Eingezäunter Stadtpark ist ein Paradies für seltene Vogelarten

Ein Park in Wellington hat einen Zaun gegen Ratten, Hermeline und andere Raubtiere errichtet – und so seltene Vögel in die Stadt zurückgebracht.

Veröffentlicht am 30. Jan. 2018, 17:48 MEZ, Aktualisiert am 5. Nov. 2020, 06:20 MEZ
Kakas waren in Wellington einst lokal ausgestorben und sind nun wieder so zahlreich vertreten, dass sie ...
Kakas waren in Wellington einst lokal ausgestorben und sind nun wieder so zahlreich vertreten, dass sie einigen Einwohnern lästig werden.
Bild David Wall, Alamy

WELLINGTON, NEUSEELAND – Wir laufen einen steilen, bewaldeten Hang hinab, halten uns an den Bäumen fest und stemmen unsere Füße seitlich gegen Wurzeln. Wir haben den Pfad verlassen, aber Paul Ward, ein App-Designer und „lebenslanger Vogelnerd“, wie er sich bezeichnet, kennt den Weg.

Plötzlich treffen wir auf einen jungen blonden Mann mit Bart, der allein auf dem Boden sitzt. Fast wie in einer meditativen Trance starrt er einen selbstgebauten Nistkasten an.

Er verströmt einen gewissen Hipster-Flair und könnte gut und gern Musiker, Student oder beides sein. Aber in diesem Moment ist er einfach ein Freiwilliger für die Polhill Protectors. Die Gruppe aus Einwohnern Wellingtons hat sich der Aufgabe verschrieben, diesen Stadtpark namens Polhill Reserve zu einem sicheren Zufluchtsort für seltene heimische Vögel zu machen. Alle paar Wochen sitzt er eine Stunde lang vor dem Nistkasten, um festzustellen, ob er von Waldpapageien – auch Kakas genannt – genutzt wird.

Die Kakas der Nordinsel (Nestor meridionalis septentrionalis) sind große Papageien mit rötlichem und braunem Gefieder, die wundervolle Rufe und Lieder von sich geben. Als Ward – einer der Leiter der Protectors – ein Junge war, gab es nirgendwo im Umkreis von Wellington auch nur einen einzigen Kaka. Durch die Zerstörung ihres Lebensraumes und eingeführte Tierarten, besonders Hermeline, waren sie lokal ausgestorben.

Heutzutage gibt es Hunderte Kakas in Wellington. Sie scharen sich in den Gärten von Häusern zusammen und picken in Bäumen nach Insekten. Manche Einwohner Wellingtons betrachten sie eher als Plage, da sie historische Bäume beschädigen und Nägel aus Dächern ziehen.

Aber für die Protectors und andere Kiwis, wie sich die Einwohner Neuseelands nennen, ist die Rückkehr der Kakas und anderer heimischer Vogelarten nach Wellington ein ökologischer Triumph. Er begann im Jahr 2002, als 14 Kakas aus Zoos mitten in der Stadt in die Freiheit entlassen wurden – in einem ungewöhnlichen Tierschutzgebiet namens Zealandia.

EINE INSEL INMITTEN DER STADT

Vor etwa 85 Millionen Jahren trennte sich Neuseeland vom Superkontinent Gondwana – also noch bevor Säugetiere alle Ecken und Winkel der Welt eroberten. Daher gab es die längste Zeit auch keine Säuger auf Neuseeland, das stattdessen von einer Vielzahl von Vögeln bevölkert wurde. Vor etwa 800 Jahren trafen dann Menschen dort ein. Seitdem wurden – insbesondere seit der Ankunft der Europäer 1769 – Raubtiere wie Katzen, Ratten, Hermeline und Possums in die neuseeländischen Ökosysteme eingebracht, manchmal absichtlich, manchmal auch zufällig. Da die Vögel Neuseelands im Laufe ihrer Evolution keine Verteidigungsstrategien gegen solche Räuber entwickelt haben, war deren Ankunft ein harter Schlag für ihre Populationen. Viele Vogelarten leben heute nur noch auf abgeschiedenen Inseln.

