Qualvoll verendet: Junger Wal fraß 40 Kilogramm Plastik

Vermutlich verhungerte und verdurstete das Tier, da sich das Plastik in seinem Magen verdichtet hatte.Tuesday, March 19, 2019

Von Alejandra Borunda
Forscher holten 40 Kilogramm Plastik aus dem Magen eines jungen Curvier-Schnabelwals, der am 16. März im Golf von Davao vor den Philippinen verendete. Das Tier verhungerte aufgrund der großen Plastikmenge in seinem Magen.

Am Samstag erhielten die Kuratoren des Naturkundemuseums in Davao auf den Philippinen einen Anruf der örtlichen Marineagentur: Ein ausgemergelter Wal würde im Golf von Davao Blut erbrechen, in Schräglage schwimmen und sehr wahrscheinlich bald sterben. Sie sollten vorbeikommen und den Kadaver mitnehmen.

Darrell Blatchley, ein Experte für Meeressäuger und der Kurator des D’Bone Collector Museum in Davao, brachte das Tier ins Labor, um eine Nekropsie durchzuführen. Was er fand, schockierte selbst ihn: Der Magen des Tiers war mit 40 Kilogramm Plastik vollgestopft.

„Das Plastik barst geradezu aus seinem Magen“, sagte er. „Wir zogen die erste Tüte raus, dann die zweite. Als wir beim sechzehnten Reissack angekommen waren – zusätzlich zu den Plastiktüten, Snackverpackungen und wirren Knäueln aus Nylonseil –, dachten wir nur noch: ernsthaft?“

Sein Sohn, der der Nekropsie beiwohnte, fragte: „Dad, wie hat er überhaupt so lange gelebt?“

Der Plastikmüll hatte sich im Magen des Wals so sehr verdichtet, dass er sich „so hart und kompakt wie ein Baseball“ anfühlte, beschrieb er – nur um ein Vielfaches größer, eher wie zwei sehr dichte Basketbälle aus Müll, die etwa acht Prozent des Körpergewichts des jungen Schnabelwals ausmachten. Ein Teil des Mülls war so lange in seinem Magen gewesen, dass er bereits begonnen hatte zu kalzifizieren.

Der junge Curvier-Schnabelwal – ein etwa 4,5 Meter langes und 500 Kilogramm schweres Männchen – verhungerte und verdurstete vermutlich durch die enorme Menge an Plastik in seinem Magen. Wale absorbieren Wasser aus ihrer Nahrung. In seinem Darm fand sich aber kein Anzeichen dafür, dass es in den vergangenen Tagen irgendwelche Nahrung in seinen Verdauungstrakt geschafft hatte. Sein Körper zerstörte sich von innen heraus selbst: Die Magensäure, die das Plastik nicht zersetzen konnte, hatte stattdessen Löcher in die Magenwände gefressen.

Plastik-Epidemie

Da die Verschmutzung der Meere mit Kunststoffen immer mehr zunimmt, werden auch immer mehr große Wale, Delfine, Vögel und Fische gefunden, die durch den Verzehr von Plastik ihren Tod fanden. Wissenschaftler schätzten 2015, dass etwa 90 Prozent aller Meeresvögel bereits einmal Plastik verzehrt haben, und Schätzungen der UNESCO zufolge sterben jedes Jahr 100.000 Meerestiere durch den Plastikmüll im Meer.

Die Todesursachen sind dabei verschieden. Manchmal – wie auch im aktuellen Fall des Wals – verstopft Plastik den Magen, sodass keine Nahrung mehr hindurchgelangen kann. Mitunter können spitze Ecken des Mülls aber auch innere Organe punktieren.

In den meisten Fällen reicht die Menge an verschlucktem Plastik nicht aus, um ein Tier zu töten, sagt Matthew Savoca. Der Walexperte aus Stanford beschäftigt sich mit dem Problem der Plastikverschmutzung. Allerdings können sich die Folgen auch über längere Zeit bemerkbar machen, selbst wenn nur ein bisschen Plastik im Magen stecken bleibt und dort wertvollen Platz wegnimmt. „Wenn man Tag für Tag zehn Prozent weniger Kalorien als sein Nachbar aufnimmt, summiert sich das“, so Savoca.

„Im Grunde finden wir Plastik überall dort, wo wir nachsehen“, erklärt er. „Mittlerweile sehen wir sogar, dass unser Müll an Orte gelangt, an denen wir Menschen nie gewesen sind. Aber nicht nur das – die Tiere fressen unseren Müll auch.“

Besonders die Gewässer rund um die Philippinen sind für Meerestiere tückisch. Das Land zählt zu den weltweit größten Verursachern von Plastikmüll; viele seine Wasserwege quellen vor Unrat geradezu über.

Zwar gibt es dort zahlreiche Gesetze, die darauf abzielen, die Müllmengen zu reduzieren, aber mit der Durchsetzung war man bislang eher nachlässig. Zudem ist die Logistik der Abfallbeseitigung in einem Land mit mehr als 7.000 Inseln eine echte Herausforderung, und in Plastik verpackte Produkte sind allgegenwärtig.

Im nahegelegenen Golf von Davao hat Blatchley bereits 61 tote Wale geborgen. Von diesen, so schätzt er, starben etwa 45 durch verschlucktes Plastik. Ihm zufolge wird das Problem in der Region durch die intensive Fischerei noch verschärft, denn dadurch steht den Walen nur eine begrenzte Nahrungsmenge zur Verfügung. Wenn die Tiere hungrig sind, steige die Wahrscheinlichkeit, dass sie versuchen, umherschwimmendes Plastik zu fressen.

„Es ist einfach tragisch, dass es zur Normalität wird, damit zu rechnen, dass diese Wale eher an Plastik als an natürlichen Ursachen sterben“, sagt Savoca. „Wir verlieren sie schneller, als sie lernen können, kein Plastik zu fressen.“

National Geographic hat sich dem Kampf gegen die Plastikverschmutzung verschrieben. Auf natgeo.org/plastics erfahrt ihr mehr über unsere gemeinnützigen Aktivitäten. Erfahrt, was ihr selbst tun könnt, um euren Verbrauch von Einwegplastik zu senken und macht mit.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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