Aßen Steinzeitmenschen den Mageninhalt ihrer Beutetiere?

Für unsere frühen menschlichen Vorfahren war die Nahrungsbeschaffung nicht immer leicht. Eine neue Studie hat eine urzeitliche Kohlenhydratquelle ausgemacht, die möglicherweise eine wichtige Rolle gespielt hat – das sogenannte Digesta.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 5. Mai 2023, 09:32 MESZ
Zeichnung eines Bisons.

Bisons waren eine der Hauptnahrungsquellen prähistorischer Menschen. Doch aßen unsere Vorfahren nach der Jagd mehr als nur das Fleisch der Tiere? 

Foto von The Extermination of the American Bison by William T. Hornaday / Wikimedia

Wenn wir an die Nahrungsbeschaffung unserer steinzeitlichen Vorfahren denken, haben wir meist ein altbekanntes Bild im Kopf: Männer erlegen Tiere, Frauen sammeln Beeren und Nüsse. Die Hypothese der immerzu strikt geteilten Aufgabenverteilung bei Jäger-Sammler-Gruppen wird mittlerweile allerdings angezweifelt.

Ein Indiz, das gegen diese lang als gesetzt verstandene Organisation bei der Nahrungsbeschaffung spricht, hat die Anthropologin Raven Garvey von der University of Michigan nun genauer erforscht. Dabei geht es um eine bislang wenig untersuchte Nahrungsquelle, die den damaligen Menschen einen Teil ihrer benötigten Portion „Gemüse” geliefert haben könnte: Der Mageninhalt von Beutetieren, das Digesta.

In ihrer Studie, die in dem Fachmagazin Evolutionary Anthropology erschienen ist, stellt die Wissenschaftlerin vor, welche Folgen die bisherige Vernachlässing des Digesta haben könnte – einerseits in Bezug auf den Anteil von Pflanzen am steinzeitlichen Speiseplan, andererseits hinsichtlich unseres Verständnisses von der Organisation der Jäger-und-Sammler-Gruppen.

Digesta: Mageninhalt von Bisons als Nährstoffquelle

Dass Menschen in der Steinzeit den vorverdauten Mageninhalt ihrer Beutetiere gegessen haben könnten, wurde bereits in vorherigen Studien angedeutet. Außerdem ist diese Praxis beispielsweise für die alten, traditionellen Ernährungsweisen indigener Volksgruppen aus Grönland oder Australien belegt. In den übergreifenden rekonstruierten Ernährungskonzepten unserer steinzeitlichen Vorfahren sucht man Digesta allerdings vergebens. „Dabei könnte die Praxis auch in der Urgeschichte eine größere Verbreitung gehabt haben“, sagt Garvey.

Denn Digesta erhöht die Gesamtkalorienausbeute großer Pflanzenfresser wie Bisons beträchtlich. „Es erweitert das Nährstoffprofil um drei wichtige Makronährstoffe – Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate – in Mengen, die ausreichen, um kleine Jägergruppen über mehrere Tage ohne Nahrungsergänzung zu versorgen“, sagt Garvey. Das könnte vor allem in Gebieten oder Perioden, in denen Pflanzen knapp oder für den Menschen unverdaulich waren, – beispielsweise in der Eiszeit – von großer Bedeutung gewesen sein.  

“Viele Anthropologen sind besorgt darüber, dass unser evolutionäres Verständnis des Menschen unverhältnismäßig stark von heutigen Verhaltensweisen und kulturellen Ausdrucksformen beeinflusst wird.”

von Raven Garvey
University of Michigan

Das Verzehren von Digesta hätte es also ermöglicht, alle Nährstoffe aus einer Nahrungsquelle zu ziehen. Ein Aspekt, der die geschlechtsgetrennte Nahrungsbeschaffung infrage stellt. Denn durch den größeren Ertrag, den das Erlegen von Beutetieren brachte, wäre das Sammeln von Beeren und Nüssen über einen gewissen Zeitraum unnötig geworden. Somit sei es naheliegend, dass Frauen sich eher an der Jagd beteiligten, anstatt zusätzliche Nahrungsquellen zu suchen, so die Studie.

Verklärter Blick auf die Vergangenheit?

Garvey ist es wichtig, dass unseren heutigen Gewohnheiten den Blick auf die menschliche Vorgeschichte nicht verzerren. „Viele Anthropologen sind besorgt darüber, dass unser evolutionäres Verständnis des Menschen unverhältnismäßig stark von heutigen Verhaltensweisen und kulturellen Ausdrucksformen beeinflusst wird“, sagt sie. Ihr zufolge muss die mögliche Bedeutung von Verdauungsprodukten großer Pflanzenfresser und anderer Ressourcen bei der Neuinterpretation früherer Verhaltensweisen unbedingt berücksichtigt werden. 

Allerdings ist die tatsächliche Beweislage dafür, dass Digesta in der Steinzeit auf dem Speiseplan stand, noch dünn. Garvey hofft, dass weitere Studien Licht ins Dunkel der steinzeitlichen Essgewohnheiten bringen können.

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