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Ein Leben auf Rädern: Amerikas Nomaden des 21. Jahrhunderts

Ungleichheit, Altersarmut und Unzufriedenheit treiben immer mehr US-Amerikaner dazu, einen Schritt ins Unbekannte zu wagen: Sie verkaufen ihr Haus und fahren auf der Suche nach Jobs im Wohnmobil durchs Land. Für viele ist das ein Weg in die Freiheit.

Veröffentlicht am 30. Juni 2021, 11:36 MESZ, Aktualisiert am 30. Juni 2021, 18:51 MESZ
Immer mehr US-Amerikaner werden zu modernen Nomaden und fahren in RVs durchs Land, um saisonale Arbeit ...

Ein Leben im Wohnwagen: Immer mehr US-Amerikaner werden zu modernen Nomaden. Sie haben weder Haus noch Wohnung, sondern fahren in RVs durchs Land, um saisonale Arbeit zu suchen.

Bild 20th Century Studios

Quartzsite im US-Bundesstaat Arizona ist einer dieser Orte, auf denen Klischees gebaut werden: Die knapp 3.800 Einwohner zählende, verschlafene Kleinstadt streckt ihre Ausläufer zu allen vier Seiten einer Schnellstraßen-Kreuzung in die Wüstenlandschaft. Die eingeschossigen Einfamilienhäuser stehen mit großzügigem Abstand versprengt zwischen kleinen Palmen, die verloren die Ortsstraßen säumen. Erbarmungslos brennt die Sonne auf Dächer, Asphalt und den steinigen Boden. Touristisches Highlight: ein Museum, das Kaugummipapier aus aller Welt ausstellt.

Aber Quartzside hat neben Hitze und Sand noch etwas im Überschuss: öffentliches Land. Die weitläufigen kostengünstigen Parkflächen sind einer der Gründe, warum sich dort das Rubber Tramp Rendezvous etabliert hat – faktisch das Wohnmobil-Treffen der USA schlechthin, das mitunter auch etwas abfällig als „Spring Break for Seniors“ bezeichnet wird. In den Wintermonaten, in denen die Temperaturen auf erträgliche 18 °C fallen, rattern deshalb zehntausende von Wohnmobilen – auch RVs genannt (eng. für recreational vehicle) – aus allen Himmelsrichtungen in das staubige Städtchen, das praktisch von diesem Tourismus lebt.

Wer sind all diese Leute?

Lebensmodell Workamping

Die meisten der RV-Camper, die sich in Quartzside versammeln, sind keine Urlauber. Sie leben das ganze Jahr in ihren Wohnmobilen und durchqueren die USA auf der Suche nach Arbeit oder einem malerischen Stellplatz in der Natur. Wer Glück hat, findet beides in einem.

Es ist eine zunehmend heterogene Szene, in der Senioren im Rentenalter ebenso zu finden sind wie junge Familien und Digital Natives. Einer der bekanntesten von ihnen ist wohl Bob Wells. Er betreibt eine Website namens Cheap RV Living und seit 2015 einen gleichnamigen YouTube Channel, um Tipps zum Leben im Wohnmobil zu geben. Außerdem ist er der Mann hinter dem Rubber Tramp Rendezvous in Quartzside, das 2010 mit überschaubaren 45 Teilnehmern startete.

Zum Nomaden wurde er 1995. Da verschlechterte sich seine finanzielle Situation nach einer Scheidung so dramatisch, dass er sich weder Haus noch Mietwohnung leisten konnte. Also kaufte er sich von seinen letzten 1.500 Dollar ein Wohnmobil. „Am Anfang war das schwer für mich. Aber dass ich nicht mehr jeden Monat Miete zahlen musste, fand ich klasse!“, erzählt Wells, der mittlerweile Mitte Sechzig ist und immer noch in seinem RV lebt. „Der Van hatte eine ordentliche Größe und schon bald mochte ich ihn wirklich gern. Ich sah es als Abenteuer an – und als großartigen Weg, um Geld zu sparen.“ Mittlerweile ist Wells eines der Urgesteine der RV-Szene.

Bob Wells (Mitte) gibt RV-Einsteigern und alten Hasen auf seinem YouTube-Kanal Tipps zum Leben als Nomade.

Bild 20th Century Studios

„Mit der Großen Rezession 2008 wurde meine Website geradezu mit Leuten überschwemmt, die Hilfe brauchten“, erinnert er sich. Unzählige US-Amerikaner verloren damals durch die weltweite Finanzkrise ihren Job und ihre Altersvorsorge, die sie in Aktien investiert hatten. Die Immobilienblase platzte – und mit ihr etliche Hauskredite.

Anstatt weiterhin teures Geld für ein festes Dach über dem Kopf auszugeben, beschlossen viele Menschen deshalb, es mit einem anderen Lebensmodell zu versuchen: In Wohnmobilen oder umgebauten Sprintern reisten sie durchs Land auf der Suche nach temporären Jobs. Dieses Workamping (vom engl. working + camping) war kein neues Phänomen, aber die Finanzkrise bescherte ihm mächtig Zulauf.

Amazons Arbeiternomaden

Amazon kam die Verstärkung gerade recht. Schon seit Mitte der 2000er hatte das Onlineversandunternehmen zunehmend Probleme, ausreichend saisonale Arbeitskräfte für die umsatzstärkste Zeit des Jahres von Oktober bis Dezember zu finden. Mit der Amazon CamperForce warb man gezielt um die sogenannten RVler für die Arbeit in den gewaltigen Fulfillment Centern, wie Amazon seine Warenhäuser auch nennt.

