Sterben in der Ostsee: Ist der Dorsch noch zu retten?

Früher Brotfisch, heute Rarität – trotz kommerziellem Fangverbot ist beim Dorschbestand in der westlichen Ostsee keine Besserung in Sicht. Wie selten der Fisch hierzulande inzwischen ist, mussten nun Forschende des Thünen-Instituts feststellen.

Ein einsamer Dorsch versteckt sich in einem Schiffswrack in der Ostsee. Früher wurden tonnenweise Dorsche aus der Ostsee gefischt, doch nachdem der Bestand im Jahr 2015 kollabierte, wurde der kommerzielle Fang verboten.

Foto von Joern / adobe Stock
Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 22. Nov. 2022, 08:48 MEZ

Ghadus morhua: Je nachdem, wo er schwimmt, trägt dieser Fisch unterschiedliche Namen. Exemplare aus dem Nordatlantik bezeichnet man als Kabeljau, in der Ostsee lebende als Dorsch. Dieser galt in der westlichen Ostsee traditionell als „Brotfisch“, weil er als häufig vorkommende Fischart den Fischern der Region das Einkommen und damit ihr „täglich Brot“ sicherte. Doch diese Zeiten sind schon seit Längerem vorbei. Der Dorsch verschwindet aus der Ostsee – und das bekommt nicht nur die Fischerei zu spüren, sondern auch die Forschung.

Forschungsprojekt ausgebremst

Obwohl der Dorsch für die Ostseeregion ökonomisch und ökologisch eine enorme Bedeutung hat, ist über seine Lebensweise und die Bestandsdynamik im Detail relativ wenig bekannt. Um diese Wissenslücken zu schließen, fiel im Juli 2021 der Startschuss zu einem bisher einzigartigen Projekt des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in Rostock.

Unter der Leitung des Fischereibiologen Dr. Uwe Krumme sollten in einem fünf Quadratkilometer großen Untersuchungsgebiet – dem sogenannten Telemetriefeld – in der westlichen Ostsee 120 Dorsche mit Sendern ausgestattet werden. Die so gesammelten Daten hätten für den Bestandsschutz wichtige Erkenntnisse zu Verhalten und Lebensraumnutzung der Fische liefern können. Hätten, denn es mangelt an etwas Grundlegendem: geeigneten Dorschen.

Im Herbst 2021 begann das Forschungsteam in dem Gebiet mit dem Dorschfang. Damit ein Fisch mit einem Sender versehen werden kann, muss er mindestens 40 Zentimeter lang sein. Nach über einem Jahr Projektlaufzeit ist das Zwischenergebnis ernüchternd: Bisher wurde erst ein geeigneter Dorsch – ein Weibchen mit einer Körpergröße von 50 Zentimetern, das im Januar 2022 gefangen wurde – markiert.

Maßlose Überfischung: Kommt die Fangquote zu spät?

Die Wurzel des Problems ist zweifellos die Überfischung. Theoretisch kann ein Dorsch ein Alter von 25 Jahren, ein Gewicht von bis zu 50 Kilogramm und eine Länge von 1,5 Metern erreichen. Doch die meisten werden im großen Stil mit Grundschleppnetzen aus dem Meer gefischt, bevor es soweit ist. Im Jahr 2015 führte das zum Kollaps des Dorschbestands in der Ostsee, als der Elternbestand – auch Laicherbiomasse genannt – unter den kritischen Referenzwert fiel.

Der einzige bessere Nachwuchsjahrgang im Jahr 2016 wurde in den Jahren 2018 bis 2020 prompt wieder abgefischt. Seitdem verharrt die Laicherbiomasse auf einem historisch niedrigen Niveau. „Die fehlenden Dorsche vermeiden also nicht unser Telemetriefeld oder die Mecklenburger Bucht – sie sind einfach zahlenmäßig so selten, dass es derzeit wenig wahrscheinlich ist, viele davon zu fangen“, erklärt Krumme. „Das ist eine Situation, die vor fünf oder zehn Jahren niemand für möglich gehalten hätte.“

Seit dem Jahr 2022 dürfen Dorsche in der westlichen Ostsee nicht mehr kommerziell gefischt werden. Beim Beifang – wenn ein Dorsch etwa bei der Plattfischfischerei nach Scholle oder Flunder zufällig ins Netz geht – ist eine Quote von 490 Tonnen pro Jahr gestattet. Angler dürfen pro Tag nur einen Dorsch fangen, wenn es ihnen überhaupt gelingt, einen an den Haken zu bekommen.

Aber reichen diese Maßnahmen aus, um den Dorsch in der westlichen Ostsee zu retten? Trotz nachlassendem Fischereidruck hat sich der Bestand nicht merklich erholt – das zeigt der frustrierende Verlauf des Sender-Projekts des Thünen-Instituts deutlich. Uwe Krumme begründet diesen Umstand damit, dass die Überfischung inzwischen bei Weitem nicht das einzige Problem für den Dorschbestand sei. „Während die Markierungskampagne nur langsam anlief, zeigten die ozeanographischen Daten alarmierende Ergebnisse, die das Fehlen von Dorschen in diesem Gebiet teilweise erklären könnten“, sagt er, und meint den Klimawandel und die Überdüngung durch die Landwirtschaft.

Gefahr durch Hitze und Überdüngung

In den Sommermonaten wurde das Oberflächenwasser in dem untersuchten Gebiet zu heiß, um den Dorschen, die niedrige Temperaturen von null bis fünf Grad Celsius bevorzugen, einen Lebensraum bieten zu können. In die darunterliegenden Wasserschichten konnten die Bodenfische nicht ausweichen, weil hier der Sauerstoffgehalt zu niedrig war. Der Grund: Dünger, der in der küstennahen Landwirtschaft zum Einsatz kommt und über Bäche und Flüsse in die Ostsee abfließt und ein übermäßiges Algenwachstum verursacht. Sinken die Algen auf den Boden, werden sie von Bakterien zersetzt, die den Sauerstoff im Wasser verbrauchen.

„Im Sommer werden die Dorsche also von warmem Oberflächenwasser und sauerstoffarmen Wasser in der Tiefe in die Zange genommen“, erklärt Krumme. In dieser Phase bliebe ihnen als Lebensraum nur ein schmaler Streifen zum „Übersommern“.

Die Regulierung der Fischerei und der Einsatz von dachlosen Schleppnetzen, die ab 2023 den Dorsch-Beifang reduzieren sollen, sind wichtige Schritte, um den Bestand zu schonen. Möglicherweise kommen diese Hilfen für den stark angeschlagenen Dorschbestand in der westlichen Ostsee aber zu spät. „Die Managementmaßnahmen von Fischereiseite gelangen langsam an ein Ende, so dass die Zukunft des Bestandes hauptsächlich von den Umwelteinflüssen bestimmt wird“, sagt Uwe Krumme. „Für den Dorsch wirken Erwärmung, Überdüngung, Sauerstoffmangel und verringerte Starkwindereignisse negativ zusammen“. Eine kurzfristige Besserung der Situation hält er deswegen für wenig wahrscheinlich.

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