Die Geschichte des Ötzi wird neu geschrieben

Eine aktuelle Studie stellt die bisherige Erklärung zu Tod und Konservierung der bekannten Eismumie infrage. Ihr zufolge hätte Ötzi schon viel früher gefunden werden können – und ist möglicherweise weniger einzigartig als gedacht.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 10. Nov. 2022, 08:54 MEZ
Rekonstruktion des Gesichts und Oberkörper des Ötzi.

Er ist die wohl bekannteste Eismumie der Welt. Doch ist Ötzi wirklich so einzigartig wie bisher angenommen?

Foto von Südtiroler Archäologiemuseum / Ochsenreiter

Er ist einer der wohl am besten erforschten menschlichen Körper der Welt – und die berühmteste Mumie Europas: Ötzi. Als er im Jahr 1991 beim Tisenjoch in den Ötztaler Alpen gefunden wurde, war der gefrorene Leichnam bereits über mehrere Tausend Jahre alt – in Anbetracht dessen jedoch erstaunlich gut erhalten.

Laut der bisher gültigen Rekonstruktion seiner Geschichte soll Ötzi vor 5.300 Jahren an einem Herbsttag in einer schneefreien Schlucht auf dem heutigen Tisenjochpass ermordet worden sein. Der außergewöhnlich gute Zustand seines Körpers wurde bislang dadurch erklärt, dass er aufgrund des einsetzenden Winters schnell von Schnee und Eis bedeckt war. Durch die kurz darauffolgende Bildung eines Gletschers soll dann er bis zu seinem Fund in seinem eiskalten Grab eingeschlossen gewesen sein.

Doch dieser Erklärung stehen schon seit einiger Zeit weitere Theorien gegenüber. Nun hat eine aktuelle Studie von Archäologinnen und Archäologen aus Norwegen, der Schweiz und Österreich die bisherigen Annahmen vermutlich endgültig widerlegt. Ihr zufolge starb Ötzi weder im Herbst noch war er über 5.000 Jahre ununterbrochen von Eis umhüllt. Die Neubewertung eines der bekanntesten Schicksale der Welt wurde in der Zeitschrift The Holocene veröffentlicht.

Im Jahr 1991 fand ein deutsches Bergsteigerpaar Ötzis mumifizierten Körper am Tisenjoch. Der Schnee hatte seinen Kopf und einen Teil seines Oberkörpers für kurze Zeit freigegeben.

Foto von Südtiroler Archäologiemuseum / Dario Frasson

Neue Erkenntnisse zu den Todesumständen

Laut den Studienautorinnen und -autoren liegt der erste Fehler der bisher gängigen Theorie in der Bestimmung der Jahreszeit, in der Ötzi starb. Dies sei weder im Spätsommer noch im Herbst geschehen, sondern „ im Frühjahr oder Frühsommer und damit wahrscheinlich an der Schneeoberfläche“, heißt es in der Studie. Dabei ist der bisher vermutete Todeszeitpunkt, der für die Konservierung der Leiche so perfekt gewesen sein soll, einer der Faktoren, die die Eismumie so berühmt gemacht haben. Dass Ötzi nur durch eine Aneinanderreihung unglaublicher Zufälle der Nachwelt erhalten bleiben konnte, machte ihn bislang vermeintlich einzigartig.

Doch seit die ursprüngliche Theorie in den frühen Neunzigerjahren – unter anderem durch das Buch Der Mann im Eis von Konrad Spindler – publik gemacht wurde, haben sich sowohl das Feld der Gletscherarchäologie als auch das der Klimatologie weiterentwickelt. „Wir verstehen jetzt besser, wie hochgelegene Eisfelder archäologische Stätten und Funde beeinflussen“, sagt die Glaziologin Andrea Fischer vom Institut für interdisziplinäre Gebirgsforschung der ÖAW.

Durch die neuen Untersuchung der Überreste und der Aufzeichnungen ist jetzt klar: Ötzi starb nicht an dem Ort, an dem er gefunden wurde, sondern auf einer Eis- oder Schneefläche nahe der Schlucht. Als diese einige Jahre nach Ötzis Tod schmolz, wurden Leiche und Ausrüstung in die Schlucht gespült.

Fünf Jahrtausende im Eis?

Auch die Annahme, dass die Mumie so gut erhalten ist, weil sie jahrtausendelang im Eis lag, bekommt neue Risse. „In heißen Sommern wurden Ötzi und seine Artefakte in den 1.500 Jahren nach seinem Tod wahrscheinlich regelmäßig freigelegt“, so die Studie. Das könne man vor allem am Zustand der ungeschützten Körperstellen und den Ausrüstungsgegenständen erkennen. Der Theorie, dass Ötzi nach seinem Tod durch eine zufällig plötzlich eintretende klimatische Abkühlung konserviert wurde, widerspricht die Studie also: „Erst vor circa 3.800 Jahren schlossen Eis und Schnee die Schlucht endgültig von ihrer Umgebung ab.“

Ötzis Status als bislang wichtigster archäologischer Eisfund stellt die Studie dennoch nicht infrage. Allein die Umstände, die zu seinem Tod führten, sind ihr zufolge weniger einzigartig als bisher angenommen. „Die Fundumstände von Ötzi sind für die Gletscherarchäologie ganz normal“, heißt es in der Studie. Eine gute Nachricht, denn damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass weitere gut erhaltene prähistorische Körper gefunden werden, die uns Hinweise auf das Leben der Menschen vor Tausenden von Jahren liefern. 

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