Von der Jüngerin zur Kunstfigur: Wer war Maria Magdalena?

Maria Magdalena ist eine der schillerndsten Figuren aus der Bibel. Gesichter hat sie viele: Erst Jüngerin Jesu, dann Sünderin, später die geheimnisvolle, schöne Frau, die zahlreiche Maler auf die Leinwand gebracht haben.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 21. Dez. 2023, 09:49 MEZ
Maria Magdalena kniet neben Jesus vor einem schwarzen Hintergrund.

Die wohl bekannteste Geschichte über Maria Magdalena: Am Grabe Jesu erfährt sie von seiner Auferstehung. Je nach Auslegung der Geschichte erscheint ihr ein Engel, ein Jüngling oder Jesus selbst.

Foto von Alexander Andrejewitsch Iwanow, 1806 - 1858

Sie gehörte zum engsten Kreise Jesu, begleitete ihn zum Kreuz und war eine der Ersten, die von seiner Auferstehung erfahren haben soll: Maria Magdalena ist eine der bekanntesten weiblichen Figuren der Kirchengeschichte. Erwähnt wird sie in allen vier Evangelien sowie in mehreren apokryphen – also nicht zum Kanon der Bibel gehörenden – Schriften. Vom späten Mittelalter bis zur Neuzeit inspirierte sie außerdem viele Künstler*innen, die ihr Antlitz auf die Leinwand brachten.

Maria Magdalena in den vier Evangelien

Historische Belege für Maria Magdalenas Existenz gibt es abseits der Bibel nicht. In der Bibel ist sie eine Jüngerin Jesu, die ihm über einen längeren Zeitraum hinweg zur Seite stand. Ihr Name rührt von dem Ort her, aus dem sie stammt: Aus Maria aus Magdala wurde Maria Magdalena. Dass die Bezeichnung einer Frau auf einem Ort beruht, war damals selten. Meist wurden Frauen über ihren Mann oder Sohn definiert. Wahrscheinlich ist also, dass sie beides nicht hatte.

Am Ostersonntag sollen Maria Magdalena und zwei weitere Frauen zum Grab Christi gekommen sein, um ihn zu salben. Als sie dort eintrafen, fanden sie das Grab leer vor. Ein Engel offenbarte ihnen daraufhin, dass Jesus auferstanden sei. Explizit an erster Stelle genannt wird Maria Magdalena in zwei der Evangelien, Markus und Matthäus, Lukas berichtet von „drei Frauen“.

Foto von Annibale Carracci, 1560–1609

Eine zentrale Rolle spielt Maria Magdalena in der Ostergeschichte. Darin ist sie es, die den Aposteln die Botschaft der Auferstehung Jesu überbringt. Das bringt ihr eine Sonderstellung ein: als apostola apostolorum, also Apostelin der Apostel. „Das soll ein Ehrentitel sein, ist aber eher eine diskriminierende Bezeichnung, weil Maria Magdalena sozusagen nur einmal am Ostersonntag und nur für die Männergruppe verkündigen darf“, sagt Judith Hartenstein, Professorin an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität (RPTU) Kaiserslautern-Landau. „Dann ist ihre Aufgabe erledigt und die Männer übernehmen.“ 

Maria Magdalenas Stellung in der Kirchengeschichte

Eine Apostelin war Maria Magdalena nach der populären Definition nicht. „Der Begriff eines Apostels, den die meisten im Kopf haben, ist durch die Evangelien und speziell vom Lukasevangelium und der Apostelgeschichte geprägt“, sagt Sabine Bieberstein von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Denn Lukas identifiziere die Apostel als die zwölf Jünger, die auch beim Abendmahl anwesend waren. „So lesen wir auch die übrigen Evangelien“, so die Theologin.

Während die meisten der männlichen Jünger Jesus nach seiner Festnahme verließen, begleitete Maria Magdalena ihn bis zum Tod. Auf diesem Gemälde von Raphael ist sie in der Mitte des Bildes zu sehen. Besorgt blickt sie auf Jesus herab und hält seine Hand in ihrer. 

