Blaue Zähne: Wissenschaftler lösen Rätsel um Frau aus dem Mittelalter

Im fossilen Zahnbelag einer Frau, die vor ungefähr tausend Jahren gestorben ist, fanden Wissenschaftler überraschende Hinweise auf ihren Beruf.

Veröffentlicht am 10. Sept. 2021, 16:40 MESZ
In dem fossilen Zahnbelag einer Frau aus dem Mittelalter wurden Spuren des kostbaren Edelsteins Lapislazuli entdeckt.

In dem fossilen Zahnbelag einer Frau aus dem Mittelalter wurden Spuren des kostbaren Edelsteins Lapislazuli entdeckt.

Bild Christina Warinner

Die Schriftgelehrten des Mittelalters waren immer Männer – dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man sich zeitgenössischen Darstellungen ansieht, auf denen Mönche sich bei Kerzenlicht im Skriptorium über Pergament beugen, um konzentriert das Wissen der Welt niederzuschreiben. „Wo man auch hinsieht: Mönche, Mönche, Mönche“, sagt Alison Beach, Historikerin an der Ohio State University. „Denkt man an mittelalterliche Schriften, hat man sofort einen Mann vor Augen.“

Historische Forschungen haben jedoch gezeigt, dass ein Teil dieser Arbeit von Frauen verrichtet wurde. Und noch mehr: Weibliche Schriftgelehrte waren offenbar so anerkannt, dass man sie mit den teuersten Pigmenten arbeiten ließ, die den Künstlern des 11. Jahrhunderts zur Verfügung standen. Das hat ein wissenschaftliches Team verschiedener Fachbereiche unter der Leitung von Christina Warinner, Anthropologin am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, herausgefunden. Die Ergebnisse der gemeinsamen Studie wurden in der Zeitschrift „Science Advances“ veröffentlicht.

Die Hinweise, die schließlich zu diesen Ergebnissen führten, lieferte das Gebiss eines Skeletts, das auf einem mittelalterlichen Friedhof in Dalheim in der Nähe von Mainz gefunden wurde. Um herauszufinden, wie Ernährung und Krankheiten sich in der Vergangenheit auf die Menschen auswirkten, untersuchten Archäologen dort den fossilen Zahnbelag mehrerer Skelette. In dem auch als Plaque bekannten Belag fanden sie die DNA von Bakterien sowie Spuren von Essen und Getränken.

Links: Oben:

Lapislazuli, der im Mittelalter in Minen in Afghanistan abgebaut wurde, war im Europa dieser Zeit mehr wert als Gold. Das teure Pigment wurde zur Illustration mittelalterlicher Schriften eingesetzt.

Rechts: Unten:

Im Mund der mittelalterlichen Frau wurden tausende Lasurit-Partikel gefunden (hier unter dem Mikroskop). Sie nahm sie vermutlich auf, als sie ihren Zeichenpinsel anleckte, an dem die Pigmente hafteten.

Bild Shelly O’Reilly(Links)(Oben)
Bild Monica Tromp(Rechts)(Unten)

Kostbare Pigmente

In einem Grab mit der Nummer B78 stießen die Wissenschaftler auf das Skelett einer Frau mittleren Alters, deren Todesdatum auf die Zeit um 1100 geschätzt wird. Das Erste, was an ihren sterblichen Überresten auffiel, war der gute Zustand ihrer Knochen, die kaum Abnutzungserscheinungen zeigten. Dies ließ darauf schließen, dass sie in ihrem Leben keine körperliche Arbeit verrichtet hat.

Als das Team einen Blick ihre Zähne warf, war die Überraschung groß. „Unter dem Mikroskop waren in der Plaque der Frau blaue Partikel sichtbar“, so Christina Warinner. „Das Blau war vergleichbar mit dem der Eier von Rotkehlchen. So etwas hatte ich noch nie in irgendeinem Mund gesehen.“

Die Wissenschaftler zogen Chemiker hinzu, um zu ermitteln, worum es sich bei den blauen Partikeln handelte. Ausführliche Tests zeigten schließlich, dass es das seltene Mineral Lasurit war – Hauptbestandteil des Edelsteins Lapislazuli.

Im Mittelalter wurde nur an einem Ort Lapislazuli abgebaut: im heutigen Afghanistan. Wenn der pulverisierte Stein nach einer tausende Kilometer langen Reise durch ein komplexes Handelsnetzwerk Mitteleuropa erreicht hatte, war er laut der Co-Autorin der Studie, Alison Beach, mehr wert als sein Gewicht in Gold. Das leuchtende Blau der Lapislazuli-Pigmente war so wertvoll, dass es von mittelalterlichen Künstlern und Buchmalern nur für besonders wichtige Motive benutzt wurde – beispielsweise für den Mantel der Jungfrau Maria.

Die Grundmauern der Kirche, in deren Gemeinde die Frau Mitglied gewesen sein muss. Hier wurden ihre sterblichen Überreste von Archäologen gefunden.

