Tiere

Verkauf von Hundefleisch auf kontroversem Festival geht nun doch weiter

Tierschutzgruppen haben die Gerüchte über ein Verbot bereits mit Freuden vernommen – aber neue Videoaufnahmen deuten darauf hin, dass die Verkäufe weitergehen. Freitag, 27 Oktober

Von Michael Greshko

Ein berüchtigtes chinesisches Fest, bei dem jedes Jahr Tausende Hunde geschlachtet werden, hat nun doch kein Verbot für den Hundefleischverkauf erlassen, sehr zum Ärger von Tierschutzgruppen.

„Es ist wahrscheinlich, dass es in Yulin nun doch kein öffentliches Verbot für den Verkauf von Hundefleisch während der diesjährigen Sommersonnenwende geben wird“, sagte Irene Feng letzten Mittwoch. Sie ist die Direktorin für das Tierwohl von Katzen und Hunden bei Animals Asia. „Ich glaube aber, dass die Regierung genug hat und der weltweiten Assoziation von Yulin mit dieser Minderheitensitte des Essens von Hundefleisch ein Ende setzen will.“

Im Mai berichteten die Tierschutzgruppen Humane Society International und Duo Duo Animal Welfare Project erstmals, dass Regierungsvertreter in Yulin über ein Verbot des Hundefleischverkaufs auf dem Hundefleisch-Festival nachdachten.

Das Fest, das 2010 erstmals stattfand, erlangte über Nacht eine zweifelhafte Berühmtheit. Tierschutzgruppen in China und im Rest der Welt verurteilten das Ereignis, bei dem Tausende von Hunden und Katzen geschlachtet werden. Bei vielen von ihnen handelt es sich angeblich um Streuner oder gestohlene Haustiere.

Laut Aussage der Gruppen sollte das Verbot in Yulin den Verkauf von Hundefleisch ab dem 15. Juni untersagen – eine Woche vor dem Beginn des Festivals am 21. Juni. Angeblich hätten Leute, die sich dem Verbot widersetzen, mit Verhaftung oder einem Bußgeld von bis zu 14.700 Dollar rechnen müssen. (National Geographic konnte die Behauptungen der Gruppe leider nicht unabhängig bestätigen.)

Aktuelle Fotos und Videoaufnahmen lassen jedoch darauf schließen, dass Hundefleisch in Yulin noch immer leicht erhältlich ist.

In einem der Videos, das von Marc Ching aufgenommen wurde, sieht man einen Spaziergang über Nanqiao, einen von Yulins Hundefleischmärkten. Ching ist Mitglied der Animal Hope and Wellness Foundation aus den USA.

In dem Video vom 16. Juni, das auf Facebook als Livestream lief, schwenkt er seine Kamera über Dutzende von Ständen voller Hundekadaver. Lebhafte Schilder bewerben „frisch geschlachtete schwarze Hunde“ und „lokal gezüchtete Möpse“. Der 16. Juni wäre eigentlich der zweite Tag des Verbots gewesen, wie Ching im Video anmerkt.

Zusätzliches Bildmaterial, das National Geographic von der Animal Hope and Wellness Foundation erhalten hat, zeigt einen Roller mit Hunden, die dicht an dicht in Käfige gesteckt wurden. In dem Video, das ebenfalls vom 16. Juni stammt, sagt Ching, dass der Roller auf seinem Weg nach Yulin ist.

„Das ist auch deshalb so schrecklich, weil normalerweise alle kämpfen und versuchen, Druck auf die Regierung auszuüben, damit diese etwas unternimmt. In diesem Jahr gab es das nicht. Die Leute dachten, es sei vorbei“, sagt Ching in dem Facebook-Video. „Selbst, als wir vor dem Kongress mit Abgeordneten über das Festival und H.Res.30 sprachen, sagten viele von ihnen:  Warum etwas durchdrücken, wenn das Festival passé ist?“

H.Res.30 ist eine Gesetzesvorlage, die von dem Kongressabgeordneten Alcee Hastings im Repräsentantenhaus eingebracht wurde. Es wäre eine offizielle Verurteilung des Yulin-Festivals durch die USA. In der Vorlage wird das Festival als „ein Spektakel extremer Tierquälerei“ bezeichnet. Darüber hinaus ermahnt sie den Nationalen Volkskongress von China, ein Gesetz gegen Tierquälerei zu erlassen, das auch den Handel mit Hundefleisch verbietet.

