Archäologen entdecken „verlorene Goldene Stadt“ in Ägypten

Die 3.400 Jahre alte Königsstadt wurde von Amenhotep III. erbaut und von seinem ketzerischen Sohn Echnaton aufgegeben. Viele Gebäude und Artefakte blieben unter dem Sand erstaunlich gut erhalten.

Veröffentlicht am 12. Apr. 2021, 13:30 MESZ
Die Lehmziegelmauern der 3.400 Jahre alten Stadt, die hier von einer markanten Wellenmuster-Mauer umschlossen werden, sind ...

Die Lehmziegelmauern der 3.400 Jahre alten Stadt, die hier von einer markanten Wellenmuster-Mauer umschlossen werden, sind stellenweise fast drei Meter hoch.

Bild Courtesy of Zahi Hawass

Vor 3.400 Jahren gab ein umstrittener altägyptischer König seinen Namen, seine Religion und seine Hauptstadt in Theben (dem heutigen Luxor) auf. Archäologen wissen, was dann geschah: Der Pharao Echnaton baute die kurzlebige Stadt Achetaton, wo er an der Seite seiner Frau Nofretete regierte und die Sonne verehrte. Nach seinem Tod wurde sein junger Sohn Tutanchamun Herrscher über Ägypten – und kehrte dem umstrittenen Erbe seines Vaters den Rücken.

Aber warum verließ Echnaton Theben, das mehr als 150 Jahre lang die Hauptstadt des alten Ägypten gewesen war? Die Antwort könnte in der Entdeckung einer königlichen Metropole in Theben liegen, die Echnaton von seinem Vater Amenhotep III. geerbt hat. Der sagenhafte Fund, der in einer Ankündigung als „verlorene Goldene Stadt Luxors“ betitelt wurde, wird zweifellos ebenso viel Begeisterung, Spekulationen und Kontroversen auslösen wie der abtrünnige Pharao, der sie einst verließ.

Echnaton, der die „Goldene Stadt“ verließ, um in Amarna eine neue Hauptstadt zu errichten, förderte einen verblüffend neuartigen Stil der ägyptischen Kunst. Hier ist er mit seiner Frau Nofretete und drei Töchtern zu sehen.

Bild Universal History Archive/Getty

Da die Stadt erst im September 2020 entdeckt wurde, haben die Archäologen bislang nur an der Oberfläche der weitläufigen Anlage gekratzt. Es ist schwer zu sagen, wie genau die Bedeutung der Entdeckung im ägyptologischen Kontext einzuordnen ist. Doch der gute Erhaltungszustand der bisherigen Funde hat die Forschenden beeindruckt.

„Es besteht kein Zweifel: Es ist wirklich ein phänomenaler Fund“, sagt Salima Ikram, eine Archäologin, die die ägyptologische Abteilung der American University in Kairo leitet. „Es ist eine Momentaufnahme jener Zeit – eine ägyptische Version von Pompeji.“

Die Stätte stammt aus der Ära des Pharaos Amenhotep III. aus der 18. Dynastie. Er regierte zwischen ca. 1386 und 1353 v. Chr. und herrschte während einer Ära von außergewöhnlichem Reichtum, Macht und Luxus. In den letzten Jahren von Amenhotep III. soll er kurzzeitig an der Seite seines Sohnes Echnaton regiert haben.

Doch wenige Jahre nach dem Tod seines Vaters brach Echnaton, der von etwa 1353 bis 1336 v. Chr. regierte, mit allem, wofür der verstorbene Herrscher stand. Während seiner 17-jährigen Herrschaft stellte er die ägyptische Kultur auf den Kopf, indem er das traditionelle ägyptische Pantheon abschaffte – mit einer einzigen Ausnahme: dem Sonnengott Aton. Er änderte sogar seinen Namen von Amenhotep IV. in Echnaton, was „[jener,] der Aton dient“ bedeutet. 

Doch damit war es für den ketzerischen Pharao noch nicht getan. Echnaton verlegte seinen Königssitz von Theben nordwärts in eine völlig neue Stadt, die er Achetaton taufte (moderner Ortsname: Amarna). Dort initiierte er eine künstlerische Revolution, die die ägyptische Kunst für kurze Zeit von einer steifen und einförmigen Form in eine lebendige und detaillierte neue Spielart verwandelte. Doch nach seinem Tod wurden die meisten Spuren des Herrschers gezielt verwischt. Beginnend mit der Herrschaft seines Sohns, dem Kindkönig Tutanchamun, wurden Echnatons Hauptstadt, seine Kunst, seine Religion und sogar sein Name systematisch aus der Geschichte getilgt. Erst die Wiederentdeckung von Amarna im 18. Jahrhundert brachte das Vermächtnis des abtrünnigen Herrschers, das jahrhundertelang archäologische Spekulationen befeuerte, wieder ans Licht.

Warum und wie lief die umstrittene Transformation des Pharaos ab? Und wie sah der Alltag unter dem großen Amenhotep III. aus? Die neu gefundene Stadt könnte Aufschluss darüber geben. Die Ausgrabungsstätte liegt genau an der Schnittstelle zwischen Alt und Neu in einem Gebiet, das für seine archäologischen Reichtümer bekannt ist. Im Norden befindet sich der Totentempel von Amenhotep III. aus dem 14. Jahrhundert v. Chr., im Süden liegt der Totentempel Medinet Habu, der fast zwei Jahrhunderte später für Ramses III. erbaut wurde.

Hieroglyphische Inschriften auf den Tonkappen von Weingefäßen in der Stätte halfen, die Stadt auf die Regierungszeit von Amenhotep III (ca. 1386 bis 1353 v. Chr.) zu datieren.

Bild Courtesy of Zahi Hawass

Die Archäologen hatten gehofft, dass es sich bei dem Raum dazwischen um die Begräbnisstätte handeln könnte, in der Tutanchamuns Untertanen die Speisen und Grabbeigaben platzierten, die sie ihm nach seinem Tod um 1325 v. Chr. darbrachten. Stattdessen entdeckten sie etwas ganz anderes: bis zu drei Meter hohe, in Wellenform verlaufende Lehmziegelwände und haufenweise antiker Artefakte aus der Ära von Amenhotep III.

Die Bauwerke sind vollgepackt mit Alltagsgegenständen, von denen viele auf die künstlerische und industrielle Produktion hinweisen, von der die Hauptstadt des Pharaos lebte. Es gibt Häuser, in denen Arbeiter gelebt haben könnten; eine Bäckerei und eine Küche; Gegenstände aus der Metall- und Glasproduktion; Gebäude, die mit der Verwaltung in Verbindung zu stehen scheinen; und sogar einen Friedhof mit Grabkammern, die in den Felsen gehauen wurden.

Zwei ungewöhnliche Bestattungen von Rindern wurden in einem Raum in der Stadt gefunden. Es laufen Untersuchungen, um die Art und den Zweck dieser Tierbestattungen zu bestimmen.

Bild Courtesy of Zahi Hawass

Obwohl die Größe der Stadt noch nicht bestimmt werden konnte, ist ihre Datierung dank der Hieroglyphen auf einer Vielzahl von Gegenständen eindeutig. Ein Gefäß, das gekochtes Fleisch enthielt, war mit dem Jahr 37 beschriftet – der Zeit der mutmaßlichen Vater-Sohn-Doppelherrschaft von Amenhotep III. und Echnaton. Skarabäen, Ziegel, Gefäße und mehr tragen das königliche Siegel von Amenhotep III.

Die Gebäude tragen auch den Namen seines Sohnes, sagt Betsy Bryan, eine Professorin für ägyptische Kunst und Archäologie an der Johns Hopkins University. Bryan, die nicht an der Ausgrabung beteiligt war, besuchte die Anlage an einem Tag, an dem Archäologen eine Tondecke fanden, die mit Hieroglyphen gestempelt war: „Aton lebt in der Wahrheit“, lautet ihre Übersetzung. „Das ist ein Beiname von Echnaton“, bemerkt Bryan. Trotz der Hinweise auf den jüngeren König sagt sie jedoch, dass die Stadt Teil der Palastanlage seines Vaters im Norden ist, die Nebmaatre oder „der schillernde Aton“ genannt wurde.   

Als Echnaton an die Macht kam und einen neuen Kurs einschlug, ließ er die Stadt seines Vaters – und scheinbar alles, was sie enthielt – hinter sich.

Dieser Verlust ist ein Gewinn für die moderne Archäologie. „Sie ist außerordentlich schön“, sagt Ikram. Sie erinnert sich an einen Spaziergang durch die gut erhaltenen Straßen, umgeben von hohen Mauern, wo sie, wie sie sagt, jeden Moment damit rechnete, einen alten Ägypter um die Ecke kommen zu sehen. „Ich glaube nicht, dass man das überbewerten kann“, sagt sie. „Es ist einfach unglaublich.“

Archäologen haben eine Fülle von dekorativen und rituellen Gegenständen gefunden, darunter Skarabäen und Amulette.

Bild Courtesy of Zahi Hawass

Die Stadt scheint später von Tutanchamun wieder genutzt worden zu sein, der Achetaton während seiner Herrschaft aufgab und eine neue Hauptstadt in Memphis gründete. Eje, der später den Thron erbte, als er Tutanchamuns Witwe Anchesenamun heiratete, scheint sie ebenfalls genutzt zu haben. Vier unterschiedliche Siedlungsschichten an der Stätte zeigen Nutzungsepochen bis in die koptisch-byzantinische Ära des 3. bis 7. Jahrhunderts n. Chr.

Danach wurde die Stadt dem Sand überlassen – bis sie kürzlich wiederentdeckt wurde.

Aber warum wurde sie während der kurzen Herrschaft von Echnaton verlassen? „Ich weiß nicht, ob wir der Beantwortung dieser Frage durch diese spezielle Stadt näher kommen“, sagt Bryan. „Was wir bekommen werden, sind mehr und mehr Informationen über Amenhotep III., Echnaton und ihre Familien. Es ist noch recht früh, aber ich denke, es werden sich zunehmend Zusammenhänge ergeben.“ Auch wenn die neu entdeckte Stadt vielleicht keine Hinweise auf das Geheimnis des rebellischen Pharaos geben wird, so wird sie doch ein noch lebendigeres Bild des Lebens zeichnen, das er hinterließ. 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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