Can Mata: Die Fossilien aus der Müllkippe

Bei der Erweiterung einer Deponie in der Nähe von Barcelona stoßen Paläontologen auf die Reste einer Vielzahl urzeitlicher Lebewesen, darunter Vorläufer der Menschenaffen – und des Menschen.

Bilder Von Paolo Verzone
Veröffentlicht am 26. Juli 2021, 13:59 MESZ
Schädelfossil falsche Säbelzahnkatze in der Hand einer Konservatorin

Das Schädelfossil einer falschen Säbelzahnkatze in Händen von Xènia Aymerich, Leitende Konservatorin am Institut Català de Paleontologia Miquel Crusafont (ICP). Das Fundstück ist eines der über 70 000 Fossilen aus der Abocandor de Can Mata bei Barcelona, einer Mülldeponie und einem Paradies für jeden Paläontologen.

Bild Paolo Verzone

Kaum ein Ort ist weniger einladend als eine Mülldeponie bei eisiger Nacht. Doch genau dort befand sich Josep Robles im Dezember 2019. Er war auf der Suche nach den raren Hinweisen auf die Entstehungsgeschichte des Menschen.

Bereits seit einigen Monaten hatte er seine Nächte mehrmals die Woche in der Abocador de Can Mata, der größten aktiven Mülldeponie in der Region Katalonien, verbracht. Woche für Woche, Tag für Tag, rund um die Uhr schlugen Bagger ihre metallenen Krallen ins Gelände, um eine weitere tiefe Grube auszuheben, die den Müll aus Barcelona und Umgebung aufnehmen sollte. Robles war einer von acht Paläontologen, die abwechselnd ein wachsames Auge auf die Tonnen von Abraum aus Stein und ockergelber Erde warfen. (…) Sobald er einen verheißungsvollen Gesteinsbrocken sichtete, gab er dem Baggerführer ein Zeichen, die Arbeit zu unterbrechen, damit er das Objekt genauer in Augenschein nehmen konnte. Bestätigte sich der Eindruck, bedeckte er es mit einer reflektierenden Aluminiumfolie, um es am Morgen bei Tageslicht zu bergen. Dann trat er zurück, gab sein Okay, und das Getöse der Maschine setzte wieder ein.

Im Untergrund der Can Mata lagert eine Vielfalt an Fossilien. Sie stammen aus dem Miozän vor 11,2 bis 12,5 Millionen Jahren. Seit 2002 haben Robles und weitere Paläontologen des Institut Català de Paleontologia Miquel Crusafont (ICP) an der Autonomen Universität Barcelona über 70 000 fos- sile Fundstücke aus dieser Zeit geborgen, darunter Pferde, Nashörner, Rehe, Verwandte der Elefanten – sogenannte Probosciden –, eine urzeitliche Form des Riesenpandas und das älteste Gleithörnchen der Welt. Hinzu kommen urzeitliche Reste von Nagetieren, Vögeln, Amphibien und Reptilien – sowie von Primaten, wie man sie sonst noch nirgendwo entdeckt hat.

Der Boden von Can Mata birgt hochinteressante Fossilien aus einer Zeit vor 11,2 bis 12,5 Millionen Jahren, darunter Funde urzeitlicher Primatenarten, die weltweit einmalig sind. Seit 2002 begleiten Paläontologen die Erweiterungen der Deponie.

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Viele zählen zu den Hominoiden, Vorläufer der Gibbons, Menschenaffen inklusive Orang-Utans, Gorillas und Schimpansen – und des Menschen. Während des Mittelmiozäns existierten Dutzende hominoider Arten. Sie stammten ursprünglich aus Afrika, tauchten dann aber vor 12,5 Millionen Jahren auch in Asien und Europa auf. Die Knochen von Can Mata liefern Puzzlesteine zum Bild einer Epoche, die in vieler Hinsicht noch im Dunklen liegt. „In Can Mata konnten wir nachweisen, dass Primaten dieser Periode vielfältiger sind als bisher angenommen“, sagt David Alba, Direktor des ICP.

