In Johannesburg kämpft eine Lehrerin für das Recht von Kindern auf Bildung

Published 4. Feb. 2021, 15:09 MEZ, Updated 5. Feb. 2021, 10:08 MEZ
Kwanele Nkala

Kwanele Nkala unterrichtet ihre fünfjährigen Schüler in einer Grundschule in Yeoville, einem Stadtteil von Johannesburg. Kwanele verließ Simbabwe, wo sie auf Lehramt studierte, und wurde angeworben, um an dieser Schule zu arbeiten. Die Einrichtung ist vor allem für Migrantenkinder gedacht, die an öffentlichen Schulen oft nicht willkommen sind.

Bild Miora Rajaonary, National Geographic

Judith Manjoro war Highschool-Lehrerin in Simbabwe. Sie hatte nie die Absicht, ihr Land zu verlassen. Aber als die Spannungen zwischen der Regierung und einer Oppositionsgruppe, die sie unterstützte, 2005 in Gewalt ausarteten, floh sie nach Johannesburg – Südafrikas boomender Metropole mit 5,7 Millionen Einwohnern.

Dort nahm die 55-jährige Judith verschiedene Jobs an, die Migranten zur Verfügung standen: Häuser putzen, Wäsche für wohlhabende Familien waschen, Tupperware auf der Straße verkaufen. Schließlich wurde ihr Asyl gewährt.

Judith Manjoro, die 2005 vor der Gewalt in Simbabwe floh, steht in der Grundschule, die sie vor fast einem Jahrzehnt in Yeoville gegründet hat. Die Einrichtung ist für Kinder, die keine öffentliche Schulen besuchen können, weil ihnen Dokumente wie Geburtsurkunden oder Pässe fehlen. Ein Urteil des südafrikanischen Obersten Gerichtshofs im Dezember 2019 bestätigte, dass alle Kinder das Recht auf Grundschulbildung haben – auch die rund eine Million südafrikanischen Kinder ohne Papiere sowie Migrantenkinder.

Bild Miora Rajaonary, National Geographic

Im Jahr 2009 sah sie an ihren freien Nachmittagen kongolesische, burundische und simbabwische Kinder auf Johannesburgs Straßen und in Parks. Die Kinder waren unbeaufsichtigt und ohne Wurzeln, erzählt sie. Sie fragte sie, warum sie nicht in der Schule seien.

„Für Kinder von Migranten, vor allem für solche ohne Papiere, war es unmöglich, in die Schule zu kommen“, sagt Judith.

Das südafrikanische Gesetz besagt, dass alle Kinder Zugang zu öffentlicher Bildung haben sollten. Aber die Beschaffung der richtigen Dokumente, um ausländische Kinder in Schulen einzuschreiben, war lange Zeit schwierig – so schwierig, dass die südafrikanische Regierung in einem Bericht von 2019 das Problem als eine Form von institutioneller Fremdenfeindlichkeit bezeichnete. Infolge dieser bürokratischen Hürden konnten Zehntausende von Kindern ohne Papiere nicht zur Schule gehen.

Judith beschloss, sich mit einer anderen Simbabwerin zusammenzutun – der 58-jährigen Siboniso Mdluli, die in ihrer Heimat Grundschullehrerin war. Gemeinsam wollten sie „unsere Zeit nutzen, um diesen Bedarf zu decken, den wir sehen“. Sie gründeten eine informelle Lerngruppe für die Kinder und verbrachten den Tag damit, den Schülern Lektionen zu vermitteln, die sie in der öffentlichen Schule gelernt hätten. „Die Eltern sahen, was wir taten, also brachten sie ihre Kinder einfach zu uns“, sagt Judith.

Es kamen immer mehr Kinder, und so zogen ihre Bemühungen bald die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich. Anfang 2012 wurden Judith und Siboniso wegen des Betriebs einer illegalen Schule verhaftet und in eine Arrestzelle gebracht. Judith erzählt, dass sie ihre Kaution bezahlen konnte und freigelassen wurde, aber dass Siboniso für mehrere Wochen inhaftiert wurde. Etwa ein Jahr lang gingen sie vor Gericht ein und aus, bevor ihr Fall ohne Erklärung abgewiesen wurde.

