Kronjuwelen der Schöpfung

Im Nationalpark Jardines de la Reina vor der kubanischen Küste existieren die letzten intakten Korallenriffe der Karibik. Werden sie den kommenden Tourismusboom überleben?

Freitag, 2. März 2018,
Von David Doubilet & Jennifer Hayes
Schwärme von Blaustreifen-Grunzern und Schulmeister-Schnappern schwimmen zwischen den breiten Ästen von Elchgeweihkorallen hindurch. Diese Korallenart wächst ...
Schwärme von Blaustreifen-Grunzern und Schulmeister-Schnappern schwimmen zwischen den breiten Ästen von Elchgeweihkorallen hindurch. Diese Korallenart wächst zwar schnell, ist aber empfindlich und stark bedroht. Im Karibischen Ozean ist sie fast vollkommen verschwunden – doch in den „Gärten der Königin“ kann man sie noch bewundern.
Bild David Doubilet & Jennifer Hayes

Anfang des Jahrtausends hatten wir die „Gärten der Königin“ zuletzt erkundet. 80 Kilometer südlich von Kuba waren wir zwischen Mangroveninseln und Korallenriffen auf eine pulsierende Wildnis gestoßen, die uns in Staunen versetzte.

Schwärme von Ährenfischen schlängeln sich durch die Mangroven. In dem dichten Wurzelgeflecht finden die nur fingergroßen Fische Schutz. Mangroven haben für Korallenriffe eine wichtige Funktion: Sie dienen als Kinderstube für bedrohte Arten und binden Sedimente, die Korallen ersticken können. Indem sie Kohlenstoff speichern, wirken sie zudem der Erderwärmung entgegen.
Bild David Doubilet & Jennifer Hayes
Diese gerade geschlüpfte Echte Karettschildkröte ist knapp acht Zentimeter lang und entfernt sich im Schutz der Dämmerung vom Ufer
Bild David Doubilet & Jennifer Hayes

Als wir 2016 in die Region zurückkehren, fragen wir uns besorgt, wie sich der 1400 Quadratkilometer große Nationalpark wohl verändert hat. Bei unserem ersten Tauchgang gleiten wir hinab in einen Wald aus Elchgeweihkorallen. In diesem Dickicht beobachten wir zu unserer Überraschung Blaustreifen-Grunzer und Schnapper, die sich zwischen den breiten Korallenästen in schnellen, spielerischen Bewegungen umkreisen. Wir hatten das Gefühl, in einer Unterwasser-Zeitkapsel zu sein: Eine Welt voller Korallen und Fische – so hatte die Karibik vor Jahrzehnten auch schon ausgesehen.

Tauchlehrer Noel López, der diese Gewässer seit 20 Jahren beobachtet, führt uns zu einem tiefer gelegenen Riff, wo wir auf vier Arten von Zackenbarschen treffen, darunter ein riesiger Judenfisch. Hier scheinen sich sogar mehr Großfische zu drängen als bei unserem ersten Besuch.

Diese Korallen vor der Südküste Kubas leuchten im Sonnenuntergang. Als Christoph Kolumbus das Naturwunder aus Riffen, Inseln und Mangrovenwäldern entdeckte, taufte er es zu Ehren von Isabella von Kastillien Jardines des la Reina – „Gärten der Königin“.
Bild David Doubilet & Jennifer Hayes
Dieses Spitzkrokodil erhebt sich nach einer Ruhepause aus einem Bett von Unterwasserpflanzen und kehrt zurück in das Labyrinth der Mangrovenwurzeln. Wissenschaftler bezeichnen Krokodile auch als „Ingenieure“ des Mangrovenwaldes, weil sie dort Wege schaffen, die die Nährstoffzirkulation begünstigen. Wenn die Zahl von großen Jägern wie Krokodilen und Haien zunimmt, ist das ein Zeichen für ein ausgeglichenes Ökosystem.
Bild David Doubilet & Jennifer Hayes

An einem Morgen machen wir uns auf zu den Mangroven und schwimmen durch einen überfluteten Wald, in dem sich Ährenfische tummeln. Dann wagen wir uns hinaus ins offene Wasser und tauchen mit Dutzenden von glänzenden Seidenhaien, die einen perfekten Kreis um uns bilden. In der Dämmerung folgen wir einem Spitzkrokodil, das sich lautlos wie ein U-Boot auf Beutezug durch die dunklen Mangroven bewegt. Es ist ein unglaubliches Gefühl, diese Fülle an Tieren und großen Jägern in einem einzigen Ökosystem zu beobachten – und das an nur einem einzigen Tag.

Drei Seidenhaie gleiten durch das blaue Wasser des Karibischen Meeres. In gesunden Korallenriffen reicht die Nahrungskette vom Plankton bis zum Raubfisch.
Bild David Doubilet & Jennifer Hayes
In den „Gärten der Königin“ lebt auch der Schwarze Zackenbarsch. Dieses Exemplar frisst gerade einen Schnapper.
Bild David Doubilet & Jennifer Hayes

Diese Oase im Meer gedeihe lediglich, erklärt uns der Meeresbiologe Fabián Pina Amargós, weil Kuba den Nationalpark aktiv schütze. Obwohl auch die Jardines de la Reina der Bedrohung ausgesetzt sind, die für alle Korallenriffe von der Erwärmung und Übersäuerung der Ozeane ausgeht, haben sie bislang der Korallenbleiche widerstanden. Wenn bald das US-Embargo gegen Kuba aufgehoben ist, wird der Zauber der karibischen Unterwasserwelt mehr Besucher anlocken. Es ist dringend notwendig, die Balance zwischen Tourismus und Naturschutz zu wahren. Aber die Kubaner wissen zum Glück, was auf dem Spiel steht: die Kronjuwelen der Karibik.

Die Tintenfische gelten als gefräßig und kommunizieren mithilfe schneller Farb- und Musterwechsel.
Bild David Doubilet & Jennifer Hayes
Nachts zeigt sich Leben im Meer, das tagsüber unsichtbar ist: Meereswürmer werden von einer Lampe angezogen und bilden einen lebenden Schleier.
Bild David Doubilet & Jennifer Hayes
David Doubilet und Jennifer Hayes arbeiten zusammen und haben die Meere vom Äquator bis zu den Polen fotografiert.
Wei­ter­le­sen