Woraus besteht der Große Pazifikmüllfleck wirklich?

Plastikflaschen, Strohhalme und Verpackungsmüll machten einen überraschend geringen Anteil des Treibguts aus.Montag, 24. September 2018

Von Laura Parker
Der Meeresforscher Charles Moore hält eine Wasserprobe mit Treibgut aus dem Großen Pazifikmüllfleck hoch, den er 1997 entdeckte.

Der Große Pazifikmüllfleck (eng.: Great Pacific Garbage Patch) ist die weltweit größte Ansammlung von schwimmendem Müll – und vermutlich auch die bekannteste. Er befindet sich zwischen Hawaii und Kalifornien und wird oft als „größer als Texas“ beschrieben, obwohl er keinen einzigen Quadratmeter aufweist, auf dem man stehen könnte. Er ist entgegen häufiger Behauptungen auch nicht vom Weltraum aus sichtbar. 

Der Mangel an festem Boden hat ein Paar von Werbern aber nicht davon abgehalten, den Müllfleck zu einem tatsächlichen Ort zu erklären. Sie tauften die „Nation“ auf den Namen Trash Isles, registrierten den ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore als ersten „Bürger“ und reichten bei den Vereinten Nationen ein Gesuch ein, um als offizielles Land anerkannt zu werden. Dieser Werbegag hielt den Mythos des Müllflecks am Leben. 

Er wurde im Jahr 1997 von Charles Moore entdeckt. Der Yachtbesitzer segelte auf seinem Heimweg nach Los Angeles durch die Suppe aus Plastikflaschen und anderem Müll im Nordpazifikwirbel. Seinen Namen erhielt der Müllfleck schließlich von Curtis Ebbesmeyer. Der Ozeanograf aus Seattle ist für seine Expertise auf dem Gebiet der Meeresströmungen bekannt und hat auf dieser Basis mehrfach den Weg über Bord gegangener Fracht verfolgt, von gelben Gummienten bis hin zu Tennisschuhen von Nike. Derzeit ist der Große Pazifikmüllfleck auch das Ziel einer 32 Millionen Dollar teuren Säuberungskampagne, die 2013 von dem niederländischen Teenager Boyan Slat ins Leben gerufen wurde. Der mittlerweile 24-Jährige Unternehmer und Leiter von The Ocean Cleanup beschäftigt heutzutage ein Team aus mehr als 60 Leuten. 

Aber abgesehen davon waren lange Zeit nicht besonders viele Details über den Müllfleck bekannt. 

Woraus besteht der Fleck wirklich? 

Von den geschätzten 1,8 Billionen Plastikteilchen im Nordpazifikwirbel entfallen 94 Prozent auf Mikroplastik. Was die pure Masse angeht, machen diese winzigen Teilchen hingegen nur acht Prozent aus. Wie sich herausstellte, besteht ein großer Teil der 79.000 Tonnen Plastik im Wirbel aus Fischereiausrüstung. 

Eine umfassende Studie, die Slats Wissenschaftsteam im März in „Scientific Reports“ veröffentlichte, kam zu dem Schluss, dass die 79.000 Tonnen dem 4- bis 16-fachen der zuvor geschätzten Masse im Wirbel entsprechen. Die Forscher fanden auch heraus, dass 46 Prozent des Mülls auf Fischernetze entfallen. Ein Großteil des restlichen Mülls setzt sich aus anderer Fischereiausrüstung zusammen, darunter Seile, Plastikrohre aus der Austernzucht, Aalreusen und diverse andere Körbe und Käfige. Den Schätzungen der Wissenschaftler nach stammt etwa 20 Prozent des Treibguts von dem Tsunami, der 2011 die japanische Küste verwüstete. 

Der Ozeanograf Laurent Lebreton von The Ocean Cleanup ist der Hauptautor der entsprechenden Studie. Ihm zufolge wollte das Forschungsteam vor allem die größeren Teile im Wirbel auswerten. 