Judith vermutet, dass die Behörden zu dem Schluss kamen, dass ihr Engagement „nützlich für die Gemeinschaft“ war und dass man ihnen erlauben sollte, weiterzumachen.

Danach widmeten sich die beiden Frauen dem Prozess, ihre Schule offiziell zu machen. „Als Migrantinnen ist es an uns, die notwendigen Vorkehrungen zu treffen, damit unsere Kinder zur Schule gehen können“, sagt Judith. Sie wollten den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben, „produktive Mitglieder der Gemeinden zu werden, in denen sie leben, damit sie selbstständig und unabhängig werden“. Falls sie später nach Hause zurückkehren, haben sie dank ihrer Schulbildung die Möglichkeit, die Zukunft zu gestalten, so Judith. „Sie können nicht einfach nach Hause zurückkehren und dort wieder zu Bedürftigen werden.“

Judith und Siboniso mieteten ein Gebäude in Yeoville – einem Stadtteil von Johannesburg, in dem viele Migranten leben – und meldeten eine Schule unter dem Namen Velamfundo an. Auf Ndebele, einer in Simbabwe gesprochenen Sprache, bedeutet das so viel wie „mit Bildung aufsteigen“. Im Jahr 2019 hatte die Velamfundo-Grundschule etwa 350 Schüler in acht Klassen, die meisten von ihnen Kinder von Migranten.

Frauen verkaufen Gemüse und Snacks entlang der Hauptgeschäftsstraße in Yeoville. Nach dem Fall des Apartheidregimes in den frühen 1990ern verließen die Weißen Bewohner das Gebiet und machten einer Welle von Südafrikanern aus der Arbeiterklasse und Migranten aus anderen afrikanischen Ländern Platz. Heute sind mehr als die Hälfte der Bewohner des Stadtteils im Ausland geboren.

Bild Miora Rajaonary, National Geographic

Es war ein Kampf, die Schule zu eröffnen, sagt Judith, und „der Kampf geht weiter. Geld ist ein großes, großes Problem.“

Als Privatschule wird Velamfundo vollständig von den Eltern finanziert, von denen die meisten einen schlecht bezahlten Job haben. Sie bestreiten ihren Lebensunterhalt als Wachleute oder Straßenverkäufer für Secondhand-Kleidung.

Judith hatte gehofft, Finanzmittel von Nichtregierungsorganisationen und philanthropischen Stiftungen zu erhalten, aber es kam keine Unterstützung. Sie sagt, dass sie die Gebühren so niedrig wie möglich hält – 450 Rand pro Monat, etwa 30 Dollar – und dass die Migrantengemeinschaft genug zusammengekratzt hat, um Velamfundo offen zu halten.

Im Jahr 2019 stieg die Arbeitslosigkeit in Südafrika auf 29 Prozent, der höchste Stand seit einem Jahrzehnt. Dann schlug das Coronavirus zu. Im März 2020 verhängte Südafrika einen strengen Lockdown: Schulen, darunter auch Velamfundo, mussten ihre Türen schließen und den persönlichen Unterricht bis August einstellen.

Im Dezember 2020 war die Arbeitslosigkeit auf 31 Prozent gestiegen, was die finanzielle Belastung von Millionen Südafrikanern noch verschärfte. Viele Migranten ohne Papiere, die keinen Anspruch auf staatliche Lebensmittelpakete haben, mussten hungern – ganz zu schweigen von der für sie unerreichbaren medizinischen Versorgung.

Die Schwestern Joaquim Talu (rechts) und Christelle Lessa (links), beide aus der Demokratischen Republik Kongo, warten mit einer Freundin auf Kunden in einem Friseursalon in Yeoville. Der Salon wurde nach einer dreimonatigen COVID-bedingten Schließung wiedereröffnet. Kunden sind rar, weil so viele Menschen von der Pandemie betroffen sind. Joaquim, die Inhaberin des Salons, wurde während der Schließung aus ihrer Wohnung zwangsgeräumt. Sie und ihre drei Kinder mussten sich ein Einzelzimmer mit einer anderen Migrantin und deren Baby teilen. Joaquim kam dank Lebensmittelspenden von Wohltätigkeitsorganisationen über die Runden.

