Warum wir heute Milch vertragen

Vor 5.000 Jahren waren nahezu alle Menschen laktoseintolerant – und doch begann man in Europa bereits vor etwa 9.000 Jahren, Kuhmilch zu trinken. Eine neue Studie zeigt, wie es dazu kam und welche Folgen diese Entwicklung hatte.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 5. Aug. 2022, 08:52 MESZ
Nahaufnahme eines Kuheuters während des Melkens.

Milch gehört heute für viele zu einer ausgewogenen Ernährung dazu. Dabei war der Mensch lange nicht für den Milchkonsum geschaffen. Eine neue Studie zeigt, dass Hunger und Krankheit wohl dabei halfen, Laktosetoleranz in Europa zu verbreiten.

Foto von ake1150 / Adobe Stock

Weltweit sind heute etwa zwei Drittel der Erwachsenen laktoseintolerant – und die Menschen, die Laktose vertragen, sind in der Welt recht ungleich verteilt. Denn die Fähigkeit, Milchzucker auch im Erwachsenenalter durch eine kontinuierliche Bildung des Enzyms Laktase weiterhin verarbeiten zu können, hat sich in der Geschichte nur in vereinzelten Regionen der Welt etabliert. Vor allem in Nordeuropa ist diese sogenannte Laktasepersistenz heute besonders verbreitet.

Bisher ist die gängige Theorie, dass sich die Laktosetoleranz immer dann entwickelt hat, wenn in einer Zeit besonders stark Milchprodukte konsumiert wurden und der Mensch dadurch Ernährungsvorteile hatte. Eine neue Studie unter der Leitung von Richard P. Evershed, Biogeochemiker an der University of Bristol, zeigt nun: Laktasepersistenz scheint sich vor allem während Hungersnöten und Krankheitswellen etabliert zu haben – und das vergleichsweise schnell.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Veträglichkeit von Laktose in den untersuchten Regionen in Europa etwa 1.000 v. Chr. flächendeckend durchsetzte – fast 4.000 Jahre nach der ersten nachgewiesenen Entwicklung von Laktoseverträglichkeit und etwa 6.000 Jahre nachdem Menschen in dieser Region begannen, Milchprodukte zu sich zu nehmen. „Die genetische Variante der Laktasepersistenz wurde durch eine Art turbogeladene natürliche Selektion auf eine hohe Frequenz gebracht“, so Mark Thomas, Co-Autor der Studie und Professor für Evolutionsgenetik am University College London. Dieser extrem schnellen Entwicklung gingen die Forschenden in ihrer Studie, die in der Zeitschrift Nature erschien, auf den Grund. 

“Die genetische Variante der Laktasepersistenz wurde durch eine Art turbogeladene natürliche Selektion auf eine hohe Frequenz gebracht.”

von Mark Thomas

Die Geschichte des Milchkonsums

Vor nur wenigen Tausenden Jahren führte Milchkonsum bei den meisten ausgewachsenen Menschen vor allem zu folgendem: einem unwohlen Gefühl im Magen, Blähungen und Durchfall. Denn bis vor 5.000 Jahren waren nahezu alle Erwachsenen laktoseintolerant. Heute vertragen in Deutschland etwa 85 Prozent der Erwachsenen Laktose, in einigen Regionen Ostasiens dagegen nur etwa 10 Prozent. 

Generell ist der Mensch das einzige Säugetier, das Milch auch nach dem Säuglingsalter noch zu sich nimmt – obwohl auch er ursprünglich nicht dafür ausgestattet war. „Fast alle Babys produzieren Laktase, aber bei der Mehrheit der Menschen weltweit nimmt diese Produktion zwischen dem Abstillen und dem Jugendalter rasch ab“, sagt Davey Smith, Co-Autor der Studie. „Die Laktase-Persistenz hat sich jedoch in den letzten 10.000 Jahren mehrfach entwickelt und in verschiedenen milchtrinkenden Populationen in Europa, Zentral- und Südasien, dem Nahen Osten und Afrika verbreitet.” 

Doch entstand diese flächendeckende Laktosetoleranz in den Regionen wirklich nur deshalb, weil dort viele Milchprodukte konsumiert wurden und der Körper in ihnen einen Ernährungsvorteil erkannte?

Um diese Frage beantworten zu können, erstellten die Forschenden im Rahmen ihrer Studie eine Datenbank aus organischen Rückständen, die in und an Keramikfragmenten aus dem Zeitraum zwischen 7.000 v. Chr. und 1.500 n. Chr. gefunden wurden. So konnten sie zunächst feststellen, wann der Milchkonsum in Europa begann und an Fahrt aufnahm. „Aus diesen Daten geht hervor, dass die Milchausbeutung mit den ersten Bauern in den Mittelmeerraum kam und während des gesamten Neolithikums fortgesetzt wurde“, so die Forschenden. Das heißt, der europäische Milchkonsum begann vor etwa 9.000 Jahren und setzte sich – in immer wieder sinkender und steigender Intensität – bis heute fort.

Laktasepersistenz bei Hunger und Krankheit

Um die Entwicklung der Laktasepersistenz mit diesem voranschreitenden Milchkonsum zu vergleichen, zogen die Forschenden DNA-Daten von mehr als 1.700 prähistorischen Individuen hinzu und untersuchten diese auf das Vorhandensein der Laktasepersistenz. Dabei wurde klar: Laktoseverträglichkeit setzte in sich in Europa wohl vor etwa 3.000 Jahren durch, trat aber erstmals vor etwa 5.000 Jahren auf. Laut den Forschenden spräche das dafür, dass die Menge oder die Intensität des Milchkonsums allein nicht für die Entwicklung einer großflächigen Laktasepersistenz verantwortlich waren. 

Denn bei gesunden Menschen habe auch der frühe Milchkonsum vor der Entwicklung der Laktosetoleranz weniger Nachteile gebracht als oft geglaubt. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Milchkonsum in Europa mindestens 9.000 Jahre lang weit verbreitet war, und dass gesunde Menschen – auch solche, die nicht laktasepersistent waren – problemlos Milch konsumieren konnten, ohne krank zu werden“, so Smith.

Das gelte allerdings nicht für Zeiten, in denen die Menschen generell unterernährt waren – wie beispielsweise zu Hungersnöten und während Krankheitswellen. „Wenn man stark unterernährt ist und Durchfall hat, dann hat man ein lebensbedrohliches Problem. Wenn ihre Ernten ausfielen, haben prähistorische Menschen eher unfermentierte Milch mit hohem Laktosegehalt konsumiert – genau dann, wenn sie es nicht sollten“, so die Forschenden. In schweren Zeiten sei es dadurch auch vermehrt dazu gekommen, dass laktoseintolerante Menschen Krankheiten zum Opfer fielen – eine mögliche Erklärung für die Durchsetzung der Laktasepersistenz zu jenen Zeiten.

Denn in Phasen, in denen ohnehin mehr Menschen starben, hatten laktoseintolerante Menschen einen zusätzlichen Nachteil. „Individuen, die keine Kopie der Laktase-Persistenz-Genvariante trugen, starben mit größerer Wahrscheinlichkeit vor oder während ihrer reproduktiven Jahre”, so die Forschenden. So blieben letztendlich mehr Individuen mit der Laktase-Persistenz-Genvariante, die sich anschließend weitervermehren konnten – wodurch die Laktasepersistenz stieg. Die Verträglichkeit von Laktose wurde also vor allem durch Faktoren wie Hunger oder Krankheit beeinflusst. 

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