Rituale in der Bronzezeit: Wunschbrunnen in Bayern ausgegraben

Archäologen haben im oberbayerischen Germering einen rund 3.000 Jahre alten Brunnen gefunden. Das Besondere: die gut erhaltenen Schätze an seinem Boden.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 30. Dez. 2022, 11:59 MEZ
Über der Erde ragt der verschlossene obere Teil des Brunnens hervor.

Der obere Teil des in Germering ausgegrabenen Wunschbrunnens. Der Brunnen ist erstaunlich tief und außerordentlich gut erhalten.

Foto von Marcus Guckenbiehl

Ob der weltbekannte Trevi-Brunnen in Rom oder die kleine Zisterne im Heimatort: Die Tradition des Wunschbrunnens ist alt und weit verbreitet. Dem Brunnen den Rücken zugekehrt, wirft man eine Münze über die Schulter in das Becken oder den Schacht des Brunnens – und wünscht sich etwas.

Im Trevi-Brunnen landen auf diese Art und Weise Schätzungen zufolge jährlich bis zu 1,5 Millionen Euro. Doch auch vor Tausenden von Jahren sammelten sich in Brunnen bereits Schätze. So auch in einem nun ausgegrabenen bronzezeitlichen Brunnen im oberbayerischen Germering: Er ist über 3.000 Jahre alt und wurde früher womöglich als Wunschbrunnen der ganz besonderen Art genutzt.

In dem Brunnen fanden die Archäologinnen und Archäologen Schmuck und Tongefäße von hoher Qualität – nur ein Anzeichen dafür, dass die Menschen damals in der Hoffnung waren, ihre Wünsche könnten durch Opferbringungen erhört werden.

Die Schätze am Boden des Brunnens

Um dem Brunnen wortwörtlich auf den Grund zu gehen, mussten die Archäologinnen und Archäologen zunächst die Erde, mit der der Brunnen mittlerweile gefüllt war, aus dem Schacht entfernen. Dabei stellte sich der Brunnen als ungewöhnlich tief heraus: Ganze fünf Meter mussten die Forschenden graben, um an den Boden zu gelangen. Dort fanden sie schließlich die wertvollen Gegenstände: 70 Tongefäße, 26 Gewandnadeln, mehrere weitere Schmuckstücke, darunter auch Bernsteinperlen, und einen Tierzahn konnte das Team bergen. Eine beachtliche Menge.

Die Gewandnadeln und der weitere Schmuck, der am Boden des Brunnens entdeckt wurden.

Foto von Marcus Guckenbiehl

Insgesamt wurden auf dem Grabunsgebiet mehr als 70 Brunnen gefunden. Sie wurden von verschiedenen Siedlern von der Bronzezeit bis ins frühe Mittelalter erbaut. Der bronzezeitliche Wunschbrunnen ist mit über 3000 Jahren einer der ältesten unter ihnen. 

Bereits bei der Grabung fiel den Archäologinnen und Archäologen sein guter Erhaltungszustand auf: Im Gegensatz zu den anderen Brunnen waren bei dem Wunschbrunnen die Holzwände am Boden noch komplett erhalten und mit Grundwasser durchfeuchtet. Geholfen haben dürfte dabei die Erde im Schacht des Brunnens – so überstanden wohl auch die Schmuckstücke und Tongefäße die Zeit bis heute so gut.

Opfergaben für bessere Ernten?

„Noch heute haben Brunnen für viele Menschen etwas Magisches“, sagt Mathias Pfeil, Leiter des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege (BLfD). Man könne zwar bislang nicht eindeutig sagen, ob der Brunnen in Bayern für unsere Vorfahren eine ähnliche Bedeutung hatte, die Vorstellung läge aber nahe. Auffällig sei, dass die Gegenstände am Boden des Brunnens nicht zerbrochen waren und somit vermutlich nicht einfach hineingeworfen wurden. Das spräche für ein rituellen Hinablassen der Gegenstände.

Eine mögliche Erklärung für die Opfergaben ist laut Marcus Guckenbiehl, Stadtarchäologe und -archivar in Germering, ein Einbruch in der Ernte zu der Zeit, in der die Gegenstände in den Brunnen gelassen wurden. „Dieser Brunnen zeigt durch seine Tiefe, dass er in einer Zeit genutzt wurde, in der der Grundwasserstand weit abgesunken war, was auf eine lange Trockenheit und sicher auch auf schlechte Ernteerträge schließen lässt“, sagt er. Durch ihre Opfergaben wollten die Siedler dem eventuell entgegenwirken.

Die Forschenden erhoffen sich nun anhand der geborgenen Gegenstände noch mehr über die damaligen Siedler zu erfahren. Vielleicht gibt es dann noch weitere Hinweise darauf, dass der alte Brunnen ein ganz besonderer war – und sogar Wünsche erfüllen sollte.

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