Spuren eines Sonnensturms belegen: Wikinger siedelten vor genau tausend Jahren in Amerika

Das Holz, das in L’Anse aux Meadows gefunden wurde, trägt Spuren erhöhter kosmischer Strahlung. Dadurch lässt sich nicht nur sein Alter auf das Jahr genau bestimmen – sondern auch, wann die Wikinger in Neufundland siedelten.

Mithilfe neuer Datierungsmethoden wurde bewiesen, dass die Wikinger Amerika vor genau 1.000 Jahren in Amerika siedelten.

Bild Stained glass by Edward Coley Burne-Jones via Delaware Art Museum / Bridgeman Images
Veröffentlicht am 25. Okt. 2021, 15:00 MESZ, Aktualisiert am 26. Okt. 2021, 09:58 MESZ

In den Ringen eines Baumes kann man lesen wie in einem Buch, und die besonders Alten unter ihnen erzählen weltweit von einem Ereignis, das im Jahr 993 n. Chr. seinen Lauf nahm. Ein magnetischer Sturm – auch Sonnensturm genannt – verursachte eine Schockwellenfront in Richtung Erde, die zu einem erhöhten Aufkommen kosmischer Strahlung führte. Zu erkennen ist dies anhand des größeren Radiokohlenstoffgehalts in den Bäumen, die in diesem Zeitraum auf unserem Planeten wuchsen.

Dass dieses Wissen auch für die historische Forschung von Bedeutung ist, zeigt nun eine Studie, die in der Zeitschrift Nature erschienen ist. Mithilfe der Spuren, die dieser Sonnensturm hinterlassen hat, kann das exakte Jahr bestimmt werden, in dem die Wikinger in Amerika siedelten.

Vor über 50 Jahren wurde an der archäologischen Fundstätte L’Anse aux Meadows auf der kanadischen Insel Neufundland eine alte Wikingersiedlung entdeckt. Seitdem weiß man, dass die Menschen aus dem Norden, die vom späten 8. Jahrhundert n. Chr. bis etwa zum Jahr 1100 die Weltmeere bereisten, die ersten Europäer auf dem amerikanischen Kontinent waren. Wann genau sie aber in diesem Teil der Welt, den sie “Vinland” nannten, siedelten, konnte bisher nur geschätzt werden. Die Analyse von archäologischen Artefakten, Radiokarbondatierungen sowie Wikingersagen legten nahe, dass die Siedlung von L’Anse aux Meadows zwischen 990 und 1050 n. Chr. ihre kurze Blütezeit erlebte.

Galerie: Als die Wikinger in Amerika waren

Basierend auf den bekannten Informationen über den Sonnensturm im Jahr 993 konnten Forschern jetzt beweisen, dass der Außenposten der Wikinger im Nordatlantik vor genau 1.000 Jahren im Jahr 1021 bestanden hat.

Die neue Datenlage entspricht im Großen und Ganzen dem, was bisher über die Anwesenheit der Wikinger in Amerika angenommen wurde. „Sie bestätigt im Grunde das, was Archäologen bisher herausfinden konnten“, sagt Ulf Büntgen, Geograf an der University of Cambridge in England, der nicht an der Studie mitgearbeitet hat. „Trotzdem freue ich mich sehr über diese Studie – noch vor zwanzig Jahren konnten wir von derartig konkreten Daten nur träumen.“

Die Studie belegt außerdem, dass die überlieferten Sagen über dieses und andere Abenteuer der Wikinger, die erst hunderte Jahre nach dem tatsächlichen Geschehen niedergeschrieben wurden, historisch korrekt sind. „Wir wussten, dass wir mit einem Zeitraum um 1000 n. Chr. richtig liegen, aber das auf 1021 präzisieren zu können, ist eine große Sache“, sagt Davide Zori, Archäologe an der Baylor University in Waco, Texas, der nicht an der Studie mitgewirkt hat. „Wir wissen jetzt, dass die Zeitangaben in Wikingersagen bis auf das Jahrzehnt genau sind. Ich finde das äußerst beeindruckend.“

Die mikroskopische Aufnahme eines Holzfragments aus L’Anse aux Meadows. Wissenschaftler untersuchten mithilfe der Radiokarbonmethode mehrere hundert Baumringe, um den zu finden, der den Sonnensturm im Jahr 993 n. Chr. dokumentiert.

Bild Petra Doeve

Was Baumringe uns verraten

Für die Erhebung der neuen Daten wurden äußerst alte Proben untersucht. Dutzende Radiokarbonanalysen von Holzartefakten, die in den Sechzigerjahren an der Fundstelle ausgegraben wurden, deuteten schon damals darauf hin, dass die Stätte etwa 1.000 Jahre alt sein musste. Doch die Radiokarbonmethode war zu dieser Zeit noch nicht ausgereift und ihre Ergebnisse konnten um Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte von dem tatsächlichen Ursprungszeitraum abweichen.

