Tiere

Klimawandel lässt Spinnen wachsen – und das hat Vorteile

Durch die steigenden Temperaturen lassen die arktischen Wolfspinnen von ihrer Lieblingsbeute ab, was sich positiv auf die Umwelt auswirkt. Mittwoch, 25 Juli

Von Theresa Machemer

In der arktischen Tundra tummeln sich zahlreiche Raubtiere – nur vielleicht nicht die, die man erwarten würde. Was die reine Biomasse angeht, sind die Wolfspinnen der Art Pardosa glacialis den Polarwölfen 80 zu 1 überlegen.

Die überraschende Berechnung, die von National Geographic Explorer Amanda Koltz in „PNAS“ veröffentlicht wurde, könnte unser Verständnis dafür verändern, wie sich der Klimawandel in Zukunft auf die Arktis auswirken wird.

Ihre Studie offenbart, dass Wolfspinnen mit den steigenden Temperaturen und der zunehmenden Bestandsdichte ihre Fressgewohnheiten ändern. Das könnte im gesamten Ökosystem eine Kaskade auslösen, welche die Geschwindigkeit beeinflusst, mit der sich der schmelzende Permafrostboden zersetzt.

DIE SPINNEN-ARKTIS

Durch menschliche Einflüsse – insbesondere durch die große Menge ausgestoßener Treibhausgase – erwärmt sich der Planet. Dabei erhitzt sich die Arktis doppelt so schnell wie der Rest der Erde.

Tatsächlich sind die steigenden Temperaturen in der Arktis besonders besorgniserregend, da mit der Erwärmung auch der Permafrostboden – eine Schicht aus Erde und toten Organismen – zu tauen beginnt, sodass Bakterien und Pilze ihn zersetzen können. Durch diese Zersetzungsprozesse werden weitere Treibhausgase wie Kohlendioxid und Methan freigesetzt, welche die Erderwärmung wiederum beschleunigen.

Die Ökologin Koltz von der Washington University in St. Louis untersucht nicht nur, wie sich die Klimaerwärmung auf das Verhältnis von Raub- und Beutetieren auswirkt, sondern auch, wie diese Veränderungen das gesamte Ökosystem beeinflussen. „Ich hatte wirklich das Gefühl, dass der tierische Faktor in dieser Geschichte fehlte“, erzählt sie.

Wissenschaftler wissen schon seit fast zehn Jahren, dass sich der Klimawandel auch auf die Spinnenpopulationen auswirken würde. Eine Studie aus dem Jahr 2009 zeigte, dass eine wärmere Arktis mit einem früheren Frühlingsbeginn und längeren Sommern größere Wolfspinnen zur Folge haben könnte. Da größere Spinnen auch mehr Nachwuchs produzieren können, würde sich ihr Bestand zudem vergrößern.

Wolfspinnen fressen die meisten Insekten und kleineren Spinnen. Wenn ihre Populationsdichte zu groß wird, fallen sie auch über ihre Artgenossen her. Einer ihrer liebsten Leckerbissen sind allerdings pilzfressende Gliederfüßer namens Springschwänze. Was würde also passieren, wenn Wolfspinnen entweder mehr oder aber weniger Springschwänze verzehren würden? Würde sich damit auch die Menge an arktischen Pilzen verändern?

Um das herauszufinden, steckte Koltz mehrere anderthalb Meter breite, experimentelle Ökosysteme in Alaska ab. Zwei Sommer lang überwachten sie und ihr Team, wie die Temperaturen und die Anzahl der Spinnen die Zusammensetzung der Organismen in diesen Bereichen des Permafrosts beeinflussten.

KLEINE SPINNE, GROSSE WIRKUNG

Wenn die Temperaturen steigen, wird die organische Materie im Boden schneller zersetzt und die Wolfspinnen sind aktiver. Koltz erwartete in dem Fall, dass die Spinnen die Springschwanzpopulation in ihren Mini-Ökosystemen drastisch reduzieren würden. Allerdings war genau das Gegenteil der Fall.

Dort, wo sich mehr Spinnen tummelten, wurden plötzlich weniger Springschwänze gefressen. Stattdessen konnten die zahlreicheren Springschwänze mehr Pilze verzehren, sodass die Zersetzung im Boden verlangsamt wurde. Im Vergleich zu Bereichen, in denen es fast gar keine Spinnen gab, verrottete der Boden in Bereichen mit einer größeren Spinnenpopulation zudem in geringerem Maß. Auf gewisse Weise helfen die Spinnen also dabei, den Klimawandel in der arktischen Tundra zu bekämpfen.

Die unerwarteten Ergebnisse wurden von Experten gelobt. „Das Neue an Dr. Koltz’ Studie ist, dass sie uns nicht nur den direkten Einfluss zeigt, den der Klimawandel auf diese wichtigen, am Boden lebenden Tiere hat, sondern auch den Einfluss auf die komplexen ökologischen Interaktionen zwischen den Arten in der Tundra“, schrieb Joseph Bowden in einer E-Mail. Der Entomologe des Canadian Forest Service war an Koltz’ Forschung nicht beteiligt.

Allerdings ist noch nicht geklärt, warum die Spinnen plötzlich ihren Appetit auf Springschwänze verlieren, wenn ihre Populationsdichte ansteigt. Es könnte durchaus sein, dass sie in diesem Fall in Konkurrenz zueinander treten und sich häufiger gegenseitig fressen. Die steigenden Temperaturen könnten ihnen aber auch eine andere Nahrungsquelle eröffnet haben. Koltz zufolge besteht der nächste Schritt darin, die genauen Veränderungen in der Ernährung der Spinnen zu identifizieren.

„Wir vergessen diese kleinen Tiere gern mal, weil sie nicht so ins Auge fallen wie große Säugetiere“, sagt Koltz. „Aber mir gefällt der Gedanke, dass diese kleinen Tiere auch einen wichtigen Einfluss auf das Ökosystem haben.“
 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

Wei­ter­le­sen