Tiere

Könnten Tschernobyl-Wölfe Mutationen verbreiten?

Eine neue Studie zeigt, dass vereinzelte Wölfe aus der Sperrzone in andere Gebiete Europas abwandern. Wednesday, July 18

Von Douglas Main
Wie viele Wölfe in Tschernobyl von der Strahlung beeinträchtigt wurden, ist derzeit nicht klar. Ihr Bestand wächst allerdings, und mit ihm auch Fragen darüber, welche Folgen das für ihre Umgebung haben könnte.

Rund um das Atomkraftwerk Tschernobyl im Norden der Ukraine würden Besucher wohl keine Menschenseele antreffen. Anders sieht das mit den wilden Tieren der Region aus: Sie streifen ungehindert durch die Landschaft, die 1986 Schauplatz der schlimmsten Nuklearkatastrophe der Geschichte war. Hunderttausende Quadratkilometer wurden radioaktiv belastet und im Umkreis um das Kraftwerk wurde eine Sperrzone eingerichtet, die auch heute noch besteht.

Schon länger deuteten Studien darauf hin, dass Wölfe und andere größere Säugetiere in der etwa 4.300 Quadratkilometer umfassenden Zone leben und gedeihen, die für die menschliche Nutzung aufgegeben wurde.

Zwar können die Tiere dort vom Menschen ungestört leben, sie bleiben aber nicht von der Strahlung und möglichen gesundheitlichen Folgen verschont. Noch immer sind viele Fragen darüber offen, in welchem Umfang Strahlung in diversen Arten Mutationen verursacht und ob diese sich auch über die Sperrzone hinaus verbreiten könnten.

LANGE WANDERUNG

Forscher statteten im Rahmen eines Experiments deshalb 13 Wölfe mit Funkhalsbändern aus, die auch radioaktive Strahlung messen können, und verfolgten ihre Wanderbewegungen. Wenig überraschend war, dass die Wölfe größerer Strahlung ausgesetzt waren, wenn sie durch stärker kontaminierte Gebiete zogen. Aber eine Beobachtung stach hervor: Ein junges Männchen legte eine Strecke von etwa 400 Kilometern zurück und streifte aus der Region um Tschernobyl zunächst nach Weißrussland, von dort aus durch die Ukraine und schließlich nach Russland. Die Studienergebnisse wurden im „European Journal of Wildlife Research“ veröffentlicht.

Es ist die erste derart lange, aufgezeichnete Migration eines Wolfes aus der Sperrzone von Tschernobyl in umliegende Gebiete, erzählt der Studienleiter Jim Beasley. Der Wissenschaftler ist ein Wildtierökologe der University of Georgia in den USA.

Es ist durchaus bekannt, dass junge männliche Wölfe auf der Suche nach einer Partnerin lange Strecken zurücklegen, sodass diese Tatsache an sich nicht überraschend sei, so Beasley. Aber in diesem Fall ist es ein weiterer Beleg dafür, dass es in der Region um Tschernobyl große Wolfsbestände gibt, wie er sagt.

„Wir wissen, dass die Wolfspopulation in der Sperrzone von Tschernobyl groß ist“, erzählt der Hauptautor Michael Byrne, der Ökologie und die Wanderungsbewegungen von Tieren an der University of Missouri erforscht. „Wenn eine Population einer beliebigen Tierart eine gewisse Größe erreicht, ist zu erwarten, […] dass sich die jungen Tiere zerstreuen.“

„Es wurde Zeit für ihn, dass er in die Welt hinauszog und sich einen Job suchte“, witzelt Byrne.

Diese beeindruckende Wanderung wirft aber auch die Frage auf, ob die Tiere eventuelle Mutationen in Wolfsbestände außerhalb des Gebietes um Tschernobyl einbringen könnten, fügt er hinzu.

MUTATIONEN IM GEPÄCK?

Studien an anderen Tieren – zumeist Kleintiere wie Vögel, Nagetiere und Insekten – zeigten, dass die Strahlung rund um Tschernobyl zu Mutationen und gesundheitlichen Schäden führen kann, sagt Tim Mousseau. Der Biologe der University of South Carolina war an der aktuellen Studie nicht beteiligt.

Studien an Tieren wie Rauchschwalben und Wühlmäusen lassen darauf schließen, dass Mutationen auch an die nächste Generation weitergegeben werden können, sagt er. Diese kleinen Tiere können radioaktive Schadstoffe ihm zufolge zudem in ihrem Lebensraum verbreiten.

Bei Wölfen seien die Umstände bisher aber nicht ganz so eindeutig. „Es ist durchaus plausibel“, sagt er, auch wenn es im direkten Umkreis keine großen Wolfspopulationen gibt, in welche die Tschernobyl-Wölfe ihre Mutationen einbringen könnten. Bei kleineren Tieren in der Umgebung wurde die Strahlung mit Tumoren, Katarakten, kleineren Gehirnen und anderen Entwicklungsstörungen in Verbindung gebracht.

Anders Møller, ein Wissenschaftler an der Universität Paris-Süd, mahnt aber zur Ruhe. Da die meisten Mutationen schädlich sind, hält er es für unwahrscheinlich, dass ein Wolf, der solche Strecken zurücklegt, stark von der Strahlung beeinträchtigt ist. Außerdem bezweifelt er, dass die Wolfspopulationen in Tschernobyl „aufblühen“, wie manche Wissenschaftler vermuten. Er verweist darauf, dass es den Wölfen auch in anderen Regionen Europas gut geht.

FRAGEN FÜR KÜNFTIGE FORSCHUNG

Møllers Arbeit zeigt eher, dass es in Gebieten mit hoher Strahlungsbelastung nur kleine Wildtierbestände gibt. Daraus lässt sich schließlich, dass jene Tiere, die in diesen Gebieten verweilen, auch genetische Schäden riskieren. Die Landschaft von Tschernobyl ist zudem recht vielfältig. Ein Großteil ist strahlungsfrei, während es in manchen Bereichen noch eine hohe Strahlungsbelastung gibt.

„Ich könnte mit verbundenen Augen an irgendeinen Ort in Tschernobyl gehen und könnte Ihnen anhand der Anzahl der Vögel in dem Gebiet sagen, wie viel Hintergrundstrahlung es dort gibt“, sagt Møller.

Byrne und seine Kollegen vermuten dennoch, dass in der Region um Tschernobyl neue Wolfspopulationen entstehen könnten. Wenn das geschieht, könnten