Auf den ersten Blick scheint es für alle Beteiligten ein guter Deal zu sein. Amazon muss die Workamper nicht fest anstellen und spart dadurch Geld. Dafür zahlt das Unternehmen mehr als den Mindestlohn, was für viele RVler eine willkommene Abwechslung ist. Allerdings sind gerade die Jobs in den Lagerhäusern echte Knochenarbeit. Mitarbeitende laufen bis zu 25 Kilometer am Tag, um Waren aus dem riesigen Regallabyrinth für den Versand zu sammeln. Die körperliche Belastung ist gerade für ältere Menschen enorm.

An Arbeitsangeboten mangelt es den saisonalen Arbeitskräften, die ihre eigene Unterkunft mitbringen, aber auch andernorts nicht in den USA. Sie unterstützen Landwirte bei der Ernte, kümmern sich in Ferienanlagen um die Pflege von Pools und Grünanlagen, arbeiten an den Kassen von Supermärkten und Souvenirläden in Nationalparks, beaufsichtigen Campingplätze und vieles mehr. Ist die Saison nach einigen Wochen vorbei, nehmen sie ihren paycheck und verschwinden.

Viele Nomaden wie Bob Wells, Charlene Swankie und Linda May genießen vor allem die Freiheit und Selbstbestimmtheit, die ihnen ihre Lebensweise ermöglichen.

Bild 20th Century Studios

Gemeinschaft der Straße

Wells glaubt, dass gerade diese Umstellung am Anfang vielen Neulingen schwerfällt. „Unsere Zivilisation ist auf Zeitplänen und Produktivität gebaut, und auf dem Ethos, dass man ein braver, produktiver Bürger sein muss. Wenn man plötzlich nur noch die Hälfte des Jahres arbeitet oder an vier statt fünf Tagen, greift das das eigene Bewusstsein als guter, produktiver Bürger an“, sagt er. Für viele Leute sei das ein ziemlicher Schock. „Manche geraten in eine Identitätskrise oder haben das Gefühl, kein produktives Mitglied der Gesellschaft mehr zu sein, wenn sie nicht jede freie Minute arbeiten.“

Wenn man diesen Schock erst mal überwunden habe, sagt er, falle plötzlich aller Stress von einem ab und man könne seine eigene Menschlichkeit wiederentdecken. Auch wenn die RVler arbeiten müssen, um ihre Stellplätze, Reparaturen und Lebensmittel zu bezahlen, ist es genau dieses Lebensgefühl, das viele jahre- oder jahrzehntelang auf der Straße hält: Freiheit, die Nähe zur Natur und die Gemeinschaft, die sie finden.

All das entdeckte auch Charlene Swankie für sich. Als Alleinerziehende ohne höheren Bildungsabschluss oder Ausbildung war ihre finanzielle Lage nie gut. Obwohl sie später mehrere College-Abschlüsse machte, fand sie keinen guten Job. Stattdessen häuften sich ihre gesundheitlichen Probleme, von Migränen bis zu einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD). „Irgendwann nahm ich für jeden Körperteil irgendein Medikament“, erzählt sie.

Ihr Entschluss im Jahr 2008, ihr altes Leben hinzuschmeißen und in einem Van durch die USA zu fahren, sei das Beste, was ihr je passiert ist. „Ich war nie im Leben glücklicher und ich hatte noch nie so viel verfügbares Einkommen“, sagt die heute 76-Jährige. Die viele frische Luft und die Bewegung – Swankie hat alle 50 Bundesstaaten der USA mit dem Kajak erkundet – ließen ihre gesundheitlichen Probleme praktisch verschwinden. Aber ebenso wichtig war für sie die Familie, die sie unterwegs fand und zu der auch Bob Wells gehört.

Sie lernte ihn vor zehn Jahren über seine Website kennen und er half ihr dabei, ihr Belüftungssystem zu installieren. „Er hat sechs Stunden lang unter der heißen Wüstensonne mit mir gearbeitet. Er stand auf einer kurzen Leiter, reichte mir Werkzeuge, gab mir Ratschläge und sah zu, wie ich ein Loch in das Dach meines Vans fräste.“

Diesen Zusammenhalt und Gemeinschaftssinn vermitteln Wells und Swankie auch in „Nomadland“. Der Film, der auf dem gleichnamigen Buch von Jessica Bruder basiert, ist eine Reise in die Welt von Amerikas modernen Nomaden. Die Hauptfigur Fern (gespielt von Frances McDormand) begegnet im Verlauf der Handlung neben der echten Nomadin Linda May, auf der ihre Figur basiert, auch Bob Wells und Charlene Swankie, die allesamt sich selbst spielen und den Großteil der Dialoge frei improvisieren.

Auch May hat ein arbeitsreiches Leben hinter sich, aber trotz Abschlüssen in Bautechnik und Baumanagement fand sie später keine richtige Anstellung mehr. Auf der Straße hingegen fand sie ein Leben, das sie gemeinsam mit ihrem Hund endlich wieder genießen konnte: unabhängig, selbstbestimmt und dennoch als Teil einer extrem solidarischen Gemeinschaft.

 „Nomadland“ kommt am 1. Juli 2021 in die Deutschen Kinos. Tickets für den Film findet ihr hier.

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