Foto von Raphael, 1483–1520 / Public Domain

Doch es gibt in der Bibel auch andere Definitionen des Begriffs, die zu Maria Magdalena passen. Zunächst bedeutet der Begriff einfach „Ausgesandte“ vom griechischen Verb „apostello“, also „aussenden“. „Für Paulus ist für das Apostel-Sein eine Erscheinung des Auferstandenen mit Auftrag zur Verkündigung entscheidend“, sagt Hartenstein. „Er versteht sich selbst ausdrücklich als Apostel, obwohl er kein Jünger des irdischen Jesus war.“ Auch der Umstand, dass Maria Magdalena eine Frau war, war für Paulus kein Ausschlusskriterium: Er zählte auch Junia, eine weitere Frau, die Teil der christlichen Bewegung gewesen sein soll, zum Kreis der Apostel. 

In der katholischen Kirche ist Maria Magdalena erst seit 2016 als „Apostelgleiche“ anerkannt. „Seitdem wird ihr Fest am 22. Juli gefeiert“, sagt Bieberstein. „Für die orthodoxen Kirchen war sie hingegen immer eine apostelgleiche Frau, ähnlich wie Junia.“ 

Maria Magdalena in der Kunstgeschichte

Eine ganz andere Facette der Figur findet sich in der Kunst. Seit der frühen Neuzeit dominierte dort das Bild Maria Magdalenas als Sünderin und Büßerin. Diese Ideen wurden durch Künstler*innen verfestigt, die Maria in ihren Gemälden reumütig abbilden – und meist nackt oder leicht bekleidet. „Wie Maria Magdalena dargestellt wird“, so Bieberstein, „ist durch unterschiedliche kulturelle, gesellschaftliche, kirchliche oder theologische Konzeptionen verursacht und geprägt.“

Das Gemälde „die bußfertige Magdalena“ vom italienischen Maler Domenico Tintoretto ist nur eins von vielen, das Maria Magdalena in dieser Position und leicht bekleidet zeigt.

Foto von Domenico Tintoretto, 1560–1635

Das kommt daher, dass die Figur Maria Magdalena in der Bibel mit anderen Frauen vermischt wurde. „Das funktioniert über den Namen“, sagt Hartenstein. „Alle Marien aus dem Jüngerkreis werden verschmolzen.“ Beispielsweise werde im Johannes-Evangelium von Maria, der Schwester von Marta und Lazarus, erzählt, die Jesus die Füße mit einem kostbaren Öl salbte. Mit dieser Maria verschmilzt Maria Magdalena. Dazu kommt eine weitere Salbungsgeschichte über eine Sünderin aus dem Lukas-Evangelium, wodurch auch Maria Magdalena zur Sünderin wurde. „Und was ist damals die schlimmste Sünderin? Eine ‚Hure‘“, sagt Bieberstein. „Spätere Traditionen haben Maria aus Magdala zum Teil auch mit der namenlosen Ehebrecherin aus dem Johannes-Evangelium identifiziert.“

Dieses Bild der Sünderin wurde dann durch die Kunst weitergetragen. Gemälde der büßenden Maria Magdalena zeigen sie wohl auch deshalb oft mit wenig Kleidung oder entblößten Brüsten. Laut Bieberstein haben die Maler dabei auch die Gelegenheit ergriffen, eine verführerische Frau zu malen, ohne sich erklären zu müssen. „In der Kunstgeschichte war die Figur der Maria aus Magdala zum Teil ein Anlass, eine außerordentlich schöne, erotische Frauenfigur malen zu können – unter dem Deckmantel eines religiösen Themas.“

Auch im Feminismus des 20. Jahrhunderts hat Maria Magdalena ihren Platz gefunden. Die Frauenbewegung und die feministische Exegese der Bibel hoben sie als Autorität hervor, die im engsten Kreise Jesu wirkte und von ihm hoch angesehen war. So wurde in der Magdalenenfigur über die Jahrtausende viel vereint: einerseits repressive Ideen zu Frauen aus der Bibel, andererseits aber auch emanzipatorische Ideale innerhalb der christlichen Bewegung.

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