Geschichte und Kultur

Wurde dieses Meisterwerk mit Mumienmehl gemalt?

Jahrhundertlang nutzten europäische Künstler Pigmente, die aus den zermahlenen Überresten ägyptischer Mumien hergestellt wurden. Obwohl die Farbe den Namen "Mumienbraun" trug, wussten wohl nur wenige, mit was sie da malten.Dienstag, 17. September 2019

Von Kristin Romey
Das Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ wurde 1830 von dem berühmten französischen Maler Eugene Delacroix kreiert. Auch er nutzte bei seiner Arbeit ein Pigment, das aus gemahlenen Mumien hergestellt wurde.

Eugene Delacroix’ berühmtestes Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ hat im Pariser Louvre einen besonders ehrwürdigen Platz erhalten. Das Motiv wurde von der Junirevolution von 1830 inspiriert und gilt als Verkörperung des französischen Nationalethos.

Aber das Bild der barbusigen Liberté, die die Menschen in die Freiheit führt, könnte auch mit Menschen gemalt worden sein.

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Mindestens seit dem 16. Jahrhundert und bis in das frühe 20. Jahrhundert hinein war ein Pigment, das aus zermahlenen Mumien hergestellt wurde, auf den Mischpaletten europäischer Künstler wie Delacroix zu finden. Das „Mumienbraun“ war bei Malern wegen seines satten, leicht transparenten Farbtons beliebt. Das bedeutet, dass eine ungeahnte Zahl alter Ägypter ihr Nachleben auf europäischen Leinwänden fristet und tagtäglich von ahnungslosen Museums- und Galeriebesuchern auf der ganzen Welt bestaunt wird.

Mumien als Medizin und Unterhaltung

Die Verwendung von Mumienpulver als Pigment geht vermutlich auf einen noch seltsameren Verwendungszweck zurück: Die zermahlenen menschlichen Überreste wurden als Medizin genutzt. Seit dem Frühmittelalter schluckten Europäer entsprechend zubereitete Mumienreste oder schmierten sich damit ein. Das Wundermittel sollte alle möglichen Gebrechen heilen, von Epilepsie bis zu Magenproblemen. Unklar ist, ob die ägyptischen Mumien so begehrt waren, weil sie Bitumen enthielten (das arabische Wort für die klebrige organische Substanz, die in der Heilkunde Anwendung fand, ist mum oder mumiya), oder weil die Europäer glaubten, ihnen würden magische Kräfte innewohnen.

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Klar ist, dass frühe Künstlerpigmente aus Stoffen hergestellt wurden, die in der Heilkunde verwendet wurden. Nicht selten standen die Pigmente in europäischen Apotheken direkt neben medizinischen Pulvern und Tinkturen zum Verkauf. Gerade als die Beliebtheit von Mumienpulver für medizinische Zwecke nachließ, löste Napoleons Ägyptische Expedition am Ende des 18. Jahrhunderts eine neue Welle der Ägyptomanie aus.

Touristen brachten von ihren Ägyptenreisen vollständige Mumien mit nach Hause, um sie in ihren Salons und Wohnzimmern auszustellen. Mumienauswickelpartys wurden zu einem gesellschaftlichen Ereignis. Trotz Verboten, die das Entfernen der Mumien aus ihren Gräbern untersagten, wurden ganze Schiffsladungen voller tierischer und menschlicher Mumien nach Europa gebracht. Dort dienten sie aber nicht nur als Entertainment und Pigment, sondern auch als Brennstoff für Dampfmaschinen und Dünger für die Felder.

So sah der Mumiensaal des Britischen Museums 1937 aus. Womöglich sind Überreste von Mumien aber auch in den Galeriebereichen des Museums vorhanden.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schien sich der Vorrat an qualitativ hochwertigen Mumien für die Pigmentproduktion jedoch erschöpft zu haben. In einer Zeitungsannonce, die 1904 in der Daily Mail erschien, sucht jemand eine Mumie „zu einem angemessenen Preis“ und erklärt auch direkt wofür: „Gewiss kann die 2.000 Jahre alte Mumie eines ägyptischen Monarchen zur Verzierung eines noblen Freskos in Westminster Hall verwendet werden […], ohne den Geist des verstorbenen Gentlemans oder seinen Nachfahren Anlass zum Ärgernis zu geben.“

Wussten die Künstler, mit was sie da malten?

