Geschichte und Kultur

Qin-Dynastie: Theorie zu Chromwaffen-Technologie widerlegt

Jahrzehntelang glaubten Forscher, dass die 2.200 Jahre alten Bronzewaffen der Terrakottakrieger so gut erhalten sind, weil sie verchromt wurden.Tuesday, July 9, 2019

Von Jen Pinkowski
Die Terrakottaarmee wurde erschaffen, um dem ersten Kaiser Chinas im Nachleben zu dienen.

Wenn die Badezimmerarmatur daheim silbrig glänzt, dann ist sie wahrscheinlich verchromt. Experimente mit dieser Anti-Rost-Technologie begannen in Europa im 19. Jahrhundert. Dennoch zirkulierte in wissenschaftlichen Kreisen und in den Medien 40 Jahre lang eine alternative Theorie: Die Chromatierung wurde bereits im dritten Jahrhundert v. Chr. in China erfunden. Dort wurden die Bronzewaffen der Terrakottaarmee im Kaisergrab von Qín Shǐhuángdì verchromt, damit sie nicht korrodierten. Diese Behauptung ist Ort vor sogar auf einer Plakette im Museum von Xi’an zu lesen.

Die Theorie stammt aus den Siebzigern – jenem Jahrzehnt, in dem die Welterbestätte entdeckt wurde. Frühe Ausgrabungsberichte deuteten darauf hin, dass eine Oberflächenbehandlung den ausgezeichneten Zustand der 2.200 Jahre alten Bronzewaffen erklären könnte. Chinesische Wissenschaftler wiesen damals mit Hilfe moderner Technik eine Chromschicht auf einer kleinen Materialprobe von den Waffen nach. Die Forscher mutmaßten, dass die Waffen in eine Chromsalzlösung getaucht worden waren. Diese Technik wird als Chromatieren bezeichnet und auch heute noch als Korrosionsschutz angewendet.

Forscher glaubten, dass eine Chromschicht die Bronzewaffen 2.200 Jahre lang vor dem Verfall schützte.

Zur Zeit der Qin-Dynastie wäre die Technik revolutionär gewesen. Wie sich herausstellte, existierte sie damals aber noch gar nicht.

Terrakotta-Armee unter dem Mikroskop

Forscher des University College London und des Museums am Mausoleum Qin Shihuangdis untersuchten im Rahmen einer Studie, die in „Scientific Reports“ erschien, 464 bronzene Pfeilspitzen, Ringbeschläge und Schwertklingen, -knäufe und Parierstangen.

Mit Hilfe von Röntgenspektroskopieverfahren analysierten sie die Oberfläche und Struktur des Metalls. Eine zusätzliche Röntgenfluoreszenzanalyse offenbarte die chemische Zusammensetzung des Materials.

Dank der großen Zahl an Proben konnten sie feststellen, wo das vermeintliche Chrom am häufigsten zu finden war und wo nicht.

(Altes Kaisergrab enthielt die Knochen eines unbekannten Primaten)

Für gewöhnlich trat es dort auf, wo das Metall mit lackierten und bemalten Griffen, Schäften und sonstigen Einzelteilen aus Holz oder Bambus in Kontakt kam. An jenen Stellen der Waffe, wo die Bronze am besten erhalten war, fand sich keine Spur von Chrom. Weitere Analysen zeigten schließlich, dass der Lack die Quelle des Chroms war, welches die früheren Forscher entdeckt hatten.

Ein genauer Blick auf die Bodenbeschaffenheit der Stätte lieferte weitere Hinweise: Er ist alkalisch und feinkörnig, wodurch organisches Wachstum und die Belüftung gehemmt wurden. All diese Faktoren können im Laufe der Zeit zu einem besseren Erhalt von Metallgegenständen beitragen.

Die Chromspuren stammten also vom Lack und der gute Zustand der Waffen war auf den Boden zurückzuführen.

Geschichten aus dem Kaiserreich

W. Thomas Chase, ein Experte für die Restauration chinesischer Bronzeerzeugnisse, fand, dass „[das] Team einen sehr guten Job dabei gemacht hat, die Theorie zur Chromdatierung zu widerlegen und eine realistische Alternative zu präsentieren“. Die Analyse der verschiedenen Materialien – Metall, Lack und Boden – sei „genau das, was wir brauchen, um die Korrosion und den Erhalt von Metallartefakten über einen langen Zeitraum zu verstehen“.

Robert Murowchick, der stellvertretende Direktor des Zentrums für Asienstudien an der Boston University, merkt allerdings an, dass die ursprüngliche Theorie der Chromatierung, an der lange Zeit festgehalten wurde, gar nicht so unrealistisch war. „Es war nicht völlig verrückt anzunehmen, dass Bronze in den Werkstätten der Qin-Dynastie bewusst mit Chrom behandelt wurde, um Korrosion vorzubeugen.“

„Das wäre sowohl für die Gelehrten als auch für die Öffentlichkeit eine verlockende Erklärung gewesen“, sagt Murowchick. „Sie stellt eine schöne Parallele zu Geschichten dar, die von frühen chinesischen Historikern überliefert wurden und von der Faszination – oder gar Besessenheit – des Qin-Kaisers sprachen, der unbedingt ein Elixier der Unsterblichkeit entdecken wollte.“

Der Hauptautor der Studie, Marcos Martinon-Torres von der Cambridge University, gibt zu, dass er von den Funden selbst überrascht war. Auch er fand die Forschung aus den Siebzigern „bemerkenswert überzeugend. Sie haben das sogar in Experimenten nachgestellt. Sie haben andere Hypothesen ausgeschlossen. Ich war definitiv geneigt, ihnen zu glauben.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

Wei­ter­le­sen