Bananen in der Bronzezeit: Jahrtausende alter Zahnstein bringt Erkenntnisse über Ernährung und frühen Fernhandel

Schon vor über 3000 Jahren aß man im Mittelmeerraum Soja und Kurkuma: Untersuchungen an Gebissen zeigen, dass im heutigen Israel schon damals südostasiatische Gewürze und Früchte auf der Speisekarte standen.

Veröffentlicht am 28. Dez. 2020, 12:27 MEZ
Diese Illustration eines Marktes im alten Megiddo zeigt Händler, die nicht nur Weizen, Hirse und Datteln ...

Diese Illustration eines Marktes im alten Megiddo zeigt Händler, die nicht nur Weizen, Hirse und Datteln verkaufen, die im östlichen Mittelmeerraum wachsen, sondern auch Karaffen mit Sesamöl und Schalen mit Kurkuma aus Südostasien

Bild Illustration by Nikola Nevenov

Die Erzählung von den Heiligen Drei Königen ist für Wissenschaftler schon lange mehr als eine Weihnachtsgeschichte: neben ihrer symbolischen Rolle spiegelt ihr Besuch in Bethlehem den florierenden Fernhandel während des Römischen Reiches wider: Er versorgte den östlichen Mittelmeerraum mit exotischen Ölen und Harzen aus der Gegend des arabischen Meeres und noch östlich gelegeneren Orten der Erde.

Doch die Geschichte des Fernhandels ist offenbar noch viel älter als man bislang dachte: Neue Untersuchungen haben gezeigt, dass die alten Bewohner des heutigen Israel bereits vor 3.500 Jahren Früchte und Gewürze verspeisten, die aus dem tiefen Süden Asiens gekommen sein mussten.

Eine kürzlich durchgeführte Studie an versteinerter Zahnbelägen von mehr als einem Dutzend Skeletten aus der mittleren Bronzezeit bis zur frühen Eisenzeit (ca. 1500-1100 v. Chr.) lieferte Hinweise, dass diese Menschen zu Lebzeiten Bananen, Kurkuma und Sojabohnen gegessen hatten - alles Pflanzen, die damals nur vom weit entfernten Süd- und Ostasien in die Mittelmeerregion gekommen sein konnten.

Die im Fachmagazin PNAS veröffentlichten Forschungsergebnisse ergänzen damit vorhandene kunstgeschichtliche und archäologische Befunde, die aufgezeigt haben, dass der Import aus fernen Ländern von Hühnern über schwarzen Pfeffer bis hin zu Vanille aus Indien und Indonesien reichte. Es ist die erste umfassende Studie alter Proteine und Pflanzenreste aus Zahnstein ihrer Art mit Material aus dem alten Nahen Osten.

An den Zähnen von Personen, die an der Ausgrabungsstätte Tell Erani in der Nähe von Megiddo vor Hunderten von Jahren begraben und jetzt wieder ausgegraben wurden, fanden Forscher Spuren von Sesam und Bananen.

Bild Mit freundlicher Genehmigung von Philipp Stockhammer

„Lange ging man davon aus, dass die Menschen ihr Essen damals regional bezogen und Edelsteine aus fernen Ländern importierten“, sagt Philipp Stockhammer, Co-Autor der Studie und Archäologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Aber bereits in der Bronzezeit war der Handel unserem heutigen ähnlich, Lebensmittel wurden aus aller Welt importiert."

Auf den Zahnstein gefühlt

Zahnstein, also alter Zahnbelag, der sich über die Jahre ansammelt und verhärtet, galt in der Archäologie bis vor kurzem noch als relativ unnützer Müll. Bei Proben wurde er abgekratzt und entsorgt. Jüngste Entdeckungen zeigen jedoch, dass dies ein Fehler war: Zahnstein ist eine umfangreiche Informationsquelle, aus der man von der DNA bis hin zu Bakterien und Proteinen alles lesen kann.

