Indien: Wie die Milch ihrer Kamele die Tradition der Raika retten soll

In Glaube und Kultur der Raika stehen Mensch und Kamel in enger Verbindung miteinander. Die Raika und ihre Traditionen sind seit Jahren bedroht, doch die Milch ihrer Tiere könnte der Schlüssel zum Überleben sein.

Von Kalpana Sunder
Veröffentlicht am 12. Aug. 2021, 11:36 MESZ
Kamele vor der untergehenden Sonne in der Thar-Wüste, einer Region an der Grenze zwischen Indien und ...

Kamele vor der untergehenden Sonne in der Thar-Wüste, einer Region an der Grenze zwischen Indien und Pakistan.

Bild Matthieu Paley, Nat Geo Image Collection

Sein Vater war Kamelhirte, ebenso sein Großvater. Also wählte auch Bhanwarlal diesen Weg. „Die Kamele sind Teil der Familie“, sagt der 35-Jährige. Er gehört dem Volk der Raika an, das an den hinduistischen Gott Shiva glaubt und daran, dass er ihnen die Pflicht auferlegt hat, sich um die Kamele im Nordwesten des indischen Bundesstaats Rajasthan zu kümmern.

„Unsere Kinder bauen schon früh im Leben enge Beziehungen zu den Kamelen auf. Die Tiere leben mit uns und sie sterben mit uns“, erklärt Bhanwarlal.

Wenn die Trockenzeit beginnt, schmücken er und die anderen Viehhüter ihre Schafe, Ziegen und Kamele mit Glöckchen und bunten Pompons und treiben sie zu Tausenden durch die akazienbewachsene Thar-Wüste auf die Sommerweiden. Seit Jahrhunderten leben die Raika als Halbnomaden; die Hirten tragen, wie schon ihre Vorfahren, traditionelle purpurrote Turbane und weiße Tuniken.

Doch das jährlich wiederkehrende Ritual ist inzwischen durch eine ganze Reihe von Faktoren gefährdet: Am schwersten wiegt, dass die Zahl der Kamele immer weiter abnimmt. Zwischen 2012 und 2019 ist die Population der Tiere, die allesamt von wilden Dromedaren abstammen, in Indien um 37 Prozent geschrumpft. Das ergab der 20th Livestock Census, der im Jahr 2019 veröffentlicht wurde. Aktuellen Schätzungen zufolge leben in Indien inzwischen weniger als 200.000 Kamele, 80 Prozent von ihnen sind in Rajasthan zu Hause. Hier werden sie in erster Linie als Transportmittel eingesetzt, aber auch als Arbeitstiere in der Landwirtschaft. Außerdem werden ihre Wolle und ihre Milch genutzt.

Galerie: 14 Impressionen von Abenteuern in der Wüste

Durch die Weiterentwicklung der Infrastruktur im Westen Indiens sind in den vergangenen Jahren viele Straßen entstanden, was dazu führte, dass die Kamele ihren Rang als traditionell meistgenutztes Transportmittel für Waren und Personen an das Auto abtreten mussten. Durch Bewässerungsprojekte wie den Indira-Gandhi-Kanal wurden neue landwirtschaftliche Flächen erschlossen, zusätzlich reduziert der Bau von Solarfeldern und Windrädern die offenen Flächen, auf denen die Kamele grasen können. Außerdem scheinen die Menschen Rajasthans ihr Interesse an den Kamelen verloren zu haben: Kamelfestivals mit traditioneller Musik, Tanz, Volkskunst und Kamelmärkten gibt es so gut wie keine mehr. Touristen, die diese Veranstaltungen gern besucht haben, kommen aus pandemiebedingten Gründen nicht mehr.

Besonders tiefgreifende Folgen hat bis heute ein im Jahr 2015 verabschiedetes Gesetz, das den Export und Verkauf männlicher Kamele verbietet. In diesem verankert ist auch ein allgemeines Verkaufsverbot von Kamelfleisch. Da die Raika dieses aus religiöser Überzeugung selbst nicht essen, war sein Verkauf bis zum Inkrafttreten des Gesetzes für sie eine zuverlässige Einnahmequelle. Diese Zeiten sind nun vorbei.

Die deutsche Tierärztin und National Geographic Explorer Ilse Köhler-Rollefson ist Mitbegründerin der Lokhit Pashu-Palak Sansthan (LPPS), einer Non-Profit-Organisation, die sich seit 1996 für die Raika und den Schutz ihrer Existenzgrundlagen einsetzt. Ihr zufolge hat das Gesetz dazu geführt, dass einige Raika Kamele in Länder schmuggeln, in denen sie das Fleisch verkaufen dürfen. „Den Verkauf des Fleisches von Nutztieren zu unterbinden, obwohl dieser eine wichtige Grundlage für den Lebensunterhalt darstellt, ist nicht umsetzbar“, sagt sie. „Die Raika sind darauf angewiesen, Kamelbullen verkaufen zu dürfen.“

Die Kamele in Indien stammen von wilden Dromedaren ab.

Bild Matthieu Paley, Nat Geo Image Collection

In Anbetracht der Umstände hat Bhanwarlal, der mit seiner Familie in dem kleinen Dorf Malari lebt, seine Kinder dazu ermutigt, die Schule zu besuchen, um sich irgendwann ein Leben abseits des Kamelhütens aufbauen zu können.

„Das Einzige, was uns noch über Wasser hält, ist der Verkauf von Kamelmilch. Wenn die Regierung uns nicht hilft, indem sie mehr Molkereien baut und uns wieder erlaubt, männliche Kamele zu verkaufen, sind wir am Ende“, erklärt er.

