Fastenbrechen vor 400 Jahren: Wurde die Maultasche erfunden, um den Herrgott zu hintergehen?

Obwohl Maultaschen Fleisch enthalten, sind sie in Deutschland ein beliebtes Fastengericht. Ein schwäbischer Mönch soll sie erfunden haben, um das Fleischverbot der Fastenzeit zu umgehen - denn Schummeln war damals üblich.

Von Anna-Kathrin Hentsch
Veröffentlicht am 22. Feb. 2023, 12:25 MEZ
Das Aschekreuz auf der Stirn einer Gläubigen steht für den Neustart.

Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Das Aschekreuz gehört zu den Sakramentalien und symbolisiert, dass katholische Christinnen und Christen bereit für Buße und Umkehr sind.

Foto von Annika Gordon/ Unsplash.com

Sie ist ein beliebtes Fastengericht, war schon an Bord der ISS und steht im Guinnessbuch der Rekorde: die Schwäbische Maultasche. Traditionell wird die „Teigtasche mit einer Füllung aus Fleischbrät“, wie das Amtsblatt der Europäischen Union sie definiert, zur Fastenzeit gegessen - an allen drei Tagen vor Ostern. Erfunden haben soll das schwäbische Nationalgericht ein Mönch im 17. Jahrhundert - und das obwohl die Kirche seit dem Jahr 400 nach Christus das Verzehren von Fleisch zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag verbietet. Wie passt das zusammen?

Skandalnudel? Die Legende von der Erfindung der Maultasche

Um die Diskrepanz aufzuklären, muss man die ganze Legende von der Erfindung der Maultasche kennen: Im Südwesten Deutschlands - der selbsternannten Heimat der Maultasche -, erzählt man sich, dass die mit Fleisch gefüllte Nudel Anfang des 17. Jahrhunderts von einem Mönch namens Jakob im schwäbischen Kloster Maulbronn erfunden wurde. Besagter Laienbruder befand sich gegen Ende der Fastenzeit auf dem Heimweg vom Reisigsammeln, als er einen Sack mit Fleisch fand, den ein Dieb auf der Flucht verloren hatte. Obwohl Fleisch während der Fastenzeit verboten war, wollte Jakob keine wertvolle Nahrung verschwenden, denn Lebensmittel waren durch den dreißigjährigen Krieg zusätzlich verknappt. Während der Mönch das Gründonnerstagsmahl zubereitete, soll er „die rettende Idee“ gehabt haben, heißt es auf der Website des Klosters Maulbronn. „Er hackte das Fleisch klein und mischte es unter das Gemüse.“ Geplagt vom schlechten Gewissen, habe er die Masse in Teigmäntelchen versteckt, um das Fleisch „vor den Augen Gottes und seiner Mitbrüder“ zu verbergen. Heute werden Maultaschen nach dem selben Rezept hergestellt - und tragen im Volksmund den Namen „Herrgottsb‘scheißerle“.

Im Laienrefektorium des Klosters Maulbronn ist vielleicht die Maultasche erfunden worden: Im 1200-1210 errichteten Laienrefektorium speisten Laienbrüder des Konvents getrennt von den Mönchen. 

Foto von Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Julia Haseloff

Dass es ein Ordensmann war, der für die Erfindung des Nationalgerichts eines ganzen Kulturraums den Herrgott hinterging, ist für den Ernährungssoziologen Dr. Daniel Kofahl keine Überraschung: „Insbesondere traditionelle Gerichte entstanden in einer Zeit, in der das Christentum eine Leitkultur war, in die sich die ganze Welt irgendwie einordnen lassen musste - und das betrifft dann auch das Kulinarische.“ Außerdem hätten die Klöster in den langen Mangelzeiten der Menschheitsgeschichte einen besseren Zugriff auf Nahrungsmittel und auf Wissen gehabt. „Klöster waren nicht nur, wie wir das heute wahrnehmen, spirituelle Orte der Einkehr, sondern über lange Zeiträume hinweg Innovationszentren unserer Kultur und auch Esskultur. Dort konnten sich solche Gerichte entwickeln, weil neben den Ressourcen eben auch die kulinarische Reflexion vorhanden war, und damit das Wissen, wie man Essen modifizieren, verändern, entwickeln kann.“

Fischtaufe und Butterpfennig: Ausnahmen ermöglichen Fastenbrechen

Auch wenn die Klöster kulinarische Innovationen hervorbrachten, scheint es paradox, dass der Herrgott in der Fastenzeit hintergangen und dieser Betrug über eine Art Legende bis heute weitergegeben wird. Immerhin zählt die christliche Fastenzeit und der zugehörige, von der Kirche vorgeschriebene Verzicht zu den strengsten Perioden im Kirchenkalender. Erste Überlieferungen zur Fastenpraxis stammen aus dem 4. Jahrhundert nach Christus. Schon sehr früh wurde zum Fleischverzicht aufgerufen, als Papst Gregor I. im Jahr 590 festlegte, dass warmblütige Tiere nicht mehr auf dem Teller landen durften. Insbesondere im Mittelalter wurden die Vorschriften verschärft und um den Verzicht auf Laktizinien und tierische Produkte erweitert. Noch bis ins 17. Jahrhundert landete man in Bayern bei Verstößen im Gefängnis. 

