Tiere

Ohne Stau, dafür mit anderen Gefahren – auch Tiere pendeln

Nicht nur Menschen, sondern auch Reiher, Quallen und andere Tiere legen auf der Nahrungssuche täglich längere Strecken zurück. Freitag, 27 Oktober

Von Liz Langley

Euer Weg zur Arbeit und zurück ist vielleicht lästig, aber wenigstens müsst ihr euch dabei nicht mit blutsaugenden Parasiten rumschlagen.

Der Französische Grunzer, eine tropische Fischart, die im Atlantik heimisch ist, ist „einer der großen Macher des [Korallen-]Riffs“, sagt Paul Sikkel, ein Meeresbiologe an der Arkansas State University.

Die Art zieht täglich von den Korallenriffen zu reichhaltigen Seegraswiesen und kehrt erst am Morgen wieder in die Riffe zurück. (Im Gegensatz zu den meisten Fischen, die vertikale Wanderbewegungen haben, migrieren die Grunzer auf horizontaler Ebene durch den Ozean.)

Während sie bis zu einem Kilometer weit durch das Wasser ziehen, sind sie extrem anfällig für den Befall durch winzige, parasitische Krebstiere aus der Familie der Gnathiidae.

Da Gnathiidae tagsüber im Riff nicht besonders aktiv sind, hat sich Sikkel gefragt, ob die Fische vielleicht nachts reisen, um den Parasiten aus dem Weg zu gehen, die für sie tödlich sein können.

Mit einem Experiment, dessen Ergebnis sie im März veröffentlicht haben, fanden Sikkel und seine Kollegen Hinweise darauf, dass die Hypothese zutrifft: Die Grunzer, die nachtsüber im Riff bleiben mussten, hatten am Ende fünfmal mehr Parasiten als jene, die zu ihrer üblichen Zeit ihre Pendelstrecke schwimmen konnten. Zumindest für Grunzer sorgt das Pendeln also nicht nur für eine Mahlzeit, sondern auch für Schutz.

Es gibt aber noch ein paar andere Tiere, die tagtäglich ihr Zuhause verlassen, um ihre Brötchen zu verdienen.

BIOLUMINESZENTE LEBEWESEN

Selbst die kleinsten Meereslebewesen – das Plankton – können ziemliche Wellen schlagen. Die tagtägliche vertikale Migration des Planktons von den Tiefen des Meeres bis zur Oberfläche, wo die Organismen Nahrung aufnehmen, ist die größte ihrer Art – zumindest, was die reine Biomasse angeht.

Größere Meerestiere wie Fische können sich im offenen Meer nirgends verstecken. Daher müssen sie sich so unauffällig wie möglich machen, sagt die Meeresbiologin Edie Widder, Gründerin der Ocean Research and Conservation Association in Florida.

Aus diesem Grund erzeugen biolumineszente Lebewesen wie Krill, Tintenfische, Laternenfische und Drachenfische ihr eigenes Licht mit Hilfe von Leuchtorganen, die man auch Photophoren nennt. So können sie gewissermaßen unsichtbar werden. Wenn sie vor dem Hintergrund der hellen, sonnenbeschienenen Meeresoberfläche aufleuchten, verschwinden ihre Silhouetten für die Räuber, die in den Tiefen lauern und nach oben blicken.

„Biolumineszenz ist von entscheidender Bedeutung“ für diese Art der Tarnung, so Widder.

Ihre Leuchtorgane passen sich dem Sonnenlicht an, das durch das Wasser gefiltert wird. Dieser Prozess funktioniert so perfekt, dass sie ihre Biolumineszenz entsprechend herunterdimmen können, wenn sich eine Wolke vor die Sonne schiebt und das einfallende Licht trübt, sagt sie. „Das ist eine phänomenale Anpassung.“

Es gibt nur einen Haken.

Die Stärke des Sonnenlichts, das es bis ins Meer schafft, bestimmt auch, wie weit nach oben einige biolumineszente Arten tagtäglich wandern können. Sie „können sich nicht jenseits ihres eigenen Leuchtniveaus bewegen.“ Das bedeutet, dass sie meisten nicht zu nah an die Oberfläche schwimmen, wo es heller und sonniger ist, erklärt Widder.

Krill kann jedoch sehr helles Licht erzeugen, was es ihm ermöglicht, bis an die Oberfläche zu migrieren und „sich über das Dinner-Buffet herzumachen.“

DER KANADAREIHER

Die durchschnittliche Pendelstrecke in den USA variiert je nach Region, von weniger als acht Kilometern in Stockton-Lod, Kalifornien, bis zu 20,5 Kilometern in Atlanta, Georgia.  Der Kanadareiher kann das nachvollziehen.

Diese Vögel fliegen auf der Nahrungssuche entweder nur ein paar Meter oder bis zu 32 Kilometer weit von ihrem Nest weg, sagt Charles Eldermire. Er ist der Projektleiter für Vogelkameras im Labor für Ornithologie der Cornell Universität in Ithaca, New York.

Die Reiher jagen im Alleingang und fliegen auf der Suche nach Beute wie Schlangen, Fischen, Fröschen, Erdhörnchen und sogar kleinen Vögeln aus. Sie kehren tagsüber regelmäßig zu ihrem Nest zurück, wenn sie Jungtiere versorgen müssen. Aber selbst, wenn sie gerade nicht brüten, schlafen sie in Schwärmen von bis zu 100 Tieren. Diese Strategie dient zum Schutz vor Raubtieren, erklärt Eldermire.

Mit ihrer imposanten Flügelspannweite von bis zu zwei Metern müssen die Kanadareiher abgesehen von Weißkopfseeadlern nur wenige Räuber fürchten.

SCHIRMQUALLEN VON PALAU

Die Schirmquallen der Unterart Mastigias cf. papua ssp. etpisoni aus dem berühmten Quallensee Ongeim'l Tketau auf Palau sind gewissermaßen solarbetrieben.

Diese Quallen haben sogenannte Zooxanthellen – algenähnliche Organismen, die in ihrem Gewebe leben. Zooxanthellen benötigen Sonnenlicht, um Energie zu produzieren, daher folgen die Quallen im See täglich dem Lauf der Sonne am Himmel.

Wenn sie die gegenüberliegende Seite des Sees erreichen, machen die Quallen kehrt und folgen der Sonne nach Westen, während sie untergeht. Im Gegenzug versorgen die Zooxanthellen die Quallen mit einem Teil ihrer Energie und Nährstoffen.

Der Pendelverkehr ist allerdings stark zurückgegangen: In den letzten Jahren hat Dürre die Quallenpopulation in dem See stark dezimiert.

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