Europa in der Urzeit: Warum mehr Frühmenschen die Eiszeiten überlebten als gedacht

Klimaverschiebungen und Eiszeiten sollen Europa im Mittelpleistozän für die Frühmenschen größtenteils unbewohnbar gemacht haben. Eine neue Studie widerlegt diese Annahme nun und zeigt, dass die Bevölkerungsdichte zu jener Zeit überraschend groß war.

Veröffentlicht am 6. Mai 2022, 09:20 MESZ
Nahaufnahme eines Frühmenschen.

Zwischeneiszeiten und Vergletscherungen machten den Frühmenschen des Mittelpleistozäns zu schaffen – vermutlich aber weniger als bisher vermutet.

Foto von Neanderthal Museum / Holger Neumann

Weniger als 1.000 Individuen zur selben Zeit: So niedrig wurde bisher die Populationsdichte der Frühmenschen in Europa geschätzt. Während der untersuchten Zeitspanne im Mittelpleistozän – vor etwa 550.000 bis 350.000 Jahren – soll die Bevölkerungsdichte sogar in den Warmzeiten nicht über etwa 2.000 Individuen gestiegen sein. 

Der Hauptgrund für diese bisher gängige Annahme sind Klimaschwankungen, durch die Vergletscherungen und Zwischeneiszeiten die Geschichte der Frühmenschen bestimmten. Doch eine neue Studie steuert dagegen: War Europa teilweise doch lebensfreundlicher als gedacht?

Um dieser Frage nachzugehen, untersuchte ein Team aus deutschen und spanischen Forschenden archäologische und klimatologische Befunde aus der Zeit von vor 550.000 bis 350.000 Jahren. Die Zeitspanne gilt als besonders entscheidende Phase der europäischen Menschheitsgeschichte, in der sowohl erste Neandertaler in Westeuropa siedelten als auch komplexere Werkzeugtechnologien ihren Ursprung fanden. 

In ihrer Studie, die von Jesús Rodríguez vom Nationalen Forschungszentrum für die Evolution des Menschen (CENIEH) in Burgos, Spanien geleitet wurde, stellen die Forschenden fest: Die Populationsdichte der damaligen Zeit war wohl bis zu zehnmal so hoch wie bisher angenommen – und die einzelnen Bevölkerungsgruppen waren weitaus weniger voneinander isoliert.

Große Teile Mittel- und Südeuropas sind für die Frühmenschen sogar während der Zwischeneiszeiten bewohnbar geblieben.

Foto von Jesús Rodríguez

Überleben während der Eiszeit

Bisher ging man davon aus, dass zu den Kältezeiten nur wenige Teile Europas bewohnbar waren. Gerade zu den Eiszeiten gibt es daher bislang Schätzungen, laut denen die Populationsdichte der Frühmenschen bis auf 600 Individuen fiel. Zusätzlich herrscht die Annahme, dass gerade die Populationen im nordwestlichen Gebiet Europas von den südlichen Populationen abgekoppelt waren – und während der Eiszeiten generell nur wenige Regionen bewohnbar blieben.

Um diese Theorie zu prüfen, nutzten die Forschenden ein sogenanntes Nischen-Modell – nach dem Prinzip der ökologischen Modellierung –, durch das Veränderungen der Niederschlagsmenge und der Temperatur im Laufe der Jahrtausende nachvollzogen werden können. Von diesen Ergebnissen konnten die Forschenden dann auf die Verbreitung der Frühmenschen schließen. „Die Technik wird üblicherweise zur Vorhersage der Verbreitung moderner Tiere und Pflanzen eingesetzt“, so Rodríguez. „Aber auch auf fossile Organismen, einschließlich des Menschen, wurde sie bereits angewendet.“

So fanden die Forschenden heraus, dass zur damaligen Zeit mehr Regionen während der Eiszeiten lebensfreundlich blieben als gedacht. „Ein Kerngebiet mit günstigen Bedingungen für die menschliche Besiedlung erstreckt sich kontinuierlich von Nord-Iberien über Italien und den größten Teil Frankreichs“, heißt es in der Studie.

Rekonstruktion der Evolutionsgeschichte

In früheren Modellen zur Populationsdichte und -verteilung der Frühinseln wurde weitgehend angenommen, dass es Perioden gab, in denen lediglich drei Mittelmeer-Halbinseln bewohnbar waren. „So wäre der genetische Fluss zwischen Populationen auf den verschiedenen Halbinseln für mehrere Jahrtausende unmöglich gewesen“, so die Forschenden. 

Nun ist aber klar: Durch Europa erstreckte sich quasi ein bewohnbarer Korridor, der die einzelnen Gruppen miteinander verband. Den Frühmenschen standen also sowohl mehr Land als auch mehr Ressourcen zur Verfügung als bisher angenommen – ihre Bevölkerungsdichte war dementsprechend höher. „Unsere konservative Annahme ist, dass die maximale nachhaltige Population in Westeuropa zwischen 13.000 und 25.000 lag, je nachdem, wie das Klima schwankte“, sagt Rodríguez.

Nun können die neuen Erkenntnisse zur Populationsdichte und Verteilung der Frühmenschen in Europa helfen, die kulturelle Komplexität und die technologischen Entwicklungen der damaligen Zeit besser einzuordnen. „Diese Ergebnisse bieten ein neues theoretisches Szenario zur Erklärung der kulturellen und biologischen Entwicklung während des Mittelpleistozäns in Westeuropa“, so die Forschenden.

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