Zu verzichten fiel den Menschen von damals nicht so schwer wie uns heute, weiß Daniel Kofahl: „Die Fastenzeit war traditionell keine zusätzliche Verknappung, sondern fiel in eine Jahreszeit, in der sowieso wenig vorhanden war“. Das Leben der Menschen war das ganze Jahr von Ernährungsmangel geprägt, während der Fastenzeit war das Angebot noch knapper, weil es noch nichts zu ernten gab. Zudem arbeiteten die Menschen und Mönche hart und wurden vielleicht auch deshalb kreativ, wenn sich die Möglichkeit für ein kräftigendes Essen bot. 

So gibt es einige Geschichten, die von den flexiblen Grenzen und der Regeln berichten: War in der 40-tägigen Fastenzeit (lat. Quadragesima) das Essen von Vierbeinern (quadrupedes) verboten, galt Fisch als erlaubt. Das Konstanzer Konzil (1414-1418) definierte alles als Fisch, was im Wasser lebte. Insbesondere in Klosterküchen soll man sich daraufhin Schlupflöcher erkocht haben: Biber und Fischotter landeten zur Fastenzeit auf den Tellern. Ein ertränktes Schwein wurde ebenso zum Wasserlebewesen wie Vögel - weil Gott sie am selben Tag wie Fische erschaffen hatte. Es soll gereicht haben, gehacktes Fleisch in Fischform anzurichten, um von ganz Oben keinen Ärger zu bekommen. Ein hochrangiger Kirchenvertreter erklärte ein Stück Wildschweinbraten kurzerhand mit den Worten „Ego te baptizo ad nominem carpam“ (lat. Ich taufe dich auf den Namen Karpfen) zu Fisch. Wer aufgrund seiner Berufsbezeichnung nicht so einfach Fleisch in Fisch verwandeln konnte, hatte die Möglichkeit eine Dispens, also Ausnahmebewilligung, zu erwerben. Der zu zahlende "Butterpfennig“ hob beispielsweise das Verbot für Milchspeisen auf und war für die Kirche eine wichtige Einnahmequelle - bis Papst Innozenz VIII. im Jahr 1486 den Verzehr von Laktizinien in der Fastenzeit offiziell erlaubte. 

Vor diesem Hintergrund scheint der Maulbronner Bruder Jakob mit der Erfindung der Maultasche keine christlich-moralische Grenze überschritten zu haben. „Das Christentum und vor allem der Katholizimus war, bei aller Jenseitsorientierung der Spiritualität, eine relativ lebensnahe und doch recht menschliche Religion“ so Daniel Kofahl. Wenn eine Möglichkeit auftauchte, die saisonbedingte Nahrungsmittelknappheit zu durchbrechen, habe die Kirche „sehr weltlich und menschennah“ entschieden. „Deshalb kennt die Fastenzeit eine Reihe von Ausnahmen“, zu der unter anderem auch Jakobs Täuschung gehört haben mag. 

Der Ernährungssoziologe Dr. Daniel Kofahl leitet das „Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur – APEK“ und lehrt Ernährungssoziologie an der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind Ernährungskultur, Ernährungspolitik und die sozialen Aspekte des Genießens.

Foto von privat

Schwäbischen Maultaschen: Nationalgericht mit Mehrwert

Doch wie so viele andere Legenden, ist auch jene vom erfinderischen Mönch aus Maulbronn nicht durch Fakten belegt. Und trotzdem legitimiert sie das Nationalgericht einer ganzen Region. Seit 2009 sind die Schwäbischen Maultaschen sogar von der EU in ihrer Herkunftsbezeichnung geschützt. Ob die Tradition retrospektiv erzeugt wurde, spielt für die schwäbische Sichtweise erstmal keine Rolle. Hier ist die Maultasche weder eine Variante der Ravioli, noch eine Abwandlung der asiatischen „Wan-Tan“, die über Jahrhunderte ihren Weg ins Ländle machte. Solche Fakten werden ausgeblendet, wenn Menschen verortete, identitätsstiftende Geschichten rund um die Tradition einer Speise erzählen. „Dadurch werden Gerichte in unsere Lebenswirklichkeit eingebettet und mit Symbolik aufgeladen“, erklärt der Ernährungssoziologe. „Die kulturelle Komponente wertet das Gericht auf, weil es das Nötige - die Ernährung - mit etwas Sinnlichem verknüpft: Man kann essen und gleichzeitig dem lieben Gott danken. Das schafft zusätzlich einen kulturellen, sozialen und identitätspolitischen Mehrwert.“

Kofahl betont, dass solche übergeordneten Komponenten aber erst dann eine entscheidende Rolle spielten, sobald der lebensbedrohliche Hunger überwunden sei. Erst wenn Nährstoffe überall verfügbar seien, zählten der Geschmack und identitätskulturelle Symboliken. „Dann fangen die Leute an Markenprodukte oder religiös aufgeladene Produkte zur Fastenzeit zu kaufen, die mit bestimmten Geschichten verknüpft sind. Man kauft dann einen Mehrwert.“

Mit diesem Mehrwert schmeckt die Maultasche, auch wenn der Herrgott nicht ganz genau weiß was drin ist, besonders gut. Und die Geschichte vom findigen Mönch Jakob, sorgt zusätzlich für ein schönes Tischgespräch - wahrscheinlich auch auf der ISS.


 

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