Can Mata, circa 40 Kilometer nordwestlich von Barcelona gelegen, erschien erstmals in den Vierzigerjahren als Fundort auf der Landkarte, als Miquel Crusafort, Namensgeber des ICP, dort den Teil eines Unterkieferknochens sowie den Zahn eines miozänen Menschenaffens entdeckte. Nachfolgende Funde trugen dazu bei, Can Mata als eingetragene Fundstätte zu sichern. Dessen ungeachtet lief auch der Betrieb als Mülldeponie seit Mitte der Achtzigerjahre legal weiter. Als die Betreibergesellschaft Cespa Gestión de Residuos in den frühen 2000ern weitere, mindestens 30 Meter tiefe Abfallgruben ausbaggern wollte, war sie durch das Gesetz verpflichtet, sicherzustellen, dass die Maschinen weder Fossilien zermalmen noch unter den Abraumhalden begraben. Die Cespa kontaktierte mehrere Wissenschaftler, um die Grabungsarbeiten zu sichten. Sie ergriffen die Gelegenheit begeistert.

2002 begannen die freiberuflichen Paläontologen (heute allesamt beim ICP) Isaac Casanovas-Vilar, Jordi Galindo und Direktor Alba – damals Doktorand – mit der Observation der Baggerarbeiten in Can Mata. Im Verlauf von drei Wochen bargen sie den Zahn eines Deinotheriums, eines riesigen Verwandten der Elefanten mit abwärts gebogenen Stoßzähnen. Als sie die Fundstelle unter die Lupe nahmen, entdeckten sie das Bruchstück eines Fingerknochens. „Ich dachte: Oh Mann, der sieht ja aus wie von einem Primaten“, erinnert sich Alba. (…) Als Nächstes fanden sie drei Bruchstücke eines Hundezahns und auf eine Ansammlung winziger zerbrechlicher Knochenstückchen, die verstreut neben einem Sedimentklotz lagen. Bäuchlings, mit der Kamera in der Hand, versuchte Alba, einen Blick auf die Unterseite des Klotzes zu erhalten.

Erschrocken begriff er, dass er unmittelbar in ein urzeitliches Gesicht blickte. „Und wir drei, völlig aufgeregt – es verschlug uns fast die Sprache – drehten ihn rum“, sagt er. „Und da war er, der Pierolapithecus, und sah zu uns hoch. Das war einer der größten Augenblicke meines Lebens.“ Im Endeffekt stellte sich der Fund als neue Menschenaffenart heraus, Pierolapithecus catalaunicus genannt, kurz Pau. Mit einem Alter von etwa zwölf Millionen Jahren gehört er zu den am vollständigsten erhaltenen Primatenskeletten aus dem Miozän, die man jemals gefunden hat. (…)

Nach ihrer Bergung lagern die Fossilien im Hauptsitz des ICP in Barcelona, wo sie auf ihre Präparation und Untersuchung warten. Hier prüft Konservator Jordi Galindo die Aufschriften der Pakete mit fossilienträchtigen, in Schaumstoff gehüllten Gesteinsbrocken.

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Genauso begeistert war das Can-Mata-Team über eine weitere Neuentdeckung eines Hominoiden namens Anoiapithecus brevirostris, den sie auf eine Zeit vor ungefähr zwölf Millionen Jahren datierten. Die meisten Primaten haben vorstehende Gesichtsknochen, doch das Gesicht dieses fossilen Mannes, Spitzname Lluc, war erstaunlich flach ... so flach, dass es dem Homo ähnlich schien. Die Forscher stell- ten die These auf, dies sei das Resultat einer konvergierenden Entwicklung, bei der sich ähnliche Merkmale herausbilden, ohne dass die betreffenden Organismen miteinander verwandt oder entfernt verwandt sind. (…)