Bild Miora Rajaonary, National Geographic

Die migrantenfeindliche Stimmung, die seit Jahrzehnten schwelte und sich regelmäßig in gezielten Angriffen und tödlichen Unruhen entlud, nahm zu. In einem Bericht vom September 2020 dokumentierte Human Rights Watch neue oder wiederauflebende fremdenfeindliche Hassgruppen, die Migranten für die Nöte der Südafrikaner verantwortlich machten. Judith sagt, sie habe Online-Nachrichten gesehen, in denen Migranten in Yeoville als Kriminelle verunglimpft wurden und die offen zu Gewalt aufriefen.

Laut Dewa Mavhinga, dem Direktor für das südliche Afrika bei Human Rights Watch, hätten Politiker die Fremdenfeindlichkeit angeheizt: Sie hielten Reden, in denen sie Migranten, die 7 Prozent der südafrikanischen Bevölkerung ausmachen, für die Pandemie verantwortlich machten und eine Politik forderten, „die ausländische Staatsbürger ausschließt“.

Im Mai begann die Regierung, die Lockdown-Maßnahmen zu lockern. Inmitten von Angst, Gewalt und zunehmender finanzieller Not, die durch die Pandemie verursacht wurde, schöpfte Judith aus ihrer unermüdlichen Entschlossenheit. Sie kratzte genug Geld zusammen, um die Schule wieder zu öffnen. Sie hatte ihre Ersparnisse während des Lockdowns aufgebraucht und hatte nicht genug Geld, um ihr Tupperware-Geschäft wieder aufzunehmen, also kehrte sie zum Putzen von Häusern und zum Wäschewaschen für Familien zurück.

Die Velamfundo-Eltern, die ihren Lebensunterhalt verloren hatten, brachten das Schulgeld durch Gelegenheitsjobs auf. In der Zwischenzeit stimmte der Besitzer des Schulgebäudes zu, dass sie einfach so viel Miete zahlen sollte, wie sie und die Eltern es sich leisten konnten, sagt Judith. Im August hatte sie wieder die Hoffnung, dass die Schule die Krise überstehen würde.

Constance Ncube, 54, arbeitet als Haushälterin in Johannesburg. Sie ist 1997 aus Simbabwe nach Südafrika eingewandert und unterstützt mit dem Geld, das sie verdient, ihre Familie in der Heimat. Außerdem baut sie ein Haus für ihre Tochter und ihre Enkelkinder in Simbabwe, wo sie sich zur Ruhe setzen will. Simbabwe ist das Herkunftsland, aus dem die meisten Einwanderer nach Südafrika kommen.

Bild Miora Rajaonary, National Geographic

Doch im Dezember erzwang ein virulenter neuer Stamm des Coronavirus einen weiteren Lockdown. Er trieb die Infektionszahlen in Südafrika auf 1,2 Millionen bestätigte Fälle und mehr als 33.000 Todesfälle. Schulen, darunter auch Velamfundo, die jetzt in den Sommerferien sind, warten auf Nachricht von der Regierung, wann sie wieder öffnen können. In der Zwischenzeit, sagt Judith, wird das Geld, das die Eltern für das Schulgeld gespart haben, „aufgebraucht werden. Das Geld wird für andere dringende Bedürfnisse benötigt.“

Judith weist keine Schüler ab, wenn deren Eltern die Gebühren nicht aufbringen können. Aber seit der Schließung im März 2020 ist ihr Defizit erheblich gewachsen. Der Vermieter sei zwar großzügig gewesen, sagt Judith, aber er müsse trotzdem für Strom, Wasser und andere Gebäudekosten aufkommen. „Natürlich kann er uns nicht weiter aus seiner eigenen Tasche unterstützen“, sagt sie.

Nachdem sie ein Jahrzehnt für einen sicheren Lernort für Migrantenkinder gekämpft hat, sieht sich Judith nun mit der Möglichkeit konfrontiert, dass Velamfundo dauerhaft geschlossen werden könnte. „Wenn der Lockdown so weitergeht, ist das ein echtes Risiko.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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