Golddraht und Elfenbeinzähne: Wie eine Adelige ihr Lächeln retten wollte

Im 17. Jahrhundert machte Parodontitis auch vor dem französischen Adel nicht halt. Die Aristokratin Anne d’Alègre musste deshalb auf kuriose Mittel zurückgreifen, um ihre Zähne zu erhalten.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 24. Feb. 2023, 07:32 MEZ
Der Schädel und die Zähne der ausgegrabenen Überreste.

Golddrähte sollten die absterbenden Zähne von Anne d’Alègre festhalten. Doch die Zahnmedizin des 17. Jahrhunderts war noch nicht ganz ausgereift.

Foto von Rozenn Colleter, Inrap

Viele zahnmedizinische Methoden sind relativ neue Erfindungen. Während bei Parodontitis – einer Krankheit, bei der sich Zähne aufgrund einer Entzündung lockern können – heute Implantate, Brücken oder vorbeugende Maßnahmen geläufig sind, griffen Betroffene im 16. und 17. Jahrhundert noch zu ganz anderen Mitteln.

So auch die Aristokratin Anne d’Alègre. Bei der Untersuchunge ihres Schädels hat ein interdisziplinäres Forschungsteam aus Frankreich einen ganz besonderen Versuch des Zahnerhalts entdeckt: Die Adelsdame hatte ihre lockeren Zähne mit Golddraht befestigt – und ein Implantat aus Elfenbein mit in den Draht eingewoben.

Die Studie zu ihren Untersuchungen veröffentlichte das Team um Hauptautorin und Archäologin Rozenn Colleter im Fachmagazin Journal of Archaeological Science: Reports. Darin erklärt das Team, dass d’Alègres Zahnmodifikationen über rein gesundheitliche oder ästhetische Motivationen hinausgingen – sie waren vielmehr der Versuch, ihre soziale Stellung beizubehalten. „Diese Studie zeigt die Bedeutung des Aussehens für aristokratische Frauen, die starken sozialen Zwängen unterlagen.“

Rekonstruktion des Lächelns von Anne d’Alègre. Um es zu behalten, nutzte die Aristokratin damals wohl alle bekannten Mittel.

Foto von Le Chronographe, Nantes Métropole, 2019 / Inrap

Zahnverlust durch Stress und Krankheit

Anne d’Alègre wurde 1565 in eine hugenottische Adelsfamilie geboren und hatte trotz ihres Standes ein unruhiges Leben. Sie verwitwete gleich zwei Mal, während politischen Unruhen wurde ihr Vermögen eine Zeit lang beschlagnahmt und ihr Sohn starb früh.

Dass sich ihre Zähne lockerten, ist neben einer Erkrankung an Parodontitis laut den Forschenden auch auf diesen Stress zurückzuführen, der die Edeldame ein Leben lang zu begleiten schien. So lassen Abnutzungen an d’Alègres Zähnen beispielsweise darauf schließen, dass sie chronisch mit den Zähnen knirschte – und so die Hypermobilität ihrer Zähne verschlimmerte.

Das Team vermutet, dass die Zähne der Aristokratin bereits früh begannen, sich zu lockern und zumindest der Zahn, der durch ein Implantat ersetzt wurde, lange vor ihrem Tod ausfiel. „Die Abnutzungsspuren, die die Golddrähte der Schneidezahnprothese hinterlassen [...] deuten darauf hin, dass die Prothese und die Haltevorrichtungen über einen langen Zeitraum getragen wurden“, schreibt das Team.

Doch der ersetzte Schneidezahn war nicht der einzige, den d’Alègre in ihrem Leben verlor. Die Forschenden vermuten, dass die Prothese aus Elfenbein und Golddrähten zwar zunächst das Lächeln der Aristokratin rettete, im Endeffekt aber auch das Lockern der umgebenden Zähne verschlimmerte – auch dadurch, dass die Drähte immer fester gezogen wurden, um das Implantat zu halten.

Zahngesundheit als sozialer Marker

Neben Eitelkeit und möglichen Problemen beim Essen spielte für d’Alègre wohl vor allem die Gefahr des Verlusts von Ansehen eine Rolle. „Zu dieser Zeit wurde die physische Erscheinung immer noch mit den inneren Qualitäten einer Person in Verbindung gebracht“, so die Forschenden. Ein nicht-intaktes Lächeln konnte also schnell mit einem schlechten Charakter oder bösen Eigenschaften in Verbindung gebracht werden – zumal d’Alègre als erstes ein sichtbarer Schneidezahn ausfiel.

Auch ihre Aussprache hat unter den lockeren und fehlenden Zähnen laut den Forschenden vermutlich gelitten – für eine Aristokratin ein unhaltbarer Zustand. Wohl deshalb nahm d'Alègre die Komplikationen, die mit der Prothese einhergingen, in Kauf. „Der Einbau einer Zahnprothese erlaubte Anne d'Alègre vielleicht trotz der damals bekannten möglichen odontologischen Komplikationen einen gewissen sozialen Rang vor ihren Gegnern zu wahren“, schreibt das Team.

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