2.600 Jahre alte Weinpresse der Phönizier: Die Anfänge der Weinkultur

Der antike Mittelmeerraum ist für seine Weinkultur berühmt. Diese stammt jedoch nicht aus Rom oder Griechenland, sondern wurde von den Phöniziern verbreitet.

Tuesday, September 22, 2020,
Von Tom Metcalfe
Künstlerische Rekonstruktion der Weinpresse von Tell el-Burak von Südosten aus gesehen.

Künstlerische Rekonstruktion der Weinpresse von Tell el-Burak von Südosten aus gesehen.

Bild Illustration courtesy of the Tell el-Burak Archaeological Project; drawing by O.Bruderer

Archäologen haben im Libanon eine der ältesten bekannten Weinpressen entdeckt – und damit neue Beweise für den umfangreichen Überseehandel der alten Phönizier mit Wein.

Der Fund wirft ein neues Licht auf die Weinherstellung der Phönizier. Die Händler und Seefahrer führten die Weinkultur im gesamten antiken Mittelmeerraum ein. Ihr Einfluss lebt noch heute in der weltweiten Popularität des Getränks weiter.

Ausgrabungen in Tell el-Burak, etwa acht Kilometer südlich der libanesischen Küstenstadt Sidon, haben die gut erhaltenen Überreste einer Weinpresse zutage gefördert. Ihre Nutzung geht mindestens auf das 7. Jh. v. Chr. zurück. Es handelt sich damit um die älteste Weinpresse, die je in den phönizischen Heimatländern gefunden wurde, die in etwa dem heutigen Libanon entsprachen. Eine entsprechende Studie zu dem Fund erschien im Fachmagazin „Antiquity“.

Eine große Menge von Weintraubenkernen machte deutlich, dass Trauben von nahegelegenen Weinbergen dorthin gebracht und mit Füßen in einem großen Becken aus robustem Gips zerstampft wurden, das um die 5.500 Liter Fassungsvermögen hatte.

Der so hergestellte Most wurde in einem großen Bottich gesammelt und in charakteristischen Tongefäßen – den Amphoren – für die Gärung, Alterung und den Transport aufbewahrt.

Die Weinpresse von Tell el-Burak. Während die Phönizier die Weinkultur in der antiken mediterranen Welt verbreiteten, waren Belege für ihre lokalen Herstellungsprozesse bisher rar.

Bild of the Tell el-Burak Archaeological Project

Die Weinpresse wurde zusammen mit vier Lehmziegelhäusern in Tell el-Burak ausgegraben. Sie waren Teil einer phönizischen Siedlung, die zwischen dem 8. und 6. Jh. und v. Chr. bewohnt war und sich wahrscheinlich der Weinproduktion für den Überseehandel widmete, schreiben die Forscher.

„Wein war ein wichtiges Handelsgut der Phönizier“, sagt Hélène Sader, Archäologin an der American University of Beirut (AUB) und Co-Direktorin des archäologischen Projekts Tell el-Burak. Phönizischer Wein aus der Region Sidon war besonders berühmt und wurde sogar in Texten aus dem alten Ägypten erwähnt, erzählt sie.

But little evidence of Phoenician winemaking had been found in Lebanon itself, possibly due to the haphazard nature of archaeological excavations.

Im Libanon selbst waren jedoch nur wenige Beweise für die phönizische Weinherstellung gefunden worden. Möglicherweise liegt das aber auch an der zerstreuten und unvollständigen Grabungssituation.

„Die Küste des Libanon wurde archäologisch nie gründlich erschlossen, und nur sehr wenige Stätten mit eisenzeitlichen [phönizischen] Überresten wurden ordnungsgemäß ausgegraben“, sagt Sader.

Einige ähnliche Weinanbaugebiete wurden jedoch an der Nordküste des heutigen Israel gefunden, das damals zu den phönizischen Königreichen Tyrus und Sidon gehörte.

Die Phönizier haben den Wein nicht erfunden – deutlich ältere, etwa 8.000 Jahre alte Spuren für die Herstellung des Getränks wurden in Georgien gefunden. Aber sie verbreiteten den Weinbau im gesamten antiken Mittelmeerraum, zusammen mit Olivenöl und Innovationen wie dem Alphabet und Glas.

Die alten Seefahrer etablierten Weinberge und Weinkellereien in ihren Kolonialstädten in Nordafrika, Sizilien, Frankreich und Spanien. Und sie machten die Weinherstellung durch den Handel mit dem antiken Griechenland und Italien populär. Dort war Wein aus wilden Trauben zu dieser Zeit zwar schon bekannt, aber die Herstellung noch nicht so hoch entwickelt, sagt der Archäologe Stephen Batiuk von der University of Toronto, der an den Forschungen nicht beteiligt war.

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„Die Phönizier führten vielleicht eine Trinkkultur, [neue Arten von] Trinkgefäßen und eine andere Beziehung zum Wein ein“, sagt er.

Die Liebe der Phönizier zum Wein erstreckte sich auch auf ihre Religion, und sein zeremonieller Gebrauch spiegelte sich ebenso in anderen Religionen des Nahen Ostens wider.

Der Archäologe Patrick McGovern von der University of Pennsylvania ist ein Experte auf dem Gebiet der antiken Weinherstellung, der an der jüngsten Studie nicht beteiligt war. Er erklärte, dass die Phönizier von den Kanaanitern abstammen, einem Volk aus der Bronzezeit, aus dem die Israeliten hervorgingen.

„Wein war das wichtigste Opfergetränk der Phönizier“, sagt er. „Aber das gab es schon bei den Kanaanitern, und es wurde im Judentum und Christentum übernommen.“

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McGovern spekuliert, dass Tell el-Burak sogar einige der Hunderten von Amphoren geliefert haben könnte, die auf zwei phönizischen Schiffswracks vor Ashkelon in Israel gefunden wurden, die ungefähr aus der gleichen Zeit stammen.

„Wir haben mehrere der Amphoren analysiert und es war Wein [darin enthalten]“, sagte er. „Vielleicht kamen diese Gefäße von dort.“

Das Projekt Tell el-Burak ist eine gemeinsame Anstrengung eines Teams der AUB und von Archäologen in Deutschland, die die Stätte seit 2001 untersuchen. In den letzten zwei Jahren wurden aufgrund der wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Libanon allerdings keine Arbeit an Tell el-Burak durchgeführt, sagt Sader.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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