Glücklicherweise herrschte unter den Archäologen jener Zeit ein starker Glaube an den zukünftigen Fortschritt im Bereich dieser Technologie. Zum Zweck späterer Untersuchungen verwahrten sie Hunderte Holzfragmente, die an und in der Nähe der Fundstelle gefunden wurden, in einem kanadischen Lagerhaus – tiefgekühlt, um sie vor dem Verfall zu schützen. Als die Co-Autorin der Studie, Margot Kuitems, Archäologin an der Universiteit Groningen in den Niederlanden, das Lager vor einigen Jahren besuchte, war sie sprachlos. Das Tausende Jahre alte Holz sah „so frisch aus, als wäre es gestern erst eingelagert worden“, sagt sie. „Es war die reinste Goldmine.“

Margot Kuitems und ihr Kollege Michael Dee, Radiokarbonexperte an der Universität Groningen, waren in dem Lagerhaus auf der Suche nach Testobjekten für eine neue, auf der Studie von Baumringen basierenden Datierungsmethode. Um herauszufinden, ob ihre Methode geeignet war, um das Alter der Siedlung von L’Anse aux Meadows präzise zu bestimmen, wählte Margot Kuitems insgesamt vier Wachholder- und Tannenholzfragmente aus, die von Bäumen aus der Umgebung der Langhäuser der Wikinger stammten, und noch über Rinde verfügten. „Bei den Stücken handelt es sich nicht direkt um Artefakte“, sagt sie über die Proben, „sondern um Abfallprodukte, die bei Holzarbeiten entstanden sind.”

Für die Zwecke der beiden Wissenschaftler waren die vier Objekte aufgrund gewisser Gemeinsamkeiten besonders gut geeignet: Zum einen waren sie in Erdschichten direkt neben Wikingerartefakten gefunden worden, wodurch gesichert war, das eine Verbindung zu der Zeit der Besiedelung bestand. Außerdem waren sie bei der Bearbeitung eines größeren Holzstücks mithilfe von Metallwerkzeugen entstanden, die zu der damaligen Zeit in Nordamerika unbekannt waren – ein weiterer Beweis für ihren Wikingerursprung. Die Rinde war deshalb wichtig, weil sie Margot Kuitems und Michael Dee dabei half, zu ermitteln, wann der Baum gefällt wurde.

Und noch ein anderer Aspekt war auffällig: In den Baumringen drei der Objekte konnten Spuren der erhöhten kosmischen Strahlung festgestellt werden, die der Sonnensturm im Jahr 993 v. Chr. verursacht hatte – ein Phänomen, das in den vergangenen 2.000 Jahren nur zweimal aufgetreten ist.

Die Spuren der kosmischen Eruption sind bei der Anwendung der Radiokarbonmethode von Holz als Zacken zu erkennen, die die Datierung um etwa ein Jahrhundert verzerren. Auf diese Anomalie, die, wenn man den entsprechenden Baumring mit anderen vergleicht als eine Art Zeitmarker fungiert, wurden Wissenschaftler erstmals im Jahr 2012 aufmerksam. „Der Zacken ist wirklich mehr als deutlich zu erkennen”, sagt Michael Dee, der die Studie geleitet hat.

Auf der Suche nach diesem Zeitmarker sammelte das Team in mühevoller Kleinarbeit die Radiokarbondaten von mehr als 100 Baumringen, von denen manche weniger als einen Millimeter breit waren. Danach galt es herauszufinden, wann der Baum gefällt wurde, der Rest war einfache Mathematik. „Bei einem Stück Holz, an dem sowohl die Ringe sichtbar als auch noch die Rinde vorhanden ist, muss man einfach nur zählen“, erklärt Michael Dee.

Galerie: Forscher identifizieren Massengrab eines gewaltigen Wikingerheers

Das Ergebnis: Zwischen dem durch den Sonnensturm verursachten Zacken und der Rinde lagen 28 Ringe, also waren zwischen der kosmischen Eruption im Jahr 993 und dem Fällen des Baumes 28 Jahre vergangen. „Somit konnten wir beweisen, dass der Baum spätestens im Jahr 1021 gefällt worden ist“, sagt Michael Dee.

Diese Daten decken sich auch mit zwei isländischen Sagen: der „Grænlendinga saga“ – „Der Sage von den Grönländern“ – und der „Saga von Erik dem Rotem“. Beide berichten von den Versuchen der Besiedelung des im äußersten Westen der Wikingerwelt gelegenen „Vinlands“, und wurden erst im 13. Jahrhundert niedergeschrieben. Da sie sich aber auf historische Ereignisse und Personen beziehen, werden sie trotzdem dazu herangezogen, den Zeitverlauf der Reisen der Wikinger vor ungefähr 1.000 Jahren nachzuvollziehen – und sind, wie sich jetzt zeigt, eine zuverlässige Quelle.

Dass die neuen Daten den bisherigen Wissensstand über die Wikinger in Amerika nicht revolutionieren würden, sagt auch Davide Zori. Doch der Einsatz der neuen Datierungsmethode auf andere Fundstellen, bei denen kein so klarer Zusammenhang zwischen historischen Aufzeichnungen und archäologischen Entdeckungen bestünde wie in L’Anse aux Meadows, könne ein vielversprechender Ansatz sein. „Eine präzise zeitliche Einordnung ist bei dem Herstellen einer Verbindung zwischen bestimmten Ereignissen und Monumenten oder Gebäuden extrem hilfreich“, sagt er.

Den präzisen Zeitpunkt zu kennen, zu dem die Wikinger den Ozean überquert und eine Siedlung in dieser neuen Welt errichteten, fasziniert Michael Dee „Die Überquerung des Atlantiks war ein großer Schritt“, sagt er. „Und jetzt haben wir sogar ein konkretes Datum, das dieses Ereignis belegt.“

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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