„Es ist ein riesiges Puzzle“

Wie sich das Bild der Urzeitgiganten gewandelt hat und warum die Fossilienforschung aktueller denn je ist, erklärt der Paläontologe Bernd Herkner.Donnerstag, 1. August 2019

Herr Herkner, Sie beschäftigen sich seit Langem mit Dinosauriern. Woher kommt Ihre Begeisterung für die Urzeit?

Das fing bei mir schon als Kind in den Sechzigerjahren mit dem „Was ist was?“-Buch an. Ich fand die Tiere faszinierend und geheimnisvoll. Aber sie wurden damals noch ganz anders dargestellt. Das waren träge Gesellen, die angeblich zum Teil im Wasser lebten, weil sie so schwer waren. Die Dinosaurier-Forschung war noch nicht sehr weit. Heute gibt es Indizien dafür, dass die Tiere Warmblüter und damit durchaus aktiv waren. Unser Bild von den Dinosauriern hat sich komplett verändert. Daher ist auch die Rede vom „schwerfälligen Dino“ im übertragenen Sinn überholt.

Zuletzt sind viele neue Dinosaurierarten entdeckt worden. Man spricht sogar von 50 pro Jahr. Wie viele kennt man heute?

Es sind um die tausend. Allerdings müssen vermeintliche Entdeckungen auch immer wieder zurückgenommen werden. Von manchen „Arten“ gibt es nur einen Knochen. Findet man dann ein ganzes Skelett, zu dem dieser passt, stellt man fest: Ach, das war wohl doch nur die Variante einer schon bekannten Art, vielleicht aus einer anderen Wachstumsphase.

Woran liegt es, dass man so viele Fossilien findet? Ist die Aufmerksamkeit für Dinosaurier gewachsen?

Da muss man kurz zurückblicken: Im 19. Jahrhundert gab es in den USA die „Bone Wars“, als sich vor allem die beiden Paläontologen Cope und Marsh eine Art Wettkampf darum lieferten, wer mehr findet. Das ließ aber nach, nachdem die beiden nicht mehr aktiv waren. Später hat man unter Paläontologen eher die Nase gerümpft, wenn jemand sich mit Dinosauriern beschäftigt hat. „Richtige“ Paläontologen haben sich mit vernünftigen Sachen befasst – mit Leitfossilien zum Beispiel. Damit kann man das Alter von Gesteinsschichten bestimmen, das hat einen praktischen Nutzen.

Dinosaurierknochen auszugraben war etwas für Freaks?

Genau. Dinosaurier galten eben als Kinderkram. Das hat sich sehr geändert, nicht nur, weil Animationsfilme wie „Jurassic Park“ aufkamen, in denen die Dinosaurier plötzlich lebendig wurden. Es hat auch damit zu tun, dass es jetzt eine neue Generation von Paläontologen gibt. In China zum Beispiel haben veränderte politische und ökonomische Verhältnisse dazu geführt, dass man dort verstärkt gräbt. Es gibt nun mehr Know-how, mehr Universitäten, mehr Bildung. Und davon profitieren einheimische Wissenschaftler, die sich für Dinosaurier interessieren. Früher gruben in China Amerikaner oder Deutsche, weil sie Forschungsgelder hatten, aber sie unterlagen auch Restriktionen. Jetzt graben die Chinesen selbst. Außerdem gibt es viele Kooperationen – auch das Senckenberg-Institut unterhält welche. Und auf einmal öffnet sich ein riesiges Land mit riesigen Dinosaurier-Vorkommen. In der Millionenstadt Zigong steht eines der größten Dinosaurier-Museen der Welt. Warum? Weil diese Stadt geradezu auf Dinosaurierknochen gebaut ist. Wenn Sie dort ein Haus bauen, stoßen Sie unweigerlich darauf.

Wo lohnt sich die Suche nach Dinosaurierfossilien noch?

In Afrika könnte man unglaublich viel finden, wenn die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse anders wären. Die Menschen haben dort einfach andere Probleme. Und es ist zum Teil auch zu gefährlich zum Graben. In Marokko sind die Bedingungen günstig, dort wird viel geforscht. Interessant ist nach wie vor Argentinien: Da finden Sie die ältesten, die größten und zum Teil auch merkwürdigsten Dinosaurier. Aber auch in diesem Land spielt die Wirtschaftskrise eine Rolle. Es gibt gut ausgebildete Forscher, sie haben nur nicht die finanziellen Mittel.