DAS VERBOT, DAS KEINES WAR

Peter Li von der Humane Society International erzählte National Geographic per E-Mail, dass seine Organisation und das Duo Duo Animal Welfare Project immer wieder Informationen darüber erhielten, dass das Verbot voranschritt. Kürzlich sei das Verbot aber zunehmend wieder gelockert worden, wie er unter Berufung auf lokale Quellen berichtet, die mit Hundefleischhändlern gesprochen haben.

Laut Li scheiterte das Unterfangen am 13. Juni, nachdem sich mehrere Hundefleischverkäufer mit Vertretern von fünf Ministerien in Yulin getroffen hatten.

„Bei dem Treffen drohten die Verkäufer der Regierung und protestierten gegen das Verbot. Sie fragten, ob die Regierung denn für sie und ihre Familien sorgen würde, wenn sie sieben Tage lang kein Hundefleisch verkaufen dürften“, so Li. „Die Verkäufer verlangten Entschädigungszahlungen für ihre Ausfälle.“

Als Reaktion darauf machte die Regierung von Yulin ihnen ein großes Zugeständnis. Anstatt den Verkauf von Hundefleisch ganz einzustellen, schlug die Regierung vor, dass die Verkäufer das Hundefleisch an ihren Ständen sieben Tage lang einfach nicht mehr sichtbar präsentierten. Nachfolgend erzählte Li am 19. Juni noch, dass die Verkäufer das Fleisch nun doch verkaufen dürfen, aber pro Verkäufer nicht mehr als zwei tote Hunde auslegen dürfen.

„Das ist eine traurige Entwicklung, dass sich die Behörden von Yulin den Interessen der Hundefleischverkäufer nun beugen“, fügt er hinzu. „Dieser Sinneswandel sendet eine sehr ungünstige Botschaft an die Verkäufer.“

Li sagt auch, dass die lokalen Behörden darauf hinarbeiten, die öffentliche Auslage von Hundefleisch zu verbieten. Er schickte National Geographic ein Video zu, das eine erhöhte Polizeipräsenz auf dem Nanqiao-Markt zu zeigen scheint. Die Aufnahme stammt vom 16. Juni.

Obwohl diverse Tierschutzgruppen übereinzustimmen scheinen, dass das Verbot nicht in Kraft gesetzt wurde, sind sich über Lis genauen Bericht nicht alle so einig. Valarie Ianniello, die geschäftsführende Direktorin der Animal Hope and Wellness Foundation, widerspricht Lis Bericht über das Treffen vom 13. Juni und bezeichnet vorherige Berichte über ein Verbot als „eindeutig nicht wahr“.

„Es scheint einfach immer schlimmer zu werden, nicht besser“, sagte sie und verweist auf den hohen Preis des Hundefleischs. Ein Pfund kostet laut Ianniello etwa 2 Dollar – das bietet einen starken finanziellen Anreiz für die Verkäufer, den Verkauf fortzusetzen.

Chinesischen Medienberichte zufolge, die von Radio Free Asia und Animals Asia zitiert wurden, bestreitet die Regierung von Yulin die Existenz eines Verbots.

NICHT ALLEIN

Tierschützer betonen, dass Yulin zwar ein besonders extremes Beispiel für die Grausamkeit des Hundefleischhandels ist – aber bei Weitem nicht das einzige.

Obwohl die öffentliche Meinung in China sich mittlerweile gegen das Essen von Hundefleisch gewendet hat – besonders unter jungen Menschen –, werden jährlich noch immer zehn Millionen Katzen und Hunde für den menschlichen Verzehr geschlachtet. Die Zahlen stammen von Schätzungen der Humane Society International.

„Die internationale Aufmerksamkeit, die sich eine Woche im Jahr auf Yulin richtet, wird zu einer Ablenkung von dem deutlich größeren Problem des alltäglichen Hundefleischhandels im ganzen Land“, sagt Feng. „Das ist das eigentliche Problem, und dafür braucht man einen konsistenten und ganzheitlichen Lösungsansatz – das kann nicht in einer Woche behoben werden.“

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