Inwiefern den Künstlern klar war, dass Mumienbraun tatsächlich aus Mumien hergestellt wurde, lässt sich nur schwer sagen. „Eigentlich würde man damit nicht rechnen“, sagt Gary Bowles, der C Roberson und Co. repräsentiert. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war das Unternehmen einer der wichtigsten Anbieter für Farben und Pigmente in Europa. Dort kauften angesehen Künstler der britischen Royal Gallery ebenso ein wie Amateure (unter ihnen auch Winston Churchill).

Bis 1933 konnte man Mumienbraun im Katalog des Unternehmens bestellen, und Bowles erinnert sich, dass er noch in den Achtzigern Mumienteile im Ladengeschäft gesehen hat. Dann wurde die Firma aufgekauft. „Mittlerweile bekommt man Mumienbraun nirgendwo mehr“, bestätigt er.

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In einer denkwürdigen Anekdote über das Pigment beschreibt Rudyard Kipling einen Tag in den 1860ern, den er mit den zwei Präraffaeliten Edward Burne Jones – Kiplings Onkel – und Lawrence Alma Tadema verbrachte. Als Alma Tadema seinem Künstlerkollegen erklärte, dass Mumienbraun tatsächlich aus Mumien hergestellt wird, holte der entsetzte Burne Jones seine Tube aus seinem Studio und vergrub sie in seinem Garten. „[E]r kam am helllichten Tage mit einer Tube Mumienbraun in der Hand herunter und sagte, er hätte entdeckte, dass es aus toten Pharaonen gemacht sei, weshalb wir es angemessen begraben müssten“, erinnerte sich Kipling.

Diese Zeichnung zeigt Edward Burne Jones bei der Arbeit. Angeblich begrub der Künstler seine Tube mit Mumienbraun im Garten, als er erfuhr, dass sie wirklich aus Mumien hergestellt wurde.

„Alma Tadema war ein wichtiger Kunde von Roberson zu jener Zeit, als sie Mitte des 19. Jahrhunderts Mumien mahlten“, sagt Sally Woodcock, eine Gemälderestauratorin und Forscherin am Roberson Archive, das zum Fitzwilliam Museum der University of Cambridge gehört. „Es ist absolut möglich, dass er bei der Zubereitung auch mal zugesehen hat.“

Woodcock erzählt, dass viele Präraffaeliten wie Alma Tadema, die Mumienbraun von Roberson kauften, ägyptische Motive auf die Leinwand brachten. „Es wäre doch spannend zu wissen, ob diese Künstler ihre Mumien mit Mumienbraun malten“, fügt sie hinzu.

Mumienbraun wird ein Mysterium bleiben

Obwohl man weiß, dass Mumienbraun als Pigment in Geschäften an Künstler verkauft wurde, lässt sich wissenschaftlich nicht nachweisen, in welchen Gemälden es verwendet wurde. Selbst die moderne Massenspektrometrie kann hier nicht weiterhelfen.

Die wenigen Rezepte für Mumienbraun, die noch existieren, unterscheiden sich stark voneinander. Laut einigen soll der gesamte Körper verwendet werden, andere beschränken sich auf „nur die feinen Muskeln“. Darüber hinaus änderten sich im Laufe der Zeit die Methoden für die Einbalsamierung von Toten. Über die Jahrhunderte hinweg wurden unterschiedliche Harze, Öle und Pflanzen verwendet, wie Alan Phenix anmerkt, ein Wissenschaftler des Getty Conservation Institute.

„Die Zutaten, die womöglich bei der Einbalsamierung und dem Einwickeln verwendet wurden, zum Beispiel Mastix, wurden von Künstlern allesamt auch als Firnis, Bindemittel oder Zusatzstoffe verwendet. Ob so ein Bestandteil also vom [Mumienbraun] stammt oder nicht, lässt sich außerordentlich schwer beurteilen“, erklärt Barbara Berrie, die Forschungsleiterin der National Gallery of Art. „Die charakteristischen Moleküle, die darauf hindeuten, dass etwas von einem Säugetier stammt, wären nur in sehr geringen Mengen vorhanden.“

Auch wenn einbalsamierte Ägypter glücklicherweise nicht mehr zu Künstlerpigmenten verarbeitet werden, verkaufen einige Produzenten nach wie vor Farbtuben mit Namen wie „Transparent Mummy“.

„Ich bin sicher, dass die meisten Leute nicht wissen, warum das so heißt – dass sich das tatsächlich auf die ursprüngliche Herkunft des Farbstoffs bezieht“, sagt Berrie.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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