Warum Napoleon den Ruf hat, klein gewesen zu sein

Menschen mit Napoleon-Komplex kompensieren ihre geringe Körpergröße durch aggressives Verhalten – wie angeblich schon sein Namensgeber Napoleon Bonaparte. Doch war der französische Kaiser wirklich ein kleiner Tyrann?

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 19. Juli 2023, 07:53 MESZ
Gemälde: Napoleon Bonaparte in Siegespose auf einem Schimmel.

So herrschaftlich wäre Napoleon den Menschen wohl am liebsten in Erinnerung geblieben. Heute ist der französische Kaiser aber für etwas ganz anderes berühmt: seine Statur.

Foto von Jacques-Louis David, 1748–1825

Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich der Große, Napoleon Bonaparte – gemeinsam haben diese drei Männer nur wenig. Bis auf eines: Sie sind kleiner als 1,70 Meter. Bekannt für seine vermeintlich geringe Körpergröße ist aber nur einer von ihnen: Kaiser Napoleon, der mittlerweile als besonders kleiner, tyrannischer Herrscher in die Geschichte eingegangen ist. So sehr, dass der Psychoanalytiker Alfred Adler 1908 sogar ein Phänomen nach ihm benannte: den Napoleon-Komplex.

Dieser besagt, dass eine kleine Statur vor allem bei Männern zu Verhaltensweisen führt, die ihre geringe Körpergröße kompensieren sollen. Darunter fallen beispielsweise Aggressivität, Skrupellosigkeit und Prahlerei. Doch ist Namensgeber Napoleon tatsächlich die richtige Galionsfigur für dieses Phänomens?

Wieso hat Napoleon heute den Ruf als kleiner Kaiser?

Dass er klein gewesen sein soll, ist heute wohl eine der bekanntesten Informationen über Napoleon Bonaparte. Umso erstaunlicher ist, dass sie falsch ist. Denn seiner Zeit entsprach der Kaiser der Durchschnittsgröße französischer Männer ziemlich genau. Diese lag in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bei ungefähr 167,1 Zentimetern – Napoleon, der nur wenige Jahrzehnte später lebte, maß laut seinem Arzt Francesco Antommarchi ebenfalls etwa 167 Zentimeter. Zum Vergleich: Heute liegt der Durchschnittswert bei etwa 179 Zentimetern.

Dass Napoleon für heutige Verhältnisse ein relativ kleiner Mann war, mag also stimmen – vor 200 Jahren war diese Größe allerdings nicht ungewöhnlich. Wie kam es also zu dem hartnäckigen Gerücht? 

Illustration von James Gillray aus dem Jahr 1803: Napoleon als Kleinkind, der einen Tobsuchtsanfall hat.

Foto von James Gillray, 1756-1815

Ein wichtiger Treiber der Idee des kleinen Kaisers war die britische Kriegspropaganda. Schon während des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, als Napoleon sich auf der Höhe seiner Macht befand, verbreitete der britische Illustrator James Gillray Karikaturen des französischen Kaisers. Während er Napoleon in seinen ersten Karikaturen noch hauptsächlich als überhebliche und ungehobelte Person darstellte, zeigten die Inszenierungen Napoleon schon bald auf ganz andere Weise: als Kleinkind mit Wutanfall oder mit zu großem Hut neben ihm körperlich überlegenen anderen Herrschern.

Nach dem Sieg über Napoleon in der Schlacht von Waterloo nahmen diese Darstellungen in England zu. So entstanden zu dieser Zeit beispielsweise auch die Bilder des Illustrators George Cruikshank, der den kleinen Napoleon auf dem Töpfchen oder als kleinen Gnom inszenierte. Auch die Bezeichnung „little Boney“, was auf Deutsch etwa „kleiner Dürrer“ heißt, wurde immer beliebter. 

Gibt es den Napoleon-Komplex wirklich?

Doch obwohl Napoleon für damalige Verhältnisse gar nicht so klein war, wie viele es ihm nachsagten – den Komplex, der nach ihm benannt wurde, gibt es dennoch. Das haben bereits mehrere Studien nachgewiesen, darunter auch eine Studie aus dem März 2023, durchgeführt von einem internationalen Forschungsteam um die Psychologin Monika A. Kozłowska von der University of Wrocław in Breslau, Polen. Erschienen ist sie in der Zeitschrift Personality and Individual Differences.

In seiner Studie untersuchte das Team anhand von 367 Proband*innen, ob eine kleine Statur und ein Wunsch nach einer größeren Körpergröße mit Eigenschaften der sogenannten Dunklen Triade zusammenhängen. Zu jener gehören psychopathische, narzisstische und machiavellistische Persönlichkeitszüge. Aus ihnen resultieren Verhaltensweisen wie Rücksichtslosigkeit, Kalkül, Prahlerei und Machtstreben. Im Rahmen der Studie mussten die Teilnehmenden einerseits einen Fragebogen zur Dunklen Triade ausfüllen, in dem sie eine bestimmte Punktzahl erhielten, und andererseits angeben, wie groß sie sind und wie zufrieden sie mit ihrer Größe sind. 

Das Ergebnis: Kleine, mit ihrer Körpergröße unzufriedene Menschen sammelten beim Fragebogen zur Dunklen Triade mehr Punkte. Das traf sowohl auf Männer als auch auf Frauen zu – wobei bei kleinen Männern narzisstische Züge stärker vertreten waren als bei kleinen Frauen. „Der Napoleon-Komplex besagt, dass kleine Menschen – insbesondere Männer – ihre Größe mit antagonistischem Verhalten kompensieren“, so die Forschenden. „Wir konnten diese These bestätigen und insbesondere auch den Wunsch danach, größer zu sein, als wichtigen Faktor herausstellen.“

Hat Alfred Adler Napoleon mit der Namensgebung des Phänomens also unrecht getan? Schaut man sich Napoleons Erbe an, scheint zumindest nahezuliegen, dass der französische Kaiser viele Eigenschaften der Dunklen Triade besaß. Denn während viele Französ*innen ihn als Nationalheld verehren, dürfen seine blutigen Einfälle in Haiti oder auf den französischen Karibikinseln im Zuge der Kolonialisierung nicht vergessen werden. Auch seine Kriege in Europa hinterließen unzählige Tote – ebenso wie die Wiedereinführung der Sklaverei anfang des 19. Jahrhunderts, bei der er eine entscheidende Rolle spielte. Ob es allerdings seine Größe war, die ihn so handeln ließen, ist fraglich.

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