Die Fossilien-Goldgrube im Mülldepot hat über 85 Säugetierarten – Zeitgenossen der prähistorischen Primaten – zutage gefördert. Unter den jüngsten Funden ist das Chalicotherium, ein krallenfüßiges Huftier, das wie eine seltsame Mischung aus Riesenfaultier, Bär, Pferd und Gorilla aussieht. Hinzu kommt die falsche Säbelzahnkatze – falsch, weil sie nicht wie Tiger oder Löwen zu den Katzenartigen zählt. Sie gehört vielmehr einem Raubtierzweig an, der sich vor 40 Millionen Jahren von den Katzenartigen abgespalten hat. Sie alle lebten in einer wichtigen Umbruchphase vom Mittel- zum Spätmiozän, als die subtropischen Regenwälder zunehmend trockenfielen und sich Savannengebiete ausbreiteten.

Edmonds Urzeitreich: Wie verschifft man ein Stück Dinosaurier-Friedhof?
Irgendwo im Nirgendwo der amerikanischen Prärie müssen um die 40 Tonnen an uralten Knochen und Gestein gehoben, zerteilt, verladen und verschifft werden – eine logistische Herausforderung der Extraklasse. (Kamera: Jonas Eiden)

Mithilfe dieser Erkenntnisse ist es wissenschaftlich möglich, Umweltveränderungen in Can Mata über circa 100 Millionen Jahre in Zeitspannen von 100 000 Jahren nachzuvollziehen. „Es gibt einige Hundert Meter Sedimente, alle fossilienführend“, so Casanovas-Vilar vom ICP. Mit dieser Aufgabe stehen die Forscher noch am Anfang. „Eine Zeitlang können Ökosysteme Veränderungen tolerieren, doch wie lange? Das ist eine der Fragen, die wir für diese spezielle Umgebung und diese spezielle Zeit beantworten können oder versuchen werden zu beantworten“, sagt Casanovas-Vilar.

Doch werden Grabungen in den kommenden Jahrzehnten überhaupt möglich sein? Manche Einwohner haben die Nase voll von Can Mata, ihrem Gestank, den endlosen Fahrten Staub aufwirbelnder Müllwagen. Während Robles im Herbst 2019 mit seinem Team die Baggerarbeiten observierte, versammelten sich Demonstranten vor dem Eingangstor der Deponie und schwenkten Protestschilder: „Macht die Grube dicht.“ „Wir wollen in Ruhe atmen.“

Trotzdem stimmten die Bürger kürzlich für die Erweiterung der Grube, möglicherweise bis zum Ende des Jahrzehnts. Folglich werden sich die Wissenschaftler vorerst nicht von hier verabschieden. Mit den bereits geborgenen Fossilien haben sie noch Arbeit vor sich. Bisher sind gerade 20 Prozent der Funde von Sedimentresten gereinigt und präpariert worden. Einige Tausend mehr ruhen, in Packpapier und Plastikfolie gehüllt, in kühlen unterirdischen Lagerräumen. Mit Nummer und Etikett versehen, wartet jedes Paket darauf, von einem neugierigen Forscher ausgepackt zu werden. Manche warten seit fast 20 Jahren. „Damit werden noch drei bis vier Generationen von Paläontologen beschäftigt sein“, sagt Alba.

Aus dem Englischen von Bettina Kreisel

Die aus New York stammende Journalistin Jennifer Pinkowski beschäftigt sich mit Wissenschaft und Geschichte und lebt in Berlin. Der Fotograf Paolo Verzone widmete sich Dinosaurier-Fossilien bereits in der Oktober-Ausgabe 2020.

Dieser Artikel erschien in voller Länge und mit vielen weiteren Informationen, Bildern und Grafiken in der Juli 2021-Ausgabe des deutschen NATIONAL GEOGRAPHIC Magazins. Keine Ausgabe mehr verpassen und jetzt ein Abo abschließen! 

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