5000 Jahre Wassermelone – die Geschichte unseres Sommerlieblings

Woher kommt die Wassermelone? Antike hebräische Texte und ägyptische Grabmalereien verraten die lange Geschichte der Frucht.

Schon seit langer Zeit inspiriert die Wassermelone Künstler – so auch Guiseppe Recco zu seinem ‚Stillleben mit Frucht‘ (1634–1695). Die ersten Farbzeichnungen einer süßen Melone mit rotem Fruchtfleisch in Europa stammen aus einem mittelalterlichen Manuskript: dem Tacuinum Sanitatis.

Bild DEA, A. Dagli Orti/DeAgostini/ Getty
Veröffentlicht am 21. Juni 2021, 09:26 MESZ, Aktualisiert am 21. Juni 2021, 11:09 MESZ

Das Thermometer steigt über 25 Grad, die Tage sind wieder lang. Endlich ist der Sommer da – und mit ihm auch ein heißbegehrter Picknick-Klassiker: die Wassermelone.

Mark Twain schrieb einst, dass sie die „Frucht der Engel“ sei. Allerdings wäre den Engeln schnell der Appetit vergangen, hätten sie einmal den Vorfahren der Wassermelone probiert: eine bitter schmeckende Wildvariante, bestehend aus hartem, hellgrünem Fruchtfleisch.

Tausende Generationen selektiver Zucht in mehreren Ländern und verschiedenen Kulturen waren nötig, bis es schließlich die süße Wassermelone mit rotem Fruchtfleisch gab, die wir heute kennen. Aber woher kommt sie ursprünglich? Und wie hat sie sich von der bitteren, ungenießbaren Frucht zum zuckersüßen Sommerklassiker unserer Zeit entwickelt?

Die Geschichte der Melone kennt Harry Paris, Gartenbauingenieur am Volcani Center der Agricultural Resarch Organization in Israel. a. Er sammelte über Jahre, mithilfe historischer Quellen wie antiken hebräischen Texten, Artefakten aus ägyptischen Grabstätten und mittelalterlichen Zeichnungen, Hinweise zur Herkunft und Geschichte der Wassermelone, um ihre 5.000-jährige Entwicklung zu rekonstruieren.

Wo kommst du denn her?

Wissenschaftler sind sich einig, dass der Vorläufer unserer heutigen Wassermelone – die Ur-Wassermelone, könnte man sagen – in Afrika kultiviert wurde. Später hielt sie etwas weiter nördlich im mediterranen Raum Einzug und landete letztendlich bei uns in Mitteleuropa.

Und dort endet auch schon der wissenschaftliche Konsens. Denn: Woher genau die Ur-Wassermelone stammt – ob aus West-, Süd- oder Nordostafrika –, darüber herrscht Uneinigkeit in den wissenschaftlichen Theorien.

Paris sieht das Grundproblem bei den Taxonomen im 18. Jahrhundert: Die Klassifikation der Wassermelone sei ein hoffnungsloses Durcheinander.

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Schon der lateinische Name der modernen Wassermelone ist irreführend. Citrullus lanatus, wortwörtlich übersetzt: die „haarige Zitrulle“, war eigentlich der Name, der mit der Zitronenmelone (Citrullus amarus) in Verbindung gebracht wurde, welche mit einem dünnen Flaum bedeckt ist.

Die Zitronenmelone aus Südafrika steht in der Forschung auch hoch im Kurs, der antike Vorfahre der Wassermelone zu sein. Paris bezweifelt das allerdings: Er fand Beweise dafür, dass die Ägypter bereits vor 4.000 Jahren Wassermelonenpflanzen angebaut haben, was der südafrikanischen Landwirtschaft zeitlich voraus wäre.

Der zweite Kandidat im Rennen um die Rolle des antiken Vorfahren der Wassermelone ist die Egusi aus Westafrika. Doch auch hier ist Paris skeptisch: Egusis wurden aufgrund ihrer essbaren Samen kultiviert, nicht wegen ihres Fruchtfleisches – genau gegensätzlich zur Wassermelone.

Welche Melone ist also der Vorfahr unserer heutigen Wassermelone – und woher kommt sie? Ihr Name lautet Citrullus lanatus var. Colocynthoides, im Sudan auch als Gurum und in Ägyptenals Gurma bekannt – und somit nordostafrikanischer Herkunft.

„Warum den ganzen Weg nach Westafrika auf sich nehmen, wenn man diese Wassermelonen auch immer noch wildwachsend in den Wüsten Ägyptens und des Sudans finden kann?“, fragt Paris.