“Wenn wir jetzt aufhören würden mit dem Zähneputzen, könnten Archäologen noch in 2000 Jahren nachweisen, was wir gegessen haben”, sagt Stockhammer.

Ausgrabungen in Megiddo zeigen, dass die Elite damals Lebensmittel auf Sojabasis und Kurkuma zu sich nahm, beides Lebensmittel aus Südostasien.

Bild Mit freundlicher Genehmigung von Philipp Stockhammer

Um herauszufinden, was die Menschen in der antiken Levante aßen, analysierte ein internationales Team Plaque aus den Gebissen von 16 Skeletten. Einige von ihnen wurden in Megiddo ausgegraben, einem alten Stadtstaat, der auch unter dem biblischen Namen Armageddon bekannt ist (abgeleitet von Har-Magiddo, hebräisch für Berg von Megiddo). Megiddo florierte in der Bronzezeit, was man heute an der Art der Gräber erkennen kann.

"Das Land war reich und gut vernetzt", sagt Stockhammer, "aber kein wichtiger Akteur - nichts im Vergleich zu Ägypten oder Mesopotamien." Der Zahnstein der Gebisse von Megiddo zeigte, dass die Menschen dort nicht nur viel Getreide und Früchte wie Datteln aßen. Die Proben beinhalteten auch Spuren von Speisen aus entfernten Ländern: Sojabohnen und das leuchtend orangefarbene Gewürz Kurkuma - beides Pflanzen aus dem südlichen Asien, die Archäologen nicht auf dem Speiseplan der Menschen im Mittelmeerraum vermutet hatten.

Wissen kompakt: Mesopotamien

"Obwohl nur eine geringe Anzahl von Proben entnommen und untersucht wurden, hat man schon Dinge gefunden, die man nie erwartet hätte", sagt Matthew Collins, Experte für antikes Protein an der Universität Kopenhagen, der nicht an der Studie beteiligt war. Die Forscher examinierten auch Zahnstein von den Gebissen von Menschen, die an einem nahe gelegenen Siedlungsort namens Tel Erani um 1100 v. Chr. begraben wurden. Archäologen bringen diesen Ort mit dem in der Bibel als Philister bekannten Volk in Verbindung.

Der Grund für die zwei verschiedenen Orte: in Tel Erani waren die Bestattungen eher einfach. Die Forscher wollten so herausfinden, ob es hier, an einem vergleichsweise ärmeren Ort, weniger Hinweise auf exotische Importe geben würde. Die Ergebnisse überraschten jedoch auf ein Neues: Auch in Proben von Megiddo fand man Spuren von Sesam. Sesamöl, -paste und -samen kommen zwar heute in der levantinischen Küche oft vor, doch die Pflanze stammt eigentlich aus Südasien. Auch im Grab des ägyptischen Pharaos Tutanchamun, das um 1400 v. Chr. entstanden ist, haben Archäologen Sesamsamen gefunden. Man sah dies jedoch eher als Ausnahme und bezweifelte zunächst, dass Sesam zu dieser Zeit bereits in der lokalen Ernährung verbreitet war.

Die überraschendste Entdeckung machten die Forscher beim Skelett eine Mannes um die Fünfzig, der in Tel Erani begraben wurde: sie fanden ein Protein, das die Reifung in Bananen auslöst. " Da [die Bestattungen von Tel Erani] sehr bescheiden sind und bei ihm nichts auf Zugehörigkeit zu irgendeiner Elite hinweist, kann man davon ausgehen, dass es nicht die sterblichen Überreste eines König waren, der seine erste Banane verspeist hatte”, so Stockhammer.