Bild Christina Warinner

Wie dieses edle Pigment seinen Weg in den Mund einer deutschen Frau aus dem 11. Jahrhundert gefunden hatte, war ein großes Rätsel. Theorien gab es einige: Vielleicht hatte die Frau während eines religiösen Rituals ein Bild geküsst, das mit Lapislazuli gemalt worden war, oder sie hatte an einer mittelalterlichen Steinheilung teilgenommen, bei der Edelsteine als Medizin geschluckt wurden. Schließlich kam das wissenschaftliche Team jedoch zu dem Schluss, dass die Frau in Grab B78 eine Buchmalerin gewesen sein musste, die während des Malens ihren Pinsel angeleckt hatte. Das Lasurit hatte sich mit der Zeit in der Plaque abgelagert und wurde dort hunderte Jahre konserviert.

Anita Radini, Hauptautorin der Studie und Archäologin an der University of York in England, stellte zur Überprüfung der These in ihrem Labor selbst Lapislazuli-Pigmente her und nahm diese in den Mund, um dann Proben ihres eigenen Speichels zu testen. „Wir konnten nachweisen, dass die Frau dem Pigmentstaub regelmäßig ausgesetzt war. Sie hat das Lasurit wieder und wieder aufgenommen, das ist sicher“, sagt sie. „Damit haben wir den ersten Beweis für die Ausübung dieses Handwerks durch eine Frau.“

Das kostbare Lapislazuli-Pulver wäre nicht jedem dahergelaufenen Maler anvertraut worden. „Die Tatsache, dass diese Frau mit dem Pigment arbeiten durfte, deutet darauf hin, dass sie auf höchstem Niveau gearbeitet haben muss. Wahrscheinlich war sie auf ihrem Gebiet eine Koryphäe“, sagt Alison Beach. „Das ist der früheste Beleg dafür, dass es unter den Schriftgelehrten auch Frauen gab.“

Während des europäischen Mittelalters waren die Vorkommen von Lapislazuli in Afghanistan die einzigen bekannten. Der seltene Stein besteht aus verschiedenen Mineralen, die ihm seine einzigartige Farbe verleihen: darunter Lasurit (blau), Phlogopit (weiß) und Pyrit (gold).

Bild Christina Warinner

Trotzdem finden Frauen in der Geschichte der Schriftgelehrten nicht statt. Alison Beach zufolge gab es in Texten aus der Zeit Hinweise auf weibliche Angehörige der Zunft, doch wenn der Urheber eines Buches nicht bekannt ist, gehen Historiker automatisch davon aus, dass es von einem Mann stammen muss – und die meisten mittelalterlichen Bücher sind ohne Urhebernachweis.

„Das könnte bedeuten, dass viele der Schriften und Bücher des Mittelalters von Frauen erstellt wurden. Zumindest sollten wir die Möglichkeit in Betracht ziehen“, sagt sie.

Zahnbelag – Geheimwaffe der Archäologie

Fossiler Zahnbelag wird mehr und mehr zu einer wichtigen Quelle archäologischer Informationen. Ein großer Vorteil der Plaque ist, dass sie aus dem Mund der verstorbenen Person entnommen wird und so direkte Belege dafür liefert, was diese gegessen, getrunken oder ausgespuckt hat. Dadurch können zuverlässigere Rückschlüsse gezogen werden als aus Grabbeigaben oder archäologischen Funden in Siedlungen in der Nähe.

„Die Rekonstruktion menschlicher Aktivität anhand von Skeletten ist der Heilige Gral der Bioarchäologie, aber derartige Rekonstruktionen allein anhand von Knochen anzustellen, ist schwer“, erklärt Efthymia Nikita, Bioarchäologin am Cyprus Institute in Nicosia, Zypern, die an der Studie nicht beteiligt war. „Das Problem ist, dass alle Methoden, die wir anwenden, indirekt sind. Die Identifizierung verschiedener Mikropartikel könnte es ermöglichen, bestimmte Aktivitäten in hoher Auflösung nachzuweisen. Mir ist bisher keine weitere Studie bekannt, bei der Künstler anhand von fossilen Überresten identifiziert wurden.“

Anita Radini zufolge könnte die Technik auch dabei helfen herauszufinden, ob es sich bei anderen archäologischen Funden um Maler gehandelt hat. Auch andere Berufsfelder wie zum Beispiel Weber oder Töpfer könnten anhand von Pflanzenfasern oder Lehmstaub im Zahnbelag sicher identifiziert werden. Die Methode würde eindeutigere Ergebnisse bringen als die Suche nach entsprechenden Spuren an den Knochen von Skeletten.

Die Wissenschaftler hoffen, dass der Nachweis der Farbpigmente in der Plaque der Frau aus Grab B78 Historiker dazu einlädt, sich intensiver mit der Rolle der Frauen bei der Entwicklung der westlichen Kultur im Mittelalter zu beschäftigen. „Wir haben Lapislazuli nicht nur auf einem Friedhof in der Provinz gefunden, sondern im Mund einer Frau“, sagt Christina Warinner. „Das hat uns einen überraschenden Einblick in das Leben der Frauen dieser Zeit erlaubt.“

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht

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