1705 beschreibt Plantagenbesitzer Robert Beverly die Wassermelone als „exzellent und sehr angenehm im Geschmack wie auch fürs Auge; mit einer lebhaft grünen Schale, [...] dem Fruchtfleisch in der Farbe einer Nelke, und schwarzen und schimmernden Samen [...]“

Bild Illustration courtesy nps.gov

Die Frucht der Pharaonen

Wassermelonen werden bereits seit Jahrtausenden von Menschen verzehrt. Archäologen machten einen Fund in einer 5.000 Jahre alten Siedlung in Libyen: Neben den Resten verschiedener anderer Früchte, fanden sie dort auch Wassermelonensamen.

Ebenso entdeckte man diese Samen sowie Zeichnungen von Wassermelonen in ägyptischen Grabstätten, die mehr als 4.000 Jahre alt sind – sogar in jener vom altägyptischen König Tutanchamun. Eine Grabmalerei stach dabei besonders hervor: Sie zeigt eine länglich geformte Frucht anstelle der runden Wildvariante, was darauf schließen lässt, dass bereits damals kultivierte Formen der Wassermelone existiert haben müssen.

Aber aus welchem Grund hätten die alten Ägypter wilde Wassermelonen kultivieren sollen, wo die Frucht zu dieser Zeit doch noch bitter, hart und ziemlich unappetitlich gewesen ist? Paris erklärt, dass die Antwort darauf im Namen der Frucht verborgen liegt: Es geht um ihren Wassergehalt.Wenn Wassermelonen kühl und schattig gelagert werden, bleiben sie für Wochen bis hin zu Monaten genießbar. Besonders in der Trockenzeit kann das ein wichtiger Faktor sein: Ein National Geographic-Korrespondent konnte 1924 im Sudan miterleben, wie die Wassermelonen bei korrekter Lagerung in der Trockenzeit über lange Zeiträume hinweg als Wasserquelle dienten, indem man ihnen das Wasser durch Herausschlagen entzog.

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Für die Dorfbewohner von Dindori in Indien ist Wasser keine Selbstverständlichkeit.

Paris glaubt, dass die alten Ägypter die Frucht für denselben Zweck nutzten. Dies sei auch der Grund, warum man Reste von Wassermelonen in Grabstätten finden könne: „Wenn die ägyptischen Pharaonen verstarben, hatten sie eine lange Reise vor sich, auf der sie eine Wasserquelle benötigen würden.“

Als die alten Ägypter anfingen, die Wassermelone zu kultivieren, war der Geschmack vermutlich das erste Merkmal, das sie versuchten zu verändern, nimmt Paris an. Für den bitteren Geschmack war lediglich ein Gen verantwortlich – relativ einfach also, dieses durch Züchtung aus der Population zu entfernen. 

Danach begann die gezielte Züchtung für weitere Merkmale. Dahingehend kann die Grabmalerei der länglich geformten Wassermelone auf einem Servierteller Aufschluss über ihre weitere Entwicklung geben: Da die Wassermelone frisch zum Essen serviert wurde, muss ihr Fruchtfleisch zart genug gewesen sein, um geschnitten und gegessen werden zu können. Vorbei waren die Tage des harten Fruchtfleisches und der Notwendigkeit, die Melone zu einem wässrigen Brei zu zerschlagen.

Das Ende der Entwicklung also? Nein. Noch fehlen der Wassermelone ihre heutigen Markenzeichen: die intensive Süße und ihre charakteristisch rote Farbe im Inneren.

Auf dem Weg zur heutigen Wassermelone

Nach 2.000 v. Chr. ist die Geschichte der Wassermelone nicht mehr so präsent: Paris musste ihre historischen Spuren gründlich aus verschiedenen Quellen wie medizinischen Handbüchern, Rezepten oder religiösen Texten herausfiltern, um ihre antiken Namen und verschiedenen Anwendungsbereiche herauszufinden.

Schriftstücke aus den Jahren zwischen 400 v. Chr. und 500 n. Chr. weisen darauf hin, dass die Wassermelone in dieser Zeit von Nordostafrika in die mediterranen Regionen kam. Paris spekuliert, dass neben dem Handel und Tausch auch der Gebrauch der Wassermelone als natürlicher Wasserlieferant auf langen Reisen die territoriale Expansion der Frucht unterstützt hat.