„Ich wusste, dass es dort eine Menge Fischereiausrüstung geben würde. Aber 46 Prozent waren unerwartet viel“, sagt er. „Erst dachten wir, dass sich der Anteil dieser Ausrüstung zwischen 20 und 30 Prozent bewegen würde. Von dieser Zahl [für Treibgut] geht man auch global aus – 20 Prozent von der Fischereiindustrie und 80 Prozent von Land.“ 

Geisternetze – also jene Netze, die entweder verloren gingen oder absichtlich zurückgelassen wurden – treiben ziellos im Meer und stellen eine Gefahr für Tiere wie Wale, Robben und Schildkröten dar. Jedes Jahr werden schätzungsweise 100.000 Meerestiere durch Plastikmüll verletzt, erdrosselt oder erstickt. 

The Ocean Cleanup arbeitet an einem System, welches einen Großteil der Fischereiausrüstung aus dem Wasser holen soll. Anfang September startete die erste Säuberungsanlage des Projekts von San Francisco aus soll in einigen Wochen den Großen Pazifikmüllfleck erreichen, um dort mit der Arbeit zu beginnen. 

„Das Interessante ist, dass mindestens die Hälfte des von ihnen untersuchten Treibguts nicht aus Haushaltskunststoffen besteht, um die sich die aktuellen Debatten größtenteils drehen, sondern aus Fischereiausrüstung“, sagt George Leonard, der Chefwissenschaftler der Ocean Conservancy. „Die Studie bestätigt, was wir schon wussten: dass aufgegebene und verlorene Ausrüstung eine wichtige Ursache für den Tod zahlreicher Tiere ist. Wir müssen die Konversation über Plastik ausweiten, um sicherzustellen, dass wir auch diesen Teil des Problems lösen.“ 

Marcus Eriksen, ein Experte für Treibgut und Mitbegründer des 5 Gyres Institute, gibt allerdings auch zu bedenken, dass die Studie sich nur auf örtlich begrenzte Erhebungen stützt. Dadurch sei es schwer, den vollen Umfang des Müllflecks zu erfassen. Allerdings seien die Daten laut ihm insofern signifikant, als dass sie die große Ansammlung von Fischereiausrüstung zeigen. 

Dieses tote Albatrosküken wurde mit Plastik im Magen auf dem Midway-Atoll im Nordwesten Hawaiis gefunden.

Ein Meer aus Plastik? 

Die Studie über den Großen Pazifikmüllfleck erschien fast zeitgleich mit einem Bericht aus Großbritannien, demzufolge sich die Plastikverschmutzung in den Meeren bis 2025 verdreifachen könnte, sofern keine „beträchtlichen Reaktionen“ erfolgen, um den Abfluss des Plastiks vom Land ins Meer zu verhindern. Der Bericht erklärte die Plastikverschmutzung zu einer der größten Umweltgefahren für die Meere, gleich neben dem Anstieg des Meeresspiegels und dem sich erwärmenden Meerwasser. 

Für die Studie wurden im Oktober 2016 zwei Luftbildvermessungen durchgeführt, aus denen insgesamt 7.000 Bilder hervorgingen. Weiterhin fanden 652 Probeentnahmen von der Wasseroberfläche statt, die im Juli, August und September 2015 von insgesamt 18 Schiffen durchgeführt wurden. 

Aus diesen Proben ergab sich dann auch ein Gesamtbild. 

Fünfzig der gesammelten Plastikteile hatten noch ein lesbares Produktionsdatum: Eines stammte von 1977, sieben aus den 1980ern, 17 aus den 1990ern, 24 aus den 2000ern und eines von 2010. Zudem fanden die Forscher 386 Teile mit lesbaren Worten oder Sätzen in neun verschiedenen Sprachen. 

Auf einem Drittel der Objekte prangten japanische Schriftzeichen, auf einem anderen Drittel chinesische. Das Herstellungsland war auf 41 der Gegenstände lesbar und zeigte, dass sie aus insgesamt zwölf verschiedenen Ländern stammten. 

Die Studie kam auch zu dem Schluss, dass die Plastikverschmutzung „exponentiell zunimmt“.  Man vermutet, dass sich ein großer Teil des weltweiten Treibguts in Küstennähe befindet. 

Leonard war von dem Umfang der Studie beeindruckt. „Das ist solide Wissenschaft“, sagt er. „Aber gleichzeitig ist es in diesem Bereich auch so, dass wir mehr Plastik finden, je genauer wir hinsehen.“ 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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