Planet or Plastic?

Wie Indiens Fischer Plastik aus dem Meer zu Straßen machen

Im Rahmen eines innovativen Projekts in Kerala, säubern Fischer das Meer von Plastik und recyceln es. Montag, 28 Mai

Von Maanvi Singh

Kadalamma – Mutter Meer – nennt Xavier Peter das Arabische Meer. Seine Mutter schenkte ihm das Leben, aber Kadalamma gab seinem Leben einen Zweck und ihm selbst ein Einkommen. Sie hat für ihn gesorgt und ihm genügend Fisch gebracht, um seine Familie zu ernähren und damit auf dem Markt zu handeln. Und sie hat ihn beschützt – dreimal vor Zyklonen und einmal vor einem Tsunami verschont.

Seit mehr als 30 Jahren fischt Xavier mit seinem Trawler schon Garnelen und Fische an der Südwestküste Indiens – sein ganzes erwachsenes Leben. Aber wenn er in letzter Zeit sein Netz auswarf, fing er damit oft mehr Plastik als Fisch.

“Es ist anstrengender, die Netze aus dem Wasser zu ziehen, wenn sich das ganze Plastik darin verfängt”, sagt er. „Das ist ein bisschen so, als würde man versuchen, Wasser aus einem Brunnen zu holen – der Eimer wird irgendwie beschwert und nach unten gedrückt.“

Zusammen mit seiner sechsköpfigen Mannschaft verbrachte er Stunden damit, den Fang von dem Müll zu trennen.

Für Xavier ist das ganze Unterfangen eine Erinnerung daran, dass Kadalamma krank ist – und dass er und seine Gemeinde dafür verantwortlich sind. „Das ist Indiens größtes Versagen“, sagt er.

Früher seufzte er einfach und warf das Plastik über Bord. Heute macht er das nicht mehr.

Seit August 2017 bringen er und fast 5.000 andere Fischer und Bootsbesitzer in Kollam – einer 400.000 Einwohner starken Fischerstadt im südlichsten Bundesstaat Kerala – alles Plastik an Land, das sie auf dem Meer finden. Mit der Unterstützung diverser Regierungsbehörden konnten sie außerdem die erste Recyclinganlage der Region bauen. Dort werden all die Plastiktüten, Flaschen, Strohhalme, Flip-Flops und Barbies, die sie beim Fischen finden, gesäubert, sortiert und verarbeitet. Bisher haben sie auf diese Weise 65 Tonnen Plastikmüll gesammelt.

WELLEN DER FRUSTRATION

Fischereikommunen lassen sich recht einfach davon überzeugen, dass Plastik gefährlich ist, sagt Peter Mathias. Er leitet eine regionale Union für Bootseigentümer und -betreiber. Ihm zufolge haben sich die Fischer schon seit Jahren bei ihm darüber beklagt, dass sich Plastikmüll in ihrer Ausrüstung verfängt.

Dabei ist das noch nicht einmal die schlimmste Folge. Vor zehn Jahren konnte eine kleine Mannschaft wie die von Xavier auf einer zehntägigen Expedition problemlos bis zu vier Tonnen Fisch fangen. Heutzutage hat er Glück, wenn er ein Fünftel davon fängt. Obwohl sich viele Faktoren wie der Klimawandel und Überfischung auf die Bestände auswirken, ist Plastik mit Abstand der sichtbarste Übeltäter.

Viele Fischarten können Plastikteilchen leicht mit Beute verwechseln. Studien zeigen, dass sie infolgedessen an Unterernährung oder einer Vergiftung sterben können. Andere Meerestiere verheddern sich in weggeworfenen Nylonnetzen und ersticken. Große Plastikansammlungen am Meeresboden sorgen außerdem dafür, dass einige Arten keinen Zugang zu ihren Laichgründen mehr finden.

“Das wirkt sich auf unsere Arbeit aus”, sagt Mathias. „Insofern liegt es in unserer Verantwortung, das Meer sauber zu halten – und es ist für unser Überleben notwendig.“

Dieser Verantwortung gerecht zu werden, stellte sich jedoch als etwas schwieriger heraus, als es Mathias zunächst erwartet hatte. Die Fischer zogen schon unabsichtlich Plastik aus Meer – der nächste offensichtliche Schritt bestand also darin, sie darum zu bitten, das gezielt zu tun. Das Problem war nur, dass es in ihrer Region keine städtische Müllsammlung gab, geschweige denn ein Recyclingprogramm. Als ein nahegelegenes Dorf von Muscheltauchern versuchte, ein ähnliches Programm auf die Beine zu stellen, hatten sie keine Möglichkeit, den ganzen Müll zu entsorgen, den sie sammelten. Letztendlich brachten sie das Plastik nur aus den Seen und Flüssen zurück an Land.

