Wissenschaft

Wie verschifft man ein Stück Dinosaurier-Friedhof?

Irgendwo im Nirgendwo der amerikanischen Prärie müssen um die 40 Tonnen an uralten Knochen und Gestein gehoben, zerteilt, verladen und verschifft werden – eine logistische Herausforderung der Extraklasse.Dienstag, 27. August 2019

Von Armin Schmitt
Mit einer wassergekühlten Kettensäge werden die einzelnen Blöcke aus dem Sediment herausgeschnitten, damit sie anschließend in den Überseecontainer verladen werden können.

Manuela Aiglstorfer kniet in einem Erdloch mitten in der US-amerikanischen Einöde. In der Hand hält sie einen kleinen Pinsel, mit dem sie Erde von Steinen streicht. Unter ihr: Millionen Jahre alte Knochen von Dinosauriern. Um sie herum: Kollegen und Hobbypaläontologen, die helfen, ein einmaliges Projekt zu stemmen: „Wir suchen hier nicht nach Dinosauriern, denn wir wissen bereits, dass hier um uns herum sehr, sehr viele Dinosaurierknochen liegen“, sagt die promovierte Paläontologin, die bei den Grabungen des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums Frankfurt mitarbeitet. „Wir wollen einen großen Teil der Fundstelle bergen und dann in Deutschland untersuchen.“

Aiglstorfer und ihre Kollegen wollen herausfinden, wie die Dinosaurier hier vor Millionen von Jahren lebten – und wie diese Gegend, die heute geprägt ist von viel Steppe und kleinen Hügeln, damals aussah. Pinsel, Handbesen, Hammer, Meißel und zwei Baumaschinen sollen helfen, ein riesiges Stück Sediment zu bergen. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Blockbergung, dass eine so große Fläche ausgegraben wird. Rund 20 Quadratmeter des sogenannten Bonebeds sollen vom Niobrara County in Wyoming in das über 8.000 Kilometer entfernte Frankfurt transportiert werden.

Über Monate haben die Forscher geplant: Wie stemmt man das Projekt logistisch? Welche Maschinen werden gebraucht? Und wie kommen diese Mitten ins Niemandsland in den USA? Alles Dinge, mit denen sich Aiglstorfer und ihr Team im normalen Arbeitsalltag eher selten befassen.

Was in Frankfurt theoretisch geplant wurde, wird nun zum ersten Mal angewandt. Und die Anspannung ist groß: „Wir sind natürlich nervös, ob wir das Bonebed wie geplant heil nach Frankfurt bekommen“, sagt Senckenberger Philipe Havlik, der das Projekt leitet. Der Zeitplan ist straff, die Arbeitsbedingungen schwierig: Das Gerät musste mühevoll an die Grabungsstelle transportiert werden, da keine feste Straße dort hinführt. Weit und breit gibt es keine Werkstatt, geschweige denn Ersatz. Vor Ort gibt es weder Strom, Wasser noch sanitäre Einrichtungen. Dafür brennende Sonne und keinen Schatten.

Die extremen Arbeitsbedingungen an der Grabungsstelle sind nicht nur für die Mitarbeiter eine Herausforderung, sondern belasten auch das Arbeitsgerät überdurchschnittlich. Um das Bonebed überhaupt in einen Überseecontainer laden zu können, wird es vor Ort in etwa ein Quadratmeter große Stücke zerteilt. „Das Gewicht der Blöcke ist die größte Herausforderung, die wir hier haben“, sagt Philipe Havlik. Ein Block wiegt ca. 1,5 Tonnen, das Gesamtgewicht des abtransportierten Sediments liegt bei 30 bis 40 Tonnen.

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Um die einzelnen Blöcke bergen zu können, ist eine Kettensäge notwendig, die in der Lage ist, durch hartes Gestein zu sägen. Und die entpuppt sich als Achillesferse des Projektes: Immer wieder kommt es zu Verzögerungen wegen eines defekten Schwerts und einer defekten Kette. Für das mit Diamant-Sägeblättern ausgestattete Werkzeug benötigt das Team zusätzlich einen Wassertank mit mehreren tausend Litern Fassungsvermögen, um das Sägeblatt während des Schneidens zu kühlen. Auch der will – mitten in der Prärie – erstmal transportiert werden.

Ein weiterer heikler Punkt sind die Kanten der Blöcke. „Wir müssen sie sehr schnell festigen, damit nichts verloren geht“, erklärt Aiglstorfer. Am besten hilft hier im ersten Schritt Sekundenkleber, von dem das Team in diesen Tagen Dutzende Flaschen braucht. Danach wird ein Mantel aus Harz um den Rand des jeweiligen Blocks gelegt.

Nicht nur das bröselnde Gestein mahnt zu schnellem Arbeiten, sondern auch das giftige, ätzende Epoxidharz: Sobald es angerührt ist, erzeugt es starke Hitze, die zu Verbrennungen führen oder sogar Feuer fangen kann. Deshalb sind Schutzhandschuhe nötig. Ist das Epoxidharz aufgetragen und getrocknet, wird um den Block eine Holzverschalung gelegt und mit Spanngurten festgezurrt. Danach werden Hohlräume innerhalb der Schale mit PU-Schaum aufgefüllt, um Bewegungen innerhalb des Blocks zu vermeiden und sicherzustellen, dass alles fest im Block sitzt.

Dass hier so viel Aufwand betrieben wird, dient der Forschung: Viele Untersuchungen, wie zum Beispiel eine Pollenanalyse am Rasterelektronenmikroskop, lassen sich am Besten in einem Labor durchführen. Das Senckenberg-Team möchte verstehen, wie die Landschaft an der Fundstelle, nördlich von Lusk in Wyoming, am Ende der Kreidezeit aussah. In dieser Zeit war die CO2-Konzentration in der Atmosphäre extrem hoch, so viel weiß man schon. Doch das Team will das genaue Klima von damals erforschen, die Landschaft, die Fauna und Flora. Dafür ist eine exakte Profilaufnahme der Gesteinsabfolge nötig. Untersucht werden sollen einzelne versteinerte Wurzeln, Nadeln, Bodenreste, der Schmelz von Zähnen. Sie sollen helfen, das gesamte Ökosystem zu rekonstruieren.

Für das Verladen der Blöcke hat das Team einen Telehandler umfunktioniert – eine Art großer Gabelstapler, der sonst vor allem in der Landwirtschaft zum Einsatz kommt. Durch das kompakte Format können die Blöcke mit dieser Maschine direkt in den Überseecontainer transportiert werden.

Der Container wird auf einen großen Truck geladen, der mit dem Stück Dinosaurierfriedhof über 3.200 Kilometer bis an die Ostküste des Kontinents fährt. Von dort geht es für die alten Knochen auf ein großes Containerschiff – und damit nach Millionen von Jahren unter der Erde auf das weite Meer Richtung deutsche Bankenmetropole.

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