1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland: Zeit für Entdeckungen

Was ist der Sabbat? Warum tragen Juden eine Kippa? Und wie kocht man koscher? Eine kleine Entdeckungsreise durch den kulturellen Alltag im Judentum und seine religiösen Riten.

Veröffentlicht am 30. Aug. 2021, 15:05 MESZ, Aktualisiert am 30. Aug. 2021, 16:34 MESZ
Zentrale Schrift des Judentums: die Tora. Sie besteht aus den fünf Büchern Mose und wird auch ...

Zentrale Schrift des Judentums: die Tora. Sie besteht aus den fünf Büchern Mose und wird auch heute noch von Hand geschrieben.

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Im Jahr 321 erließ der römische Kaiser Konstantin ein Gesetz von historischer Tragweite: Es besagte, dass Juden in der rheinischen Kolonie Colonia Claudia Ara Agrippinensium von nun an in den Stadtrat berufen werden konnten. Heute ist es das älteste Zeugnis jüdischer Geschichte in Deutschland. Denn der Gesetzestext belegt, dass schon vor mindestens 1700 Jahren Juden in der römischen Kolonie lebten, die heute Köln heißt. Die Domstadt gilt damit als älteste jüdische Gemeinde nördlich der Alpen.

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland: Anlass für ein deutsch-jüdisches Festjahr mit rund 1000 Veranstaltungen in ganz Deutschland. Ein eigens gegründeter Verein koordiniert und gestaltet das Jubiläum mit Unterstützung der Bundesregierung, dem Land NRW und der Stadt Köln. Das Ziel: Jüdisches Leben sichtbar und erlebbar zu machen – und dem erstarkenden Antisemitismus entgegenzuwirken.

Möglichst viele Menschen sollen die Möglichkeit haben, jüdischer Geschichte zu begegnen und den Alltag jüdischer Menschen besser kennenzulernen. Denn obwohl jüdisches Leben hierzulande eine lange Geschichte hat, wissen viele Menschen offenbar wenig über seine Vergangenheit und Gegenwart, seine religiösen Riten und Bräuche.

Chanukka

Judentum: Älteste Weltreligion

Als eine der fünf großen Weltreligionen entstand das Judentum schon etwa 2000 Jahre vor Christus. Aus ihm haben sich das Christentum und der Islam entwickelt. Heute gehören der jüdischen Religion über 14 Millionen Menschen an. Etwa die Hälfte aller Juden lebt in Israel, das 1948 gegründet wurde. Zum Vergleich: Das Christentum hat etwa 2,3 Milliarden Anhänger, der Islam 1,6 Milliarden. Rund 940 Millionen Menschen bekennen sich zum Hinduismus, 460 Millionen zum Buddhismus.

In ihrer langen Geschichte sind die Jüdinnen und Juden immer wieder verfolgt und gewaltsam vertrieben worden. Nach den Schrecken des Nationalsozialismus schien jüdisches Leben in Deutschland lange Zeit kaum vorstellbar. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind rund 200.000 Menschen jüdischer Abstammung nach Deutschland gekommen. Die jüdischen Gemeinden haben heute wieder etwa 100.000 Mitglieder.

Tora: Heilige Schrift der Juden

Zentrale religiöse Schrift des Judentums ist die Tora (deutsch: „Lehre“, „Gesetz“). Sie besteht aus den fünf Büchern Mose und ist Teil der hebräischen Bibel (Tanach). Die Torarolle wird auch heute noch von Hand geschrieben und auf zwei Holzstäbe gewickelt. Sie darf nicht mit bloßen Händen berührt werden.

Eine weitere wichtige Schrift ist der Talmud. Er enthält keine biblischen Gesetzestexte, sondern interpretiert diese und hält damit Anleitungen für den religiösen Alltag bereit.

Die Neue Synagoge in Berlin-Mitte: Mahnmal und wichtiger Ort jüdischen Lebens in Deutschland.

