Tiere

Wilde Orgien lassen männliche Schlangen schneller altern

Laut einer neuen Studie führt der intensive Konkurrenzkampf bei der Fortpflanzung womöglich zu kürzeren Lebensspannen der männlichen Rotseitigen Strumpfbandnattern im Vergleich zu Weibchen. Donnerstag, 9 November

Von Jason Bittel

In Manitoba, Kanada kommen gerade Tausende von Rotseitigen Strumpfbandnattern aus ihren Winterquartieren, um sich in gewaltigen, schlängelnden Knäueln zu paaren.

Während diese bizarre Fortpflanzungsstrategie so aussieht, als könnte sie für die Weibchen gefährlich sein, die jeweils bis zu 100 Männchen gleichzeitig haben, die sich mit ihr zu paaren versuchen, deutet eine neue Studie der Fachzeitschrift „Proceedings B“ der Royal Society darauf hin, dass es die Männchen sind, die auf lange Sicht den größten Schaden nehmen.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die männlichen Schlangen dieses erbitterte Fortpflanzungsinvestment mit verkürzten Telomeren bezahlen, die das Ende von Chromosomen bilden“, sagt Emily Uhrig, eine Verhaltensökologin, die an der Studie mitgeschrieben hat, während sie ihren Doktor an der Oregon State University macht.

„Die Männchen haben deutlich kürzere Telomere als die Weibchen und auch eine kürzere Lebensdauer.“  

DAS LEBEN IST NICHT EINFACH

Wenn Rotseitige Strumpfbandnattern im Frühling erwachen, sind sie im Grunde schon am Verhungern. Das mag auch der Grund sein, warum Weibchen nur ein paar Tage in diesen Paarungsbällen verbringen, bevor sie sie auf der Suche nach Nahrung verlassen. Aber für die Männchen hat die Fastenzeit gerade erst begonnen.

Nachdem sie mehr als die Hälfte des Jahres im Winterschlaf verbracht haben, verzichten die männlichen Strumpfbandnattern für weitere zwei bis vier Wochen auf Nahrung, damit sie bereit für die Weibchen sind, sobald diese ihre Schlupflöcher verlassen. Wenn schließlich alles vorbei ist, werden die Männchen etwa acht Monate ohne Nahrung verbracht haben.

Zusammen mit dem Umstand, dass die Männchen eine enorme Menge an Energie verbrennen müssen, um all die anderen Männchen auszustechen, funktionieren die armen Kerlchen quasi völlig „auf leeren Magen“ bei dem letzten verzweifelten Versuch, ihre Gene weiterzugeben, sagt Uhrig.

Wenn die Weibchen dieselbe Menge an Energie wie Männchen aufbringen müssten, hätten sie vielleicht nicht genug übrig, um noch Eier zu produzieren. Daher scheinen ihre Körper eine etwas gemäßigtere, langfristige Strategie zu verfolgen, indem sie jeden Frühling nur ein paar Tage für die Paarung investieren und das Sperma für bis zu zwei Jahre aufbewahren und nach Bedarf benutzen.

Uhrig und ihre Co-Autoren stellten auch fest, dass Weibchen zwar mit dem Alter fruchtbarer werden, die furchtbarsten Jahre der Männchen jedoch auftreten, während sie noch jung und fit sind. Das könnte auch erklären, warum es die Populationen der Strumpfbandnattern nicht negativ beeinträchtigt, dass die Männchen mehrere Jahre vor den Weibchen sterben.

Der Biologe Michael Redmer vom U.S. Fish and Wildlife Service sagt, es sei schwer zu beurteilen, ob diese Erkenntnisse auch Rückschlüsse auf die Lebenserwartung anderer Schlangenarten zulassen, da solche Dinge dazu neigen zu variieren. Zudem gibt es zwischen Populationen derselben Art auch Unterschiede in der Anpassung an das Klima oder die bevorzugte Nahrung, insofern könnte das auch für die Lebensdauer zutreffen.

„Lebenszyklen lassen sich am besten bei Tieren untersuchen, deren Individuen man im Laufe ihres Lebens oft wieder einfangen und erkennen kann“, sagt Redmer, „daher gibt es viel, das wir über den Lebenszyklus von Schlangen noch nicht wissen.“

DIE GEFAHREN DER LIEBE

Die Rotseitige Strumpfbandnatter ist bei Weitem nicht das einzige Tier auf der Welt, das seine Langlebigkeit zugunsten einer erfolgreichen Fortpflanzung opfert.

Männliche Gottesanbeterinnen und männliche Schwarze Witwen sind berüchtigt dafür, mitunter ihren Partnern zum Opfer zu fallen. Auch männliche Leuchtkäfer riskieren bei dem Versuch, ihre Gene weiterzugeben, als Snack für die Femmes fatales einer nahe verwandten Glühwürmchenart zu enden.

Ein kleines Beuteltier namens Breitfuß-Beutelmaus ist dafür bekannt, dass die Paarung für die Männchen eine solche Belastung darstellt, dass deren Fell ausfällt, ihre Blutgefäße auslaufen und sie schließlich Wundbrand erleiden.

Aber Rotseitige Strumpfbandnattern fallen nach dem Ende der Paarungszeit nicht einfach tot um wie Lachse oder Heuschrecken. Stattdessen scheinen sie ihre Narben als unauslöschliche Male auf ihren Chromosomen zu tragen.

Auch wenn das nach einer schweren Last klingt, so ist der Stress der Paarungsbälle auf gewisse Art sicher manch anderer Möglichkeit vorzuziehen, auf die andere Schlangen Partner finden.

„Bei vielen Schlangenarten durchqueren die Männchen deutlich mehr Gebiete als die Weibchen, weil sie aktiv nach Partnern suchen“, sagt David Steen, ein Wildtierökologe an der Auburn Universität. Diese Strategie macht sie zu leichterer Beute für Raubtiere und sorgt auch oft dafür, dass sie überfahren werden.

„Ich bin unentwegt fasziniert von der Vielzahl an Strategien, die Tiere entwickeln, um in extremen Umgebungen zu überleben und zu gedeihen“, sagt Steen.

„Die Ansammlungen der Rotseitigen Strumpfbandnattern in Kanada sind wahrhaft eines der unglaublichsten Naturspektakel.“

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