Das Viehwirtschaftsministerium von Rajasthan hat Nachfragen von National Geographic nicht beantwortet.

Kamelmilch: das neue Superfood?

Laut Dharini Krishnan, Ernährungswissenschaftlerin aus Chennai, ist Kamelmilch in Indien inzwischen zu einem Trendgetränk geworden. Zahlreiche Ernährungsberater preisen sie als neues Superfood an: Die Milch ist zuckerarm, reich an Vitaminen und Mineralstoffen wie Vitamin C und Kalium und Dharini Krishnan zufolge auch als laktosefreie Alternative zur Kuhmilch geeignet.

Speziell der mögliche gesundheitliche und therapeutische Nutzen von Kamelmilch wird derzeit erforscht, bereits durchgeführte Studien sind allerdings noch nicht umfassend genug, um zu diesem Zeitpunkt fundierte Schlüsse ziehen zu können. In der Stadt Bikaner in Rajasthan etwa wurde der Effekt von Kamelmilch bei Diabetespatienten an einer kleinen Gruppe Probanden mit Typ-1-Diabetes getestet. Hierbei zeigte sich, dass die Milch den Insulinbedarf senken kann.

Das Erschließen von Kamelmilch als Einkommensquelle für die Raika geht nicht ohne Hindernisse vonstatten: Um die Rohmilch in die Städte zu transportieren, muss diese erst pasteurisiert und anschließend gekühlt werden. Laut Sumanth Vyas, leitender Wissenschaftler des ICAR-National Research Centre on Camel in Bikaner, ist dies ein kostspieliger Vorgang.

Dromedare fressen Kakteen mit Stacheln
Diese Kamele gönnen sich einen Kaktus-Snack.

„Kamele wurden nicht fürs Melken gezüchtet und das Geschäft mit ihrer Milch ist schwierig, weil Anbieter und Abnehmer sich so weit voneinander entfernt befinden. Das ist eine logistische Herausforderung“, erklärt er.

Genau diese Herausforderung motivierte Ilse Köhler-Rollefson im Jahr 2010 dazu, in der Nähe der Stadt Jaisalmer die Kumbhalgarh Camel Dairy zu gründen. Die Raika-geleitete Molkerei sammelt wöchentlich fast 500 Liter Milch von verschiedenen Hirten. Diese melken ihre Kamelkühe von Hand im Stehen, sodass die Kälber an den Zitzen auf der anderen Seite trinken können. In der Molkerei wird die Milch dann eingefroren, in Eis verpackt und auf verschiedenen Märkten in den Städten verkauft.

Shrey Kumar gründete im Jahr 2016 mit seinen Partnern Aadvik Foods, ein Start-up aus Delhi, das über das Internet gefrorene Kamelmilch und Kamelmilchpulver von Raika-Kamelhirten aus Rajasthan vertreibt. „Wir wollten es Menschen aus allen Einkommensschichten ermöglichen, Kamelmilch zu kaufen. Deswegen bieten wir sie auch in Pulverform an“, erklärt er. „Die Milch ist noch ein Nischenprodukt, aber der Markt wächst.“

Unterstützung für Kamelhirten

Auch in anderen Bundesstaaten haben sich Kamelmilchmolkereien als profitabel erwiesen. In Gujarat arbeiten seit 2019 Kamelhüter aus dem Kachchh-Distrikt mit Amul zusammen, einer Molkerei-Kooperative mit Sitz in Gujarat. Neben der sechs Monate haltbaren Milch hat Amul ebenfalls Kamelmilchpulver im Sortiment, außerdem Kamelmilcheiscreme und -schokolade.

Um der wachsenden Nachfrage nachzukommen, melken 60 bis 70 Kamelhirten fast 2.000 Kamele für die Firma. RS Sodhi, Geschäftsführer von Amul, beziffert das Geschäftsvolumen auf 40 bis 50 Millionen Rupien – etwa 458.000 bis 573.000 Euro.

Laut Ramesh Bhatti vom Sahjeevan Trust, einer Non-Profit Organisation, die Kamele in Gujarat schützt, hat die Menge der Kamele mit der steigenden Beliebtheit von Kamelmilch schätzungsweise wieder zugenommen – offizielle Zahlen existieren jedoch keine. „Es gibt auf jeden Fall eine große Nachfrage nach Kamelmilch – im Moment können wir sie gar nicht vollständig bedienen“, sagt er. Doch er gibt auch zu bedenken, dass der Aufbau einer Kamelmilchindustrie allein nicht ausreichen wird, um die Traditionen der Raika zu retten.

Nachdem das Gesetz aus dem Jahr 2015 ihre Haupteinnahmequelle hat versiegen lassen, muss der Zugang zu Weideflächen für die Kamele der Raika dringend ausgeweitet werden. Auch von Seiten der Regierung ist mehr Hilfe nötig, zum Beispiel indem diese den Einsatz von Kamelen zu Transportzwecken und den nachhaltigen Kamel-Tourismus bewirbt sowie staatliche Molkereien baut.

„Man kann sich für jede Art von Auto einen Kredit bei der Bank besorgen“, sagt Ramesh Bhatti. „Aber wenn es darum geht, die Raika-Hirten dabei zu unterstützen, Kamele als Alternative zum Auto anzubieten, sind keine finanziellen Hilfen verfügbar.“

Laut Bhanwarlal sind die Kamele ein unverzichtbarer Teil der Raika-Kultur.

„Unsere Vorfahren haben schon immer Kamele gehalten und ich hoffe, wir werden die Tradition fortführen können“, sagt er. „Wir dürfen nicht zulassen, dass sie stirbt.“

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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