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Gebet und Gottesdienst im Judentum

Im Judentum wird drei Mal täglich gebetet: Am Morgen, am Nachmittag und am Abend. Die Gebetsrichtung, in der auch meist die Sitzplätze einer Synagoge angeordnet sind, zeigt nach Jerusalem. Beim Gebet, dem Studium religiöser Texte und während eines Synagogen- oder Friedhofsbesuchs muss eine Kopfbedeckung getragen werden. Sie ist Zeichen dafür, dass Gott über dem Menschen steht. Traditionelle Kopfbedeckung jüdischer Männer ist die Kippa, eine kleine kreisförmige Mütze. Inzwischen gibt es auch immer mehr Frauen, die Kippa tragen. Kopfbedeckung kann aber ebenso ein Hut, eine Basecap oder zur Not ein Taschentuch sein.

Das Judentum kennt keinen Mittler zwischen Mensch und Gott: Papst oder Priester wie im Christentum gibt es nicht. Oberhaupt einer jüdischen Gemeinde ist der Rabbiner oder die Rabbinerin. Ihre Hauptaufgabe ist es, die Tora zu lehren und seelsorgerisch zu arbeiten. Beim Gebet hingegen müssen sie keine besonderen Aufgaben erfüllen. Als Rabbi werden jüdische Gelehrte bezeichnet, welche die Vorschriften der Tora auslegen.

Galerie: Jüdisches Fest – Lag baOmer in Djerba

Feiertage und jüdische Bräuche

Die Juden haben einen eigenen Kalender. Das jüdische Jahr beginnt im Herbst und damit auch das Neujahrsfest Rosch Haschana. Zahlreiche weitere Feiertage folgen – darunter der jüdische Buß- und Bettag Jom Kippur, das Lichter- und Weihefest Chanukka oder Purim, das an den Karneval erinnert. Etwa zeitgleich mit dem christlichen Osterfest erinnern die Juden zu Pessach an den Auszug ihres Volkes aus Ägypten.

Höchster Feiertag und zugleich ein strenger Ruhetag ist der Sabbat oder Schabbat. Er erinnert an Gottes Ruhetag während der Schöpfung. Nach dem jüdischen Kalender ist der Samstag der siebte Tag der Woche. Der jüdische Tag beginnt am Abend mit Einbruch der Dunkelheit. Sabbat ist deshalb von Freitag- bis Samstagabend. Während dieser Zeit ist jede Art von Arbeit verboten. Auch das Kochen, die Nutzung elektrischer Geräte oder die Fortbewegung in Auto, Bus und Bahn gehören dazu.

Traditionell wird in jüdischen Haushalten für den Sabbat vorgekocht. So entstanden viele kulinarische Spezialitäten, die nach ganz speziellen Regeln über viele Stunden warmgehalten oder kalt gegessen werden.

Kaschrut: Die jüdischen Speisevorschriften.

Fest im täglichen Leben verankert sind deshalb auch die Kaschrut – die jüdischen Speisevorschriften. Sie unterscheiden zwischen erlaubten (koscheren) und verbotenen Lebensmitteln. Tabu sind unter anderem Fische ohne sichtbare Schuppen wie etwa Aal oder Wels, Schalen- und Krustentiere, Schnecken, Insekten, Reptilien und Schweinefleisch.

Ebenso verboten ist – wie ursprünglich auch im Christentum – der Verzehr von Blut. Der Grund: Nach jüdischer Auffassung sitzt die Seele des Tieres im Blut. Fleisch darf deshalb erst verzehrt werden, wenn es blutleer ist. Beim jüdischen Schächten wird das Tier dazu mit einem einzigen gezielten Schnitt ohne vorherige Betäubung getötet, um das Tier sofort vollständig ausbluten zu lassen.

Grundsätzlich müssen Fleisch und Milch von erlaubten Tieren wie Rind, Schaf und Ziege stammen – allesamt Wiederkäuer mit gespaltenen Hufen. Auch Zuchtgeflügel ist erlaubt. Das Fleisch darf aber nicht mit Milchprodukten in Berührung kommen. Die Regel stammt aus dem Alten Testament: „Koche nicht ein Böcklein in der Milch seiner Mutter“, heißt es im 2. Buch Mose. Ein Rindersteak mit Rahmsoße ist also nicht koscher. Viele Juden benutzen sogar ein Küchen-Equipment in zweifacher Ausführung – für fleischige und milchige Speisen.

Auch für viele weitere Lebens- und Genussmittel gelten besondere Vorschriften. Die jüdische Küche steckt voller Finessen – Zeit, sie zu entdecken.

Quellen: Zentralrat der Juden in Deutschland, Bundeszentrale für politische Bildung

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