Zealandia, das ehemalige Karori Wildlife Sanctuary, erstreckt sich in Wellington auf einer Fläche von 225 Hektar. Die Vögel, die sich in dem durch einen Sicherheitszaun abgetrennten Bereich vermehren, haben sich mittlerweile auch über die Stadt verteilt.
Bild Hemis, Alamy

Das ehemalige Karori Wildlife Sanctuary, das nun unter dem Namen Zealandia läuft, beschreibt sich selbst als „weltweit erstes vollständig eingezäuntes, städtisches Ökoschutzgebiet“. Es ist eine grüne, lebendige Insel inmitten der Stadt. Der Zaun kann sich sehen lassen: Er ist mehr als acht Kilometer lang und umgibt das 225 Hektar große Areal. Die knapp zwei Meter hohe Konstruktion hat 1,2 Millionen Dollar gekostet und verfügt über eine Art kleines Dach und ein engmaschiges Drahtnetz, das Ratten, Katzen, Hermeline, Possums und andere nicht-heimische Tiere fernhalten soll. Ein paar kleinere Gehege innerhalb des Schutzgebietes haben zusätzlich Zäune, deren Gitter engmaschig genug sind, um sogar Mäuse auszusperren.

Zealandia ist „die Umkehr des Stadtbegriffs als Wüste der Artenvielfalt“, sagt Danielle Shanahan, die Managerin für den Bereich Artenschutz und Forschung in Zealandia. In den späten 1990ern überredeten Mitglieder der Royal Forest & Bird Protection Society den Stadtrat von Wellington, ein ehemaliges Wasserreservoir in ein raubtierfreies Naturschutzgebiet umzuwandeln. Mit seinem Standort direkt in der Stadt wollte das Projekt den urbanen Neuseeländern die Vielfalt der seltenen und gefährdeten Vogelarten ihres Landes wieder näherbringen.

Mittlerweile besuchen mehr als 100.000 Menschen Zealandia jedes Jahr und lauschen den zahlreichen Vögeln: dem Zwergkiwi – einer der fünf Kiwiarten des Landes –, der flugunfähigen Takahe, dem Tui mit seinem zauberhaften Gesang und noch Dutzenden weiteren Arten.

Ich war während meines Besuchs besonders vom Langbeinschnäpper angetan. Nachdem Shanahan ein bisschen Dreck vom Weg gescharrt hatte, kam einer dieser furchtlosen kleinen Vögel sofort angeflogen und durchsuchte die Stelle nach leckeren Würmern. An seinen langen Beinen rasselten die farbigen Markierungsringe, mit deren Hilfe Zoologen die Vögel identifizieren können.

Aber Zealandia ist weit mehr als nur ein Zoo. Am spannendsten ist vermutlich der „Halo-Effekt“, den das Gebiet auf die umliegenden Bereiche hat, zu denen auch das Polhill Reserve zählt. Denn Zealandia mag zwar von einem Zaun umgeben sein, hat allerdings kein Dach. Und obwohl wir uns im Land der Kiwis befinden, können hier viele Vögel fliegen.

HILFREICHE MAMLS

Etwa 2006 – bevor die Papageien einigen Einwohnern lästig wurden – entdeckte Ward, der nach einem Jahrzehnt im Ausland gerade nach Neuseeland zurückgekehrt war, eines der Tiere beim Joggen in Wellington. Er wusste, dass sie neugierig sind, also hielt er ein Stück glänzendes Metall in die Richtung des Papageis – eine Münze oder einen Schlüssel, da ist er sich nicht mehr ganz sicher. Daraufhin flog das Tier herbei, um sich das Objekt näher anzusehen, und landete sogar auf seinem Arm. „Ich hatte noch nie einen jenseits einer Insel vor der Küste gesehen“, sagt er. „Ich war völlig baff.“

Voller Enthusiasmus fragte Ward sich, was er tun könnte, um diesen heimischen Vögeln aus Zealandia ein wenig Nachbarschaftshilfe zu leisten. 2013 trat er den Polhill Protectors bei, als diese sich gründeten, und fing in dem verwilderten Naturschutzgebiet am Rande von Zealandia Raubtiere mit Hilfe von Fallen ein. 2015 wurde er dann zum Co-Leiter der Gruppe.

