Fehlende Finger in der Steinzeit: Waren brutale Amputationen der Grund?

Die steinzeitliche Höhlenmalerei ist die älteste Kunstform der Menschheit. Auffällig ist jedoch, dass bei vielen der Handabdrücke Finger fehlen. Welche grausamen Rituale dafür verantwortlich waren.

Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 12. Jan. 2024, 16:02 MEZ
Rot und blau umrandete Handabdrücke an einer Höhlenwand.

Steinzeitliche Handabdrücke in der Höhle von Gargas, Frankreich. Bei den rot umrandeten Abdrücken erkennt man verstümmelte Finger.

Foto von Yoan Rumeau / Wikimedia Commons

Die Geschichte der Malerei ist lang: Schon in der Steinzeit fingen die Menschen auf der ganzen Welt an, rudimentäre Jagdszenen und Tierdarstellungen an Höhlenwände zu malen – oder dort Handabdrücke zu hinterlassen. Wer genau hinschaut, erkennt bei letzteren manchmal eine merkwürdige Auffälligkeit: Teilweise fehlen einer oder gleich mehrere Finger. 

War es das kalte Klima, das die Steinzeitmenschen ihre Finger kostete? Verletzten sie sich häufig? Oder waren es gar brutale Rituale, durch die die Menschen ihre Finger verloren? Ein Forschungsteam der Simon Fraser University in British Columbia hat die Geschichte der Handabdrücke erforscht – und ist ihrem Geheimnis auf die Spur gekommen. Ihre Studie erschien im Jahr 2018 in der Zeitschrift Journal of Palaeolithic Archaeology. Auf der Tagung der European Society for Human Evolution im September 2023 präsentierten sie vertiefte Ergebnisse

Fehlende Finger: Erfrierungen oder Amputation?

In ihrer Forschung konzentrierten sich Anthropologe Mark Collard und sein Team auf steinzeitliche Handabdrücke aus dem europäischen Raum – insbesondere aus Frankreich. Die Höhlen von Gargas und Cosquer sind für ihre Malereien aus der Eiszeit bekannt, diese zählen zur Gravettianischen Kultur. In den Höhlen fanden die Forschenden über 200 Handabdrücke mit einer unvollständigen Anzahl an Fingern oder Fingergliedern.  

Handabdrücke mit fehlenden Fingern: Waren brutale religiöse Rituale der Grund für Fingeramputationen in der Steinzeit?

Foto von José-Manuel Benito / Wikimedia Commons

Warum die Gliedmaßen fehlten, wurde bislang mit verschiedenen Theorien erklärt. „Manche Forschende argumentieren, dass Individuen, die diese Bilder produzierten, alle Gliedmaßen besaßen und lediglich weniger Finger benutzten, um nur bestimmte Segmente sichtbar zu machen“, heißt es im Paper der Tagung. Sie sollen Handsignale oder Zählsysteme darstellen. Andere vermuten, dass Erfrierungen zu den fehlenden Fingern führten. 

Collard und sein Team haben eine eigene Erklärung für das Phänomen: Sie glauben, dass den Menschen die Finger amputiert wurden. „Wir haben 121 jungsteinzeitliche Gesellschaften identifiziert, die Fingeramputationen durchgeführt haben“, lautet die Erklärung der Forschenden im Paper. „Dabei konnten wir zehn Gründe für diesen Brauch herausstellen – neun davon ohne medizinischen Nutzen.“ 

Mysteriöser Brauch: Warum Menschen in der Steinzeit Finger amputiert wurden

Bislang konnten in anderen Gesellschaften gleich mehrere Gründe für Fingeramputationen festgestellt werden: In manchen galten sie als Strafe – oder auch als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Sie konnten Trauer widerspiegeln: Wenn geliebte Menschen starben, schnitten sich die Hinterbliebenen freiwillig einen Finger ab. In manchen Gruppen galten sie auch als Fruchtbarkeitsritual: Frauen entfernten sich einen Finger und aßen ihn – in der Hoffnung auf eine daraufhin eintretende Schwangerschaft. 

In Frankreich sollen die Amputationen laut den Forschenden allerdings Ausdruck eines zeremoniellen Opfers gewesen sein. Sie könnten im Rahmen religiöser Rituale stattgefunden haben. Bei den Zeremonien sollen vermutlich auch bewusstseinserweiternde Drogen im Spiel gewesen sein. Beweisen können die Forschenden ihre Annahme jedoch nicht, was teilweise zu Kritik führte. 

So argumentierte beispielsweise die britische Wissenschaftsjournalistin Alison George in einem Artikel in der Zeitschrift New Scientist aus dem Jahr 2023, dass Personen in der Steinzeit derartige Amputationen nicht unbedingt hätten überleben können. Denn die Handabdrücke aus Frankreich bestanden hauptsächlich aus einem durchschnittlichen Daumen und vier verkürzten Fingergliedern. „Diese extreme Verstümmelung wäre katastrophal für die amputierte Person gewesen“, so George. Sie plädiert stattdessen für eine Art Zeichensprache, aufgrund der die kürzeren Finger in der Steinzeit absichtlich eingesetzt worden sein könnten. 

In dem kürzlich veröffentlichten Paper nimmt das kanadische Forschungsteam Bezug auf diese Kritiken: Es erforschte die Verstümmelung im Rahmen religiöser Rituale kulturübergreifend und erklärte schließlich, dass derartige „Amputationen von Fingersegmenten bei lebenden Menschen aus kulturellen Gründen in der Jungsteinzeit erstaunlich häufig“ waren. Es gebe dafür vielfach Belege – nicht nur aus europäischen Gesellschaften, sondern von allen bewohnten Kontinenten. 

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