Das Geheimnis der Senckenberg-Mumie: Wie ein Dino die Forschung an der Nase herumführte

Fast 100 Jahre lang lieferte die weltbekannte Edmontosaurus-Mumie in Frankfurt wichtige Erkenntnisse über die Nahrung der Entenschnabeldinosaurier vor 66 Millionen Jahren. Jetzt muss dieses Kapitel der Wissenschaft neu geschrieben werden.Mittwoch, 18. März 2020

Es klingt wie ein düsterer Kriminalfall. Die Spurensuche am Tatort ist längst abgeschlossen, der Fall zu den Akten gelegt. Bis plötzlich ein unscheinbares Indiz auftaucht, das jahrzehntelang übersehen wurde und die Beweislage mit einem Schlag auf den Kopf stellt. Das Opfer: Ein etwa sieben Meter langer Dinosaurier der Spezies Edmontosaurus annectens. Mit seinen bis zu 15 Meter langen und fünf Meter hohen Artgenossen streifte er vor rund 66 Millionen Jahren durch die fruchtbaren Ebenen des heutigen US-Staats Wyoming.

Was genau zu „Edmonds“ Tod führte, bleibt ein Rätsel. Klar ist aber, dass sein Kadaver in den Sedimenten eines urzeitlichen Flusssystems so bemerkenswert gut erhalten blieb, dass er bis heute zum Staunen anregt. Sogar Hautabdrücke finden sich an dem nahezu vollständig erhaltenen Skelett, das 1910 entdeckt wurde, wenig später den Atlantik überquerte und seitdem im Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main ausgestellt ist.

Galerie: Edmonds Urzeitreich: Die Ausgrabungsstätte

Rätselhafte Versteinerungen am Dino-Knochen

Nicht nur Edmonds exzellenter Erhaltungszustand ließ die Forscherherzen vor mehr als 100 Jahren schneller schlagen: Beim Präparieren der Mumie entdeckten die Wissenschaftler rätselhafte Versteinerungen im Beckenbereich: fein gehäckselte Pflanzenteile, kleine Früchte und Samen sowie Reste von Nadel- und Laubbäumen. Richard Kräusel, Paläobotaniker an der Universität Frankfurt, kam seinerzeit zu dem Schluss: Es handelt sich um den Mageninhalt des Urzeitriesen.

Die Entdeckung glich einer Sensation. Erstmals schien der Nachweis darüber erbracht, welche Pflanzenarten Edmontosaurier vor 66 Millionen Jahren verschlungen hatten. Kräusels Ergebnisse wurden 1922 in der Paläontologischen Zeitschrift im Rahmen eines knapp halbseitigen Beitrags veröffentlicht. Seitdem galten sie als wissenschaftliche Referenz – bis der Frankfurter Paläontologe Prof. Dr. Dieter Uhl fast 100 Jahre später eine verblüffende Entdeckung machte.

Bei seinen Forschungsarbeiten stöberte Uhl, Leiter der Paläontologie und Historischen Geologie am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt, in alten Archiven. Dabei stieß er auf einen Artikel, der ihn ins Grübeln brachte.

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Drehte sich Edmond im Grab?

Es handelte sich um einen Aufsatz des Paläontologen Fritz Drevermann in der Ausgabe jener Fachzeitschrift, in der auch Kräusels Untersuchungen publiziert worden waren. Drevermann, damals Leiter der Paläontologie bei Senckenberg, hatte darin zusätzliche Informationen über die Pflanzenreste geliefert, die in der Mumie gefundenen worden waren.

„In seinem Diskussionsbeitrag beschreibt Drevermann, wo genau dieser vermeintliche Mageninhalt gefunden wurde“, erklärt Uhl. „Demzufolge lag er auf einem Knochenfortsatz des Beckens. Drevermann spekulierte deshalb, dass die Mumie rechts auf der Seite lag, der Mageninhalt auf diesen Knochen abgesunken ist und dort versteinerte.“

Nach Uhls Worten eine „abenteuerliche Vermutung“. Denn bei der Ausgrabung fand man die Mumie auf dem Bauch liegend – zwar ein wenig zur Seite geneigt, aber keinesfalls so, als hätte der Mageninhalt auf den Knochenfortsatz abfallen können. Edmond hätte sich also in seinem steinernen Grab drehen müssen.

Weitere Fakten ließen Uhl stutzen: Edmonds Mumie war komplett mit Sandstein ausgefüllt. Wie sollten sich da ausgerechnet die verdauten Nahrungsreste auf dem Beckenfortsatz gehalten haben? Überdies hatte bereits Kräusel berichtet, dass der vermeintliche Mageninhalt viel Sand enthalten habe. „Ein sehr untypisches Szenario“, so der Senckenberg-Forscher.

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„Ein Schatz, der nur zur Hälfte geborgen ist“

Uhls Schlussfolgerungen sind eindeutig: „Die gesamte Indizienkette spricht eindeutig dafür, dass es sich eben nicht um den Mageninhalt gehandelt hat, sondern um Pflanzenbestandteile, die im Laufe der Fossilgeschichte mit anderen Sedimenten in die Mumie gespült wurden.“

Warum aber konnte sich der Irrglaube so lange halten? Uhl schmunzelt: „Drevermanns Diskussionsbeitrag wurde offenbar seit 1922 überhaupt nicht mehr beachtet.“ Er landete als Kateileiche in den Archiven, bis ihn Uhl erst knapp 100 Jahre später wiederentdeckte und so einen „paläontologischen Mythos“ mit Hilfe der modernen Wissenschaft entzaubern konnte. Der vermeintliche Mageninhalt selbst konnte bei der Aufklärung nicht mehr helfen – er ist seit langem verschollen.

Dem Zauber der Edmond-Mumie tut das keinen Abbruch. „Es gibt immer noch viele offene Fragen“, betont Uhl und verweist auf die Hautabdrücke, die bis heute noch nicht vollständig untersucht worden sind. „Wir haben hier im Museum einen Schatz liegen, der nur zur Hälfte geborgen ist.“

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