Menschenopfer: Maya in Chichén Itzá töteten vor allem männliche Kinder

Forschende haben die Überreste von 64 Menschen untersucht, die in der ehemaligen Maya-Stadt Chichén Itzá geopfert wurden. Ihre Erkenntnisse schreiben die Geschichte neu.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 14. Juni 2024, 16:33 MESZ
In Stein gemeißelte Schädel.

Eine aus Stein gefertigte Nachbildung eines Tzompantli, also eines Gestells zur Lagerung menschlicher Schädel.

Foto von Christina Warinner

Die präkolumbischen Hochkulturen sind für ihre rituellen Menschenopfer bekannt. Ob Inka, Maya oder Chimú-Kultur: Sie alle töteten Menschen, um die Götter zu beschwichtigen – oftmals Kinder, in teilweise blutigen Ritualen.

Auch in Chichén Itzá, einer Maya-Stadt, die nach dem Zerfall des klassischen Maya-Reichs zu einer der einflussreichsten Städte der Hochkultur wurde, wurden Menschen geopfert. Einer neuen Studie zufolge waren darunter vor allem männliche Kinder und Jugendliche, die erstaunlich oft miteinander verwandt waren. Die Studie des internationalen Forschungsteams wurde im Fachmagazin Nature veröffentlicht.

Untersuchte Menschenopfer allesamt männlich

Chichén Itzá erlebte ihre Hochzeit zwischen 600 und 1000 nach Christus. Aus der gleichen Zeit stammten auch die nun untersuchten Menschenopfer. Entdeckt wurden diese schon vor Jahrzehnten bei Ausgrabungen in einer mit Wasser gefüllten Zisterne, einem sogenannten chultún, nahe der Heiligen Cenote, einer Art Sinkloch. Darin legten Archäolog*innen 1967 die Überreste von mehr als 100 Kindern und Jugendlichen frei. 64 von ihnen wurden im Rahmen der Studie DNA-Analysen unterzogen.

Diese Nachbildung eines Gestells zur Lagerung menschlicher Schädel befindet sich im Herzen der Stadt und deutet auf den Stellenwert von Menschenopfern in der damaligen Gesellschaft hin.

Foto von Johannes Krause

Diese Untersuchungen zeigten: Alle 64 Individuen waren männlich, die jüngsten drei Jahre alt, die ältesten im Teenageralter. Für die Forschenden eine Überraschung: Zwar war Chichén Itzá schon vor der aktuellen Untersuchung für seine rituellen Menschenopfer bekannt, jedoch nicht für männliche. „In Berichten aus dem frühen 20. Jahrhundert wurden reißerische Geschichten über die Opferung junger Frauen und Mädchen an dieser Stätte verbreitet“, sagt Christina Warinner, Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Dass diese Geschichten nicht der Wahrheit entsprechen, zeigen auch die aktuellen Funde. „Unsere Studie, die in enger internationaler Zusammenarbeit durchgeführt wurde, stellt diese Interpretation auf den Kopf“, so Warinner. Sie zeige, dass die Maya zumindest in Chichén Itzá männliche Menschenopfer bevorzugten.

Opferung von Brüdern und Zwillingen

Eine weitere bahnbrechende Entdeckung: Unter den Opfern waren außergewöhnlich viele miteinander verwandte Individuen und sogar zwei eineiige Zwillingspaare. Die Wahl von eng verwandten Jungen rührt laut den Forschenden vermutlich daher, dass Zwillinge sowohl im rituellen Leben der Maya als auch in ihren Schöpfungsmythen eine große Rolle spielen. Da Zwillinge aber recht selten sind, könnten die verwandten Jungen sich ähnlich gesehen und deshalb für die Opferrituale genutzt worden sein. „Zwillinge gelten in der Maya-Mythologie besonders verheißungsvoll, und das Zwillingsopfer ist ein zentrales Thema im heiligen Buch der Quiché-Maya, dem Popol Vuh“, heißt es in der Studie.

Genau wegen solcher Erkenntnisse, die das kulturelle Leben der Maya und ihre Geschichte ins richtige Licht rücken, seien DNA-Analysen wie die in der Studie besonders wichtig, betonen die Forschenden.

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