Rätselhafte grüne Babyhand offenbart neue Form der Mumifizierung

Wie die Grabbeigaben und Überreste eines Säuglings aus dem 19. Jahrhundert für die Entdeckung einer besonderen und seltenen Form der Konservierung sorgten.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 4. Mai 2023, 09:31 MESZ
Der Arm mit einer Kupfermünze in der Hand vor weißem Hintergrund.

Der Grund für die Mumifizierung lag wortwörtlich auf der Hand: Die Kupfermünze, die dem Kind vor der Bestattung in die Hand gegeben wurde, kontaminierte und konservierte dessen Überreste. 

Foto von Balázs, J., Bereczki, Z., Bencsik, A. et al. / Archaeol Anthropol Sci

Etwa 150 Jahre nach der Aufgabe eines mittelalterlichen Friedhofs im Dörfchen Nyárlőrinc im Süden Ungarns kam es dort zu einer rätselhaften Beisetzung – von einer winzigen Hand in einem Tongefäß. Archäolog*innen konnten viele Jahre später ihre grün gefärbten Überreste bergen. Sie zeugen von einer neuen Form der Mumifizierung. 

Keramikgefäß mit rätselhaftem Inhalt

Der untersuchte Friedhof wurde zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert genutzt. Bei den Ausgrabungen fanden Forschende der Universität Szeged jedoch auch vereinzelte spätere Bestattungen, darunter ein Grab mit den Überresten zweier Personen und einem Tonbehältnis. Darin enthalten: wenige winzige sterbliche Überreste eines Säuglings. 

Lediglich die kleine Hand und ein Teil des Unterarms waren noch erhalten geblieben. Während die Unterarmknochen skelettiert waren, waren die Handfläche und die Finger im Laufe der Jahre mumifiziert worden. Ungewöhnlich, denn natürliche Mumifizierung ist ein äußerst seltenes Phänomen, und der Friedhof von Nyárlőrinc bot eigentlich nicht die richtigen Bedingungen für eine solche Konservierung. Dazu konnten in keinem der anderen 540 Gräber Anzeichen für Mumifizierungen gefunden werden.

Zusätzlich wies die Hand eine seltsam grüne Verfärbung auf, die bei den Forschenden noch mehr Fragen aufwarf.

Der Säuglingsarm aus zwei Blickwinkeln. Die mumifizierten Teile und die Knochen des Unterarms zeigen eine grüne Färbung, die bei den Archäolog*innen zunächst Fragen aufwarf.

Foto von Balázs, J., Bereczki, Z., Bencsik, A. et al. / Archaeol Anthropol Sci

Eine unbekannte Form der Mumifizierung 

Lösen konnte das Geheimnis letztendlich ein Forschungsteam der Universität Szeged im Rahmen einer Studie, die im Fachmagazin Archaeological and Anthropological Sciences erschien. Durch eine Reihe multidisziplinärer Untersuchungen fanden sie zunächst heraus, dass die Leiche des Säuglings äußerst hohe Kupferwerte aufwies – bis zu 497-mal höher als es von anderen Mumien bekannt ist. Bei einem anschließenden Vergleich mit den bei der Grabung sichergestellten Objekten stieß das Forschungsteam schließlich auf den Grund der Kontamination: eine korrodierte Kupfermünze, die wie ein fehlendes Puzzleteil in die kleine Handfläche passte.

Laut den Forschenden ist dies der bislang erste offiziell bekannte Fall dieser Art der Kupfermumifizierung. Ermöglicht wurde sie durch die antimikrobiellen Eigenschaften des Metalls, das vermutlich in die Hand des toten Säuglings gelegt wurde. Es stoppte den Abbau des Gewebes durch Mikroben und verhinderte damit die Zersetzung der Leichenteile.

Grab gibt Einblick in die Vergangenheit

Die Kupfermünze half jedoch nicht nur bei der Aufklärung der Mumifizierung, sie gab auch einen Einblick in das Schicksal des Säuglings. So war die Bestattung von ungetauften Kindern in Tongefäßen damals ebenso üblich wie die Grabbeigabe von Münzen. Die besagte Münze der Studie war zwischen 1858 und 1862 im Umlauf, was bedeutet, dass das Kind erst rund 150 Jahre nach der offiziellen Aufgabe des Friedhofs beigesetzt wurde. 

Vermutlich, so geben die Forschenden in ihrer Studie an, könnte es sich dabei um ein Frühgeborenes oder eine Totgeburt gehandelt haben. Sie hoffen, dass durch Untersuchungen anderer Mumienfunde noch weitere Fälle der Kumpfermumifizierung durch Grabbeigaben aufgedeckt werden.

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