Wenn Düfte sichtbar werden: So roch das alte Ägypten

Dora Goldsmith erforscht Düfte der antiken Hochkultur. Welche Rolle Parfüms in der altägyptischen Weltanschauung spielten und wieso guter Duft besonders im Jenseits wichtig war, erklärt die Ägyptologin im Interview

Veröffentlicht am 14. Mai 2021, 15:37 MESZ
Göttin Hathor im Tempel von Dendera

"Die Göttin Hathor wurde als 'diejenige, deren Geruch angenehm unter den Göttinnen ist' bezeichnet", sagt Dora Goldsmith: "Sie wurde nicht als diejenige beschrieben, die am schönsten aussieht. Sie ist diejenige, die von all den Göttinnen am besten riecht."

Bild David Bleja - stock.adobe.com

„Ich muss noch Rinderfett bestellen“, sagt Dora Goldsmith unvermittelt in dem Gespräch, das wir seit etwa einer Stunde per Videokonferenz führen. Das Rinderfett benötigt die Forscherin für eines ihrer neuesten Praxisprojekte: die Rekonstruktion eines der zehn heiligen Öle, mit dem im alten Ägypten Kleidung und die Götterstatue eingesalbt wurde. „Noch niemand hat das Rezept übersetzt, das ist definitiv eine Herausforderung“, fügt Goldsmith hinzu. Schon seit über zehn Jahren erforscht die Ägyptologin Düfte des alten Ägyptens, an der Freien Universität Berlin promoviert sie über die Geruchswahrnehmung der altägyptischen Gesellschaft. Die Düfte stellt sie nach antiken Vorbildern auch selbst her – den Hauptteil ihrer Zeit verschlingt jedoch die Bibliothek, wo sie Texte liest und übersetzt, die zwischen der 1. Dynastie und der Ptolemäer-Zeit erschienen sind. Das umfasst eine Zeitspanne von etwa 4.000 Jahren und zahlreiche Sprachen von Alt- und Mittelägypisch über Ramessidisch und Demotisch bis Ptolemäisch, die Schriften reichen von Hieroglyphen über die hieratische Schrift bis zu Demotisch.

Dora Goldsmith beherrscht sie alle – und gilt mittlerweile als Expertin auf dem Gebiet der Duftforschung im alten Ägypten. Eine ihrer Duft-Rekonstruktionen – das weltberühmte Mendesische Parfüm, das sie mit dem Gräzisten Sean Coughlin nachgebildet hatte – wurde 2019 im Rahmen der Ausstellung „Queens of Egypt“ im National Geographic Museum in Washington, D.C. gezeigt. Goldsmith, die sich selbst als geruchsempfindlich beschreibt, wollte mit ihrer Forschung ägyptologisches Neuland betreten – kaum ein anderer Wissenschaftler hat sich bislang an das Thema gewagt. Welche Rolle Parfüms in der altägyptischen Weltanschauung spielten und wieso jeder Ägypter im Jenseits gut riechen wollte, erklärt sie im Gespräch mit NationalGeographic.de.

Wenn Sie es einem Laien erklären müssten: Wonach roch das alte Ägypten?

Der Palast, der Tempel, die Gärten, die Straßen, die Privathäuser, die Werkstätten, jeder einzelne Stadtteil: In Ägypten hat alles gerochen – und zwar viel stärker als heute! Der Palast duftete etwa nach Blumen, hohe Beamte haben dem König oft Blumensträuße als Geschenk gebracht. Wir wissen auch, dass Paläste über ein Parfümmagazin verfügten, in dem hochwertige Salben und Öle der königlichen Familie lagerten. Der Tempel roch nach den täglichen Opfergaben – nach Brot, Kuchen, Bier, Wein, Milch und Fleisch, das auf dem Altar geröstet wurde, aber auch nach Myrrhe, Weihrauch, Honig, Blumen und Kräutern sowie nach in Lotusöl getränkter Kleidung. Dieser spezifische Tempelduft war so stark, dass er den Tempel richtiggehend markiert hat. Es war nicht die Architektur, die den Tempel als solchen kennzeichnete, sondern der Duft – in der Duftforschung nennt man das „smellmark“.

Das klingt paradiesisch – aber was war mit den unangenehmen Gerüchen?

Wir wissen, dass Privathäuser nach kranken Menschen gerochen haben, dass es im Sommer nach Schweiß roch und die Handwerker in den Werkstätten gestunken haben. In Ägypten gab es eine starke olfaktorische Hierarchie, die sich in den Stadtteilen widerspiegelte: Die einzelnen Stadtteile waren mit unterschiedlichen Berufen assoziiert, die von Gerüchen begleitet wurden. Bei den Sandalmachern roch es nach Gerbstoffen, bei den Schmieden nach Rauch. Es gibt Texte, in denen beschrieben wird, dass die Straßen nach „betrunkenem Schreiber“ rochen. Aber natürlich kam es immer darauf an, wo man war und wann – denn bevor der betrunkene Schreiber durch die Straßen lief, gab es vielleicht ein Fest in der Stadt, bei dem die Statue des Gottes aus dem Tempel heraus und durch die Straßen getragen wurde. Bei diesen Feierlichkeiten wurde viel mit Myrrhe und Weihrauch geräuchert - Myrrhe gilt als olfaktorisches Zeichen von Festivitäten und Luxus.

Wie betreibt man Duftforschung in Bezug auf die Antike?

90 Prozent meiner Arbeit finden in der Bibliothek statt und bestehen darin, Texte zu lesen, zu übersetzen und zu verstehen. Ich muss alle Schriften und Sprachen aus rund 4.000 Jahren ägyptischer Geschichte kennen, denn daraus ziehe ich alle Rückschlüsse. Ich arbeite mit etwa tausend Texten, die ich vor allem in Bibliotheken und Museen gesammelt habe. Es gibt eine unglaublich große Anzahl von publizierten und unpublizierten Texten, die ich neu übersetze und darauf untersuche, was über Gerüche und Düfte geschrieben wurde. Es passiert immer wieder, dass ich später zu einem Text zurückkomme und ihn anders übersetze. Nach einer gewissen Zeit verstehe ich ihn noch besser und kann mehr in die Tiefe gehen.

Und der Praxisteil – die Rekonstruktion von Düften, Parfüms und Ölen?

Die Rekonstruktionen waren meine eigene Idee, weil ich besser verstehen wollte: Was heißt es, wenn etwas göttlich, gut, schlecht oder anziehend riecht? Wenn man mit den Sinnen arbeitet, sollte man das Thema auch entsprechend erleben. Doch streng genommen ist diese sogenannte „experimentelle Archäologie“ nur Mittel zum Zweck – es ist der Schlüssel, um die Texte besser zu verstehen.

Dora Goldsmiths „Mummy Kit“ enthält ihre Duftrekonstruktionen der Mumie, von Mumienbinden, Mumiengirlanden, Särgen, der Einbalsamierung und des Blumenkranzes, der auf die Mumie von Tutankchamun gelegt wurde.

Bild Dora Goldsmith

Warum waren Gerüche in der Weltanschauung und im Glauben der Ägypter so besonders?

Die Ägypter glaubten, dass die Weltordnung aus Ma‘at und Isfet entsteht. Es gibt zwei Welten: die Welt von Chaos – Isfet – und die Welt von Ordnung und Gerechtigkeit – Ma‘at. Die Geruchswahrnehmung passte sehr gut zu dieser Lebensphilosophie, weil die Dinge ebenfalls entweder gut oder schlecht rochen. Die Welt der Ordnung und Gerechtigkeit wurde mit Parfüm in Verbindung gebracht, die Welt von Chaos und dem Bösen mit Gestank. Ma‘at wurde mit dem Königsgott Horus assoziiert, Isfet mit dem bösen Gott Seth, der Tod und Leichengestank mit sich bringt. Im Jenseits muss der Verstorbene gegen Seth, gegen den Leichengestank kämpfen. Siegt er, wird er im Jenseits einen königlichen oder göttlichen Duft haben und nicht mehr stinken. Dieser Dualismus zwischen Gut und Böse, Leben und Tod, Duft und Gestank spielte eine wichtige Rolle im alten Ägypten.

Welchen Part übernahm dabei die Natur, die ja zu vielen Gerüchen beiträgt?

Die Natur alleine war nichts Positives in der ägyptischen Weltanschauung, sondern etwas Böses und Stinkendes. Dabei handelt es sich allerdings nur um die „schlechte“ Natur wie etwa die Sümpfe im Delta, wo es Chaos und gefährliche Wesen wie Krokodile oder Nilpferde gibt, die einen attackieren können. Im Gegensatz dazu gilt die Stadt als etwas Gutes. Städte wurden im alten Ägypten mit Parfüm assoziiert, sie standen für Urbanisation und Kultur. Im Verständnis der Ägypter waren sie es, die die Kultur in die Welt gebracht haben.

War das Ziel jedes Ägypters, gut zu riechen?

Ja, aber im Diesseits konnte das nicht jeder. Die olfaktorische Hierarchie hat mit ihren Düften die allgemeine Hierarchie in Ägypten verstärkt. Demnach hatte der König als Gott den besten Duft. Er konnte als einziger schon im Diesseits sagen, dass er einen göttlichen Duft habe. Die Königin galt als „diejenige, die den Palast mit ihrem Parfüm füllt“ – das war auch der Zusatz für ihren Namen. Auch hohe Beamten dufteten – wenn sie einen Blumenstrauß geschenkt bekamen, bestand das eigentliche Geschenk aus dem Duft, nicht aus dem Strauß. Doch je weiter man in der Hierarchie nach unten ging, umso weniger gut rochen die Menschen. Auch die einfachen Menschen hatten Zugang zu Salben, aber die Zutaten waren nicht so hochwertig.

Und nach dem Tod?

Im Jenseits konnte jeder Osiris werden, das heißt: einen „sTi nTr“ (ausgesprochen: setschi netscher, Anm.d.Red.), also „göttlichen Duft“ haben. Nach dem Tod gab es keine olfaktorische Hierarchie mehr, jeder konnte ein Gott werden – zumindest theoretisch. Wir wissen, dass die Könige die Einbalsamierung mit den besten Zutaten und Duftstoffen bekommen haben. Aber nicht jeder wurde mit den hochwertigsten Zutaten einbalsamiert. In dem Sinne haben manche Menschen auch im Jenseits noch gestunken.

Ägypten gilt als das Mekka der Parfümerie: Was machte die Düfte so einzigartig?

Ich kann nur Vermutungen anstellen. Im alten Ägypten wurde – anders als heute – zwischen Parfüms und Medizin nicht unterschieden. Die Ägypter kannten Pflanzen und ihre Wirkung auf den Körper, sie waren gute Mediziner und Parfüms waren ein Heilmittel. Zudem war für die Ägypter gutes Aussehen eng mit dem Duft verbunden. Es gibt einen schönen Text aus Dendera, dem Tempel von Hathor, wo sich die Göttin in einem Spiegel ansieht und sagt: „Ich halte den Spiegel. Ich bringe (ihn) deinem Ka (ein Aspekt der Seele, Anm. d. Red.) herbei. Du siehst dein Gesicht. Dein Herz jubelt. Dein Mund freut sich über seine Form. Dein Gesicht glänzt. Deine Lippen sind süß. Der Duft des Sommerlotus ist für deine Nasenlöcher.“ Das zeigt, dass Düfte so wichtig waren, dass man sie fast sehen konnte.

Dora Goldsmith gibt ihr Praxiswissen aus der experimentellen Archäologie auch in Form von Duftseminaren weiter, Infos unter www.illuminatedperfume.com

Eine Erfahrung mit zwei Sinnen sozusagen.

Oder mit dreien: Denn die Ägypter unterschieden auch nicht zwischen Essen und Parfümerie  – auch diese Trennung stammt aus unserer Zeit. Vor einigen Monaten habe ich das heilige Öl „Hknw“ rekonstruiert, das bedeutet übersetzt „Freude“. Dieses Parfüm mit Johannisbaumfrucht, Styrax und zwei verschiedenen Arten von Myrrhe war für die Götter bestimmt, mit der Paste wurde jeden Tag die Götterstatue gesalbt – und für mich roch sie wie ein Dessert! Übrigens haben die Ägypter die Parfüms tatsächlich „gekocht“: Die Verben, die in Verbindung mit Parfümerie verwendet wurden, zum Beispiel „nwd“ oder „psi“, waren Verben, die das Kochen beschreiben, auch der Parfüm- oder Salbenmacher hieß „nwd“, also Koch. Heute versteht man Parfümeure als Künstler, in Ägypten waren sie Handwerker, die physisch schwere Arbeit verrichten mussten.

Wie nahe können heute rekonstruierte Düfte dem Original von damals sein?

Ich versuche, die Zutaten nur aus den Ländern zu beziehen, aus denen die Ägypter sie damals auch importiert haben. Meine Myrrhe erhalte ich zum Beispiel aus Somalia, Eritrea oder Äthiopien. Von Kiefernharz oder Styrax verwende ich nur die Form, die auch die Ägypter höchstwahrscheinlich verwendet haben. Viele Pflanzen sind allerdings ausgestorben, andere wiederum riechen nach Tausenden von Jahren ein bisschen anders. Ich versuche so genau zu sein wie möglich, eine hundertprozentig exakte Kopie ist aber auch nicht das Ziel. Ich möchte dem Original mit der Rekonstruktion so nahe wie möglich kommen, um den alten Text besser zu verstehen und einen Eindruck zu bekommen, wie es damals gerochen hat. Es ist ein Mittel, um die alte Kultur erlebbar zu machen. Dann ist das alte Ägypten auch nicht mehr so eine unverständliche Kultur, die man nur aus Büchern kennt. Mit dem Duft kann man sie durch die Nase wahrnehmen.

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Welche gewonnenen Erkenntnisse haben Sie besonders überrascht?

Ich wusste nicht, dass Düfte für die Ägypter so wichtig sind, dass sie einander mit Düften beschrieben und nicht anhand von visuellen Merkmalen. Die Göttin Hathor wurde in etwa als „diejenige, deren Geruch angenehm unter den Göttinnen ist” bezeichnet. In dem Text steht nichts über ihr Aussehen, sie wird nicht als diejenige beschrieben, die am schönsten aussieht. Sie ist diejenige, die von all den Göttinnen am besten riecht, deren „Duft den Himmel und das Land erreicht“, „deren Duft die Tempel erfüllt“.

Aktuell schreiben Sie an Ihrer Dissertation. Was wäre ein nächster logischer Schritt in Ihrer Forschung?

Die Duftkultur der Ägypter war so stark, dass sie auch andere Kulturen beeinflusst hat - beispielsweise die griechische Parfümerie. Im Tempel in Jerusalem gab es ähnliche Opfergaben, es hat dort also ähnlich gerochen wie in Ägypten. Meine These ist, dass die Juden  diese Duftkultur mitgenommen haben, als sie Ägypten verlassen haben. Es wäre interessant zu sehen, wie die ursprünglichen Parfümrezepte von Kultur zu Kultur weitertradiert wurden und wie sie sich verändert haben. Ich fürchte, ich werde das Duftthema niemals abschließen können! (lacht)

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