Pressemitteilung zu der Entdeckung hieß es, dass das Becken der Frau schief stand, was laut Wheeler auf ein physisches Trauma oder eine Mangelernährung in den entscheidenden Entwicklungsjahren hindeuten könnte. Diese Hinweise „erzählen uns etwas über das Leben und die Kindheit [der Frau]“.

Wheeler war an der aktuellen Entdeckung zwar nicht beteiligt, arbeitet zusammen mit anderen Archäologen aber gerade daran, ein umfassendes Bild vom Leben der Frauen im Alten Ägypten zu zeichnen, von der Schwangerschaft über die Geburt bis zur Entwöhnung des Babys. Sie graben derzeit einen Friedhof in der Oase Dachla in Ägyptens westlicher Wüste aus. Dort wurden 200 unausgereifte Föten einzeln begraben, die vermutlich allesamt Fehlgeburten waren. „Es geht auch um das Konzept des Menschseins“, sagt sie. „Galten sie als vollwertige Menschen? Sie wurden zumindest so begraben, als sei das der Fall.“

Es ist schwer, auf die genauen Zahlen und Ursachen der Müttersterblichkeit im Alten Ägypten zu schließen. Forscher nehmen sich aber aktuelle Daten aus Gemeinden zu Hilfe, die keinen Zugang zu Krankenhäusern oder Ärzten haben, um so die Risiken besser zu verstehen, denen Frauen vor Jahrtausenden ausgesetzt waren. „Wir betrachten [Mütter- und Kindersterblichkeit] als Problem der Vergangenheit, aber das ist es nicht“, sagt Wheeler.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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