Polhill umfasst etwa 70 Hektar bewaldeter Schluchten, die bei MAMLs beliebt sind – Wards Bezeichnung für Männer mittleren Alters in Lycra („middle aged men in lycra“) und eine Anspielung auf das englische Wort für Säugetiere: „mammals“. Während wir den Wanderwegen in Polhill folgten, mussten wir mehrfach Platz für fitte Männern in ihren Fünfzigern machen, die auf Mountainbikes an uns vorbeirasten. Viele dieser Biker und Jogger haben mittlerweile Schraubenschlüssel dabei, um die Fallen in den Büschen neben den Wegen zu überprüfen, in denen sich oft Ratten und Igel finden. In jeder Holzfalle befindet sich ein Köder aus Nutella oder Erdnussbutter – und auf der Falle selbst prangt das Symbol der Gruppe, der Vogelmann der Maori. Ward hat sich von dem Maori-Konzept „kaitiakitanga“ inspirieren lassen, das eine Art Verantwortlichkeit für den Schutz eines Gebiets, einer Art oder einer Sache bedeutet.

Die Wälder des Gebiets sind alles andere als unberührte Natur. Dort wächst eine bunte Mischung aus heimischen und importierten Pflanzen – was immer nach dem Ende des Ackerbaus in der Region eben nachwuchs. „Was auch immer hier einst war, ist nun verschwunden“, sagt Ward. „Es ist ein völlig neues Ökosystem.“

Einer der seltenen heimischen Vögel Neuseelands, ein Sattelvogel oder Tieke, singt in einem Wald auf der Nordinsel.
Bild Ondrej Pelanek, Alamy

Dennoch ist es ein Ökosystem, in dem die Vögel aus Zealandia leben und gedeihen können, solange die Protectors weiterhin genügend Raubtiere einfangen, um ihre Zahl so gering wie möglich zu halten. In dem Schutzgebiet nisten mittlerweile viele Vogelarten, darunter Kakas, Langbeinschnäpper und ein eleganter Singvogel mit einem roten Rücken, den man als Sattelvogel oder Tieke bezeichnet. Diese Sattelvögel waren auf der Südinsel einst komplett ausgestorben – bis sie in Zealandia wieder angesiedelt wurden. Während Ward und ich durch Polhill wandern, hören wir einen ihrer Rufe, der einen Ausdruck purer Glückseligkeit auf Wards Gesicht zaubert.

„Es ist wirklich cool, diese Vögel wieder zurück in einer belebten Umgebung zu sehen“, sagt er. „Polhill hat einen schöneren Sonnenaufgangschor als die meisten Nationalparks.“

Am Ende unseres Spaziergangs führt uns unser Weg aus dem Wald heraus auf einen Sport- und Spielplatz. Eine brandneue Fußballwand wurde von der lokalen Künstlerin Phoebe Morris gestaltet und zeigt einige der eingeführten Raubtiere, die die Polhill Protectors in ihren Fallen fangen. So können die Kinder zumindest symbolisch mit ihren Fußbällen auf die Tiere schießen. Für einen Außenseiter mag dieser Fokus auf das Töten seltsam, ungewohnt und sogar alles andere als ökologisch sinnvoll erscheinen. Aber in Neuseeland sind eingeführte Raubtiere der größte ökologische Feind überhaupt – im Gegensatz zu vielen anderen Orten auf der Welt, an denen der Verlust von Lebensraum meist das größte Problem darstellt.

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Zealandia, Polhill und weitere Projekte dieser Art haben die politischen Führer Neuseelands zu einem ambitionierten Ziel inspiriert: Bis 2050 sollen Ratten, Hermeline und Possums im gesamten Land ausgerottet sein. Die Kampagne mit dem Titel „Predator Free 2050“ ist den meisten Ökologen zufolge sehr ehrgeizig, aber sie scheint die Kiwis zu motivieren. Im ganzen Land haben sich Familien das Fallenstellen zum Hobby gemacht.

Shanahan ist ein großer Fan der Kampagne, obwohl sie ihren Namen und den Fokus auf das Töten der Raubtiere nicht so überzeugend findet. Sie hätte sich gewünscht, dass die heimischen Arten mehr im Vordergrund stünden. Schließlich sei das Fallenstellen und Töten nicht das große Ziel, sondern nur ein Mittel zum Zweck, um eine artenreiche Gemeinde heimischer Vögel und anderer Tiere zu etablieren. „Das Ergebnis ist nicht frei von Raubtieren, sondern reich an Natur“, sagt sie.

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