Wie findet ein Paläontologe eigentlich Überreste von Dinosauriern?

Zunächst weiß er natürlich, in welcher geologischen Formation er danach suchen muss, etwa in Ablagerungen aus der Kreidezeit. Knochen von Dinosauriern findet man fast ausnahmslos im Zusammenhang mit Flussmündungen und Überschwemmungsgebieten. Dort sind die toten Tiere angedriftet. Die sogenannten bone beds in den USA und Kanada sind gute Beispiele dafür. Dort ist der Rahmen abgesteckt: Man kennt die Epochen, man weiß, welche Tiere da hauptsächlich gelebt haben. Die Knochen liegen dann wild durcheinandergewürfelt, weil sie zusammengespült wurden. Es ist ein riesiges Puzzle. An solchen Hotspots in manchen Regionen Nordamerikas findet man auch Hunderte von Dinosaurierfährten.

Ein Paläontologe muss also puzzeln?

Allerdings. Selten findet man ganze Tiere. Auch der große Diplodocus im Senckenberg-Museum ist aus fünf Individuen zusammengefügt worden. Das ist durchaus die Regel. Schauen Sie sich mal dieses bone bed an. (Er schlägt eine Illustration in einem großformatigen Buch auf.) Das hier ist das Schulterblatt eines Sauropoden. Dies ist ein Schwanzwirbel und dies ein Rückenwirbel. Sie suchen sich zum Beispiel die gleich großen Wirbel heraus und fügen die zusammen. Diese Situation ist der Normalfall. Nicht so wie in „Jurassic Park“, wo man auf dem Bildschirm des Forschers ein komplettes Skelett sieht und sofort weiß: Aha, da liegt jetzt ein Dinosaurier.

Welche Fossilien aus der Urzeit findet man in Deutschland?

Kaum Landfossilien von Dinosauriern, sondern vor allem Meeresfossilien wie den Pterodactylus aus dem Solnhofener Plattenkalk im Altmühltal. Denn während des Jura war Mitteleuropa eine Insellandschaft im damaligen Tethysmeer. Der Meeresspiegel lag zum Teil hundert Meter höher als heute. Und so haben sich Flugsaurier erhalten, die ins Wasser fielen.

Die Geschichte der Dinosaurier erzählt von Klimakatastrophen und extremen Lebensbedingungen. Können wir etwas daraus lernen?

Relevant wird die Urzeit, wenn wir über den Verlust von Biodiversität sprechen. Die Dinosaurier sind in diesem Zusammenhang auch deshalb interessant, weil sie als große Tiere oft am Ende der Nahrungskette standen. Da ist die Gefahr des Aussterbens viel größer, und das ist etwas, was wir gut auf heutige Säugetiere übertragen können. Im Grunde ist die paläontologische Forschung jetzt aktueller denn je, um abschätzen zu können, wie lange es dauert, bis sich ein Lebensraum etwa nach einer Naturkatastrophe regeneriert hat, wenn zwischen 70 und 90 Prozent der Tierarten ausgestorben sind. Denn das gab es schon. Wir können daher abschätzen, dass es zehn Millionen Jahre dauert, bis sich die Artenvielfalt wieder erholt hat. Und aus der Paläontologie wissen wir zum Beispiel auch, was passieren kann, wenn der Meeresspiegel ansteigt oder wenn sich der Säuregehalt der Meere verändert.

Was empfinden Sie, wenn Sie sich mit diesen ungeheuer langen Zeiträumen der Naturgeschichtliche beschäftigen?

Vor allem Demut. Die Zusammenhänge in der Natur sind so komplex, dass wir uns nicht einbilden können, sie steuern zu können. Alles hängt miteinander zusammen. Wenn ein Ökosystem aus den Fugen geraten ist, gibt es ab einem bestimmten Punkt keinen Weg mehr zurück. Das gilt auch im Kleinen: Als Biologe empfinde ich schon Demut gegenüber meinem Körper mit seinen hundert Billionen Zellen, die Jahrzehnte lang perfekt arbeiten – sie teilen sich, sterben ab, neue entstehen. Und sie alle haben eine klar definierte Aufgabe. Wirklich unglaublich, dass das funktioniert.

Dieses Interview wurde gekürzt und bearbeitet. Lesen Sie den ganzen Text im Special 3/2019 des National Geographic-Magazins zum Thema Dinosaurier.

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