Die vielen heilenden Eigenschaften der Wassermelone betonten die antiken Griechen – unter anderem Ärzte wie Hippokrates und Dioskurides –, welche die Frucht ‚pepo‘ nannten: Die Wassermelone galt als harntreibend und bat die Möglichkeit, Kinder mit Hitzeschlag zu behandeln, indem man die kühlende, nasse Schale auf ihren Köpfen platzierte.

Ihre kühlende Wirkung beschrieb auch der römische Naturforscher Plinius der Ältere in seiner Enzyklopädie aus dem ersten Jahrhundert, der „Historia Naturalis“.

In Israel hat sich die Wassermelone ebenfalls verbreitet: Paris stieß in drei religionsgesetzlichen Schriften des Judentums – Mishnah, Tosefta und Talmud – auf ihren antiken hebräischen Namen: avattihim. Der Name taucht in diesen Schriften auf, weil die Rabbis zu jener Zeit auch landwirtschaftlich bewandert waren, so Paris.

Insbesondere die Texte zur Anwendung des Zehnt waren aufschlussreich: Per Gesetz wurde in Israel festgelegt, dass ein Zehntel des landwirtschaftlichen Ertrags an Geistliche und Arme abzugeben war. In diesen Texten wurden die Bauern instruiert, die avattihim nicht zu stapeln, sondern einzeln auszulegen. Ein wichtiger Indikator, dass es sich bei avattihim um Wassermelonen handelt, denn: Ihre Schalen waren bekanntermaßen fragil.

Der spannendste Eintrag in den hebräischen Schriften: Die Kategorisierung der Wassermelone im Zehnt um 200 n. Chr., wo sie in derselben Kategorie auftaucht wie Feigen, Trauben und Granatäpfel. Die Gemeinsamkeit all dieser Früchte? Sie sind süß.

Ausreichende Beweise dafür, dass man die Wassermelone im dritten Jahrhundert n. Chr. also bereits als süßes Dessert genießen konnte. Und wenn es sie in dieser Form schon in Israel gab, dann mit Sicherheit auch im mediterranen Raum.

Farbe bekennen

Nun ist die Wassermelone also weich, genießbar und sogar süß – die Eigenschaft, die zuletzt noch fehlt, ist die auffällige rote Farbe ihres Fruchtfleisches. Ein Mosaik aus der byzantinischen Ära um 425 n. Chr. zeigt die Wassermelone beispielsweise noch mit gelb-orangenem Fruchtfleisch.

Aufgrund von selektiver Züchtung änderte sich die Farbe des Fruchtfleisches der Wassermelone langsam. Das Gen, das für die rote Farbe verantwortlich ist, ist dabei gekoppelt mit dem Gen, das den Zuckergehalt bestimmt.

Bild Niday Picture Library, Alamy

In den darauf folgenden Jahren nimmt das Fruchtfleisch eine immer rötere Farbe an. Der Grund: Das Gen, das verantwortlich für die rote Farbe ist, ist mit dem Gen gekoppelt, das den Zuckergehalt bestimmt. Es gilt demnach: je süßer, desto röter. Und da die Wassermelone im Laufe der Jahre immer süßer wurde, veränderte sich auch schleichend ihre Farbe im Inneren hin zu einem leuchtenden Rot.

Die ersten bunten Abbildungen der süßen Wassermelone mit rotem Fruchtfleisch in Europa findet man in einer mittelalterlichen Schrift: dem Tacuinum Sanitatis. Die italienische Nobilität des 14. Jahrhunderts beauftragte aufwendig illustrierte Kopien des Textes, der auf einem arabischen Manuskript aus dem 11. Jahrhundert basiert und damals als Ratgeber für ein gesundes Leben galt.

Das Tacuinum Sanitatis enthält eine große Anzahl gartenbaulicher Bilder: Einige zeigen, wie die länglich geformte, grün-gestreifte Wassermelone geerntet und verkauft wird – dabei sieht man in einem Ausschnitt ihr rötliches Fruchtfleisch. Ein anderes Bild stellt einen Bauern mit fröhlichem Gesichtsausdruck dar, der aus einem Ende der Wassermelone trinkt.

Heute werden 100 Millionen Tonnen der Frucht weltweit jährlich angebaut. 5.000 Jahre Wassermelonengeschichte liegen hinter uns – von einer harten, bitteren und ungenießbaren Frucht zum süßen Favoriten unserer Sommertage. Am Ende behält Mark Twain Recht: Heute ist sie die Frucht der Engel.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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