EINE FLUT DER UNTERSTÜTZUNG

Vergangenen Sommer ersuchte Mathias dann die Fischereiministerin J. Mercykutty Amma und einen anderen Einwohner von Kollam um Hilfe. „Ich sagte: Wenn wir es schon auf uns nehmen, das Plastik aus dem Meer zu fischen und es zurück an Land zu bringen, können Sie uns dann helfen, irgendwas damit zu machen?“, erinnert er sich.

Sie sagte zu, erwähnte aber, dass sie das vermutlich nicht allein schaffen konnte. Etwa einen Monat später holte sie dann fünf andere Regierungsbehörden mit ins Boot, darunter die Behörde für Bauwesen, die eine Recyclinganlage bauen würde, und die Behörde zur Stärkung der Frauen. Letztere ist dafür verantwortlich, die Arbeitsmöglichkeiten für Frauen in solchen Branchen zu verbessern, die lange Zeit von Männern dominiert wurden, zum Beispiel die Fischerei. Die Behörde half dabei, eine vollständig weibliche Belegschaft anzustellen, um dort zu arbeiten.

In den letzten Monaten hat eine Gruppe von 30 Frauen in Vollzeit damit zu tun gehabt, das von den Fischern gesammelte Plastik mühevoll zu säubern und zu sortieren. Der Großteil davon ist schon zu beschädigt, um auf herkömmlichem Wege recycelt zu werden. Dieser Teil wird geschreddert und bei lokalen Bauprojekten genutzt, um den Asphalt für Straßen zu verstärken. Der Erlöse – zusammen mit den finanziellen Zuschüssen der Regierung – decken das Gehalt der Frauen ab, das etwa 350 Rupien oder 4,35 Euro am Tag entspricht. Noch trägt sich das System nicht selbst, aber Mathias hofft, dass es nächstes Jahr so weit sein wird.

“Wir haben für dieses Unterfangen so viele Gruppen so schnell mit eingespannt“, sagt er. Am stolzesten ist der aber auf die Tatsache, dass es ein Projekt ist, das von ihnen kommt, „von den Fischern“.

Sie haben bereits einer Reihe von Fischergemeinden – darunter auch den zuvor erwähnten Muscheltauchern – in der Nähe dabei geholfen, die Finanzierung für ihre eigenen Programme zum Sammeln und Recyceln von Plastik zu organisieren. Bald schon, sagt er, werden Fischer „in ganz Kerala, Indien und der Welt mitmachen“.

Das ist nicht gerade eine bescheidene Aussage, aber seine Zuversicht sei nicht unbegründet, wie Sabine Pahl sagt, eine Psychologin der International Marine Litter Research Unit der University of Plymouth im Vereinigten Königreich. Pahl erforscht, wie man Menschen am besten dazu bringen kann, sich besser um den Planeten zu kümmern. Ihr zufolge macht es nicht nur Sinn, Fischergemeinden bei der Bekämpfung der Meeresverschmutzung zu involvieren, sondern hat bereits in der Vergangenheit funktioniert. Seit 2009 rekrutiert die nordeuropäische Umweltgruppe KIMO Fischer aus dem Vereinigten Königreich, den Niederlanden, Schweden und Färöer für ein ähnliches Programm namens Fishing for Litter.

KETTENREAKTION

Das indische Programm könnte sogar noch mehr Potenzial haben, da “es die Fischer selbst sind, die die Initiative ergreifen”, so Pahl. Bei ihren Forschungen hat sie herausgefunden, dass die effektivsten Umweltinitiativen von Gemeinden selbst geführt und „intrinsisch motiviert“ sind – also von Altruismus und einer Liebe zur Natur und den Tieren.

“Das hat viel Einfluss, weil die Fischer auch in der besten Position sind, um den Rest der Gemeinde – ihre Familien, ihre Nachbarn – von den Gefahren des Plastiks zu überzeugen“, sagt sie.

Und genau das tun sie. Viele der Fischer im Hafen von Kollam sagen, dass die Menge an Plastik in ihren Netzen nach neun Monaten merklich abgenommen hat. Allerdings hoffen sie, den Fluss des Plastiks ins Meer schlussendlich ganz stoppen zu können. Aus diesem Grund haben alle 5.000 von ihnen gelobt, ihre eigene Plastiknutzung zu reduzieren oder wenigstens sicherzustellen, dass ihr Plastik in der Recyclinganlage endet und nicht im Meer. Mathias und Xavier sagen, dass sie auch nichts dagegen haben, Leuten strategisch ein schlechtes Gewissen zu machen, um sie davon abzuhalten, die Umwelt zu verschmutzen.

“Ich sage ihnen: Wenn ihr das Meer weiter mit Plastik verschmutzt, […] zerstört das die Lebensgrundlage für uns als Fischer”, sagt Mathias. Ihm zufolge wirkt das fast immer.

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