Das Unsichtbare sichtbar machen

Zahnstein ist also eine wertvolle Informationsquelle bei der Identifizierung von Lebensmitteln wie Gewürzen und Ölen, die in den meisten archäologischen Umgebungen selten oder gar nicht konserviert werden. Denn obwohl diese beiden Lebensmittelarten als wichtige Güter dieser Zeit bereits bekannt sind, „sind sie in den archäologischen Aufzeichnungen nahezu unauffindbar“, sagt Co-Autorin Christina Warinner, Paläogenetikerin an der Harvard University und am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. „Unsere Untersuchungen zeigen das große Potenzial der Paläoproteinanalyse. Mit dieser Methode können wir Hinweise auf Nahrungsmittel finden, die sonst keine Spuren hinterlassen.“ So zum Beispiel seltene Sesam- und Sojaöle sowie exotische Früchte wie Bananen. Zahnstein sei eine „unglaublich spannende Quelle“.

Archäologische Beweise von Bananen sind besonders schwer zu finden: Die domestizierten Früchte sind kernlos und ihr weiches Fleisch zerfällt schnell. Deshalb ist es auch unwahrscheinlich, dass ganze Bananenstauden nach Megiddo verschifft wurden. Stattdessen könnten die Menschen dort getrocknete Bananenchips importiert und gegessen haben – sie überstehen lange Seereisen mit Leichtigkeit.

Im Gegensatz zu tierischer DNA, Milchproteinen oder den stabileren mikroskopischen Kristallen, die in den zähen Stielen von Getreide gefunden werden, werden Pflanzenproteine seltener im Zahnstein konserviert. Dies hinterlässt den irreführenden Eindruck, dass Milch, Fleisch und Brei in vergangenen Jahrtausenden die Ernährung bestimmten. In der neuen Studie verwendeten die Forscher nun eine neue Methode, um zu analysieren, welche Eiweiße und Pflanzenreste der Ernährung sich im Zahnstein befanden. Sie wendeten deutlich mehr Zeit auf als in früheren Studien, um die Funde mit bekannten pflanzlichen Proteine ​​zu vergleichen.

Prähistorische Frauen hatten starke Knochen

Die Forscher halten es für wahrscheinlich, dass Lebensmittel wie Sesam und Bananen von weiteren untersuchten Personen gegessen wurden – dass jedoch die Proteine im Zahnstein nicht eingeschlossen waren oder sich nicht bis heute gehalten haben. "Unsere Ergebnisse sind nur die Spitze des Eisbergs", sagt Stockhammer. "Dass nur bei einer Person Beweise für den Verzehr von Bananen gefunden wurden, heißt nicht, dass nur eine Person Bananen gegessen hat – sondern nur, dass es nur eine gibt, bei der genügend Beweise gefunden werden konnten."

Da man schwer feststellen kann, wann im Leben des Toten sich der Zahnstein gebildet hat, könnte es unterdessen auch sein, dass der “Bananenesser” in Tel Erani ein Händler oder Seefahrer war, der die Früchte auf Reisen in Asien aß, bevor er an den Ufern des Mittelmeers starb - was nicht minder interessant wäre. Denn so oder so beweisen die neuen Ergebnisse, dass sich der Handel bereits in der Bronzezeit von China bis zum Mittelmeer erstreckte.

"Heute ist das keine große Überraschung mehr", sagt Ayelet Gilboa, Direktorin des Zinman-Instituts für Archäologie an der Universität Haifa. "In den vergangenen zehn Jahren hat sich unser Wissen über den frühen Fernhandel stark weiter entwickelt."

Vor fünf Jahren zum Beispiel veröffentlichte Gilboa Forschungsergebnisse, die aus Grabungen unweit von Megiddo stammten: Sie hatte Gläser mit Zimtresten gefunden. Doch zunächst glaubte man ihr nicht. „Die Leute sagten, das sei unmöglich“, so Gilboa. "Als wir dann tiefer gruben, fanden wir mehr Beweise, sie waren die ganze Zeit dort. Es hat sich nur niemand die Mühe gemacht, darauf zu achten." Heute habe man viele Beweise dafür, dass Waren bereits ab dem zweiten Jahrtausend v.Chr. über große Distanzen transportiert wurden. "Dies zeigt, dass kleine Gesellschaften schon damals als Teil eines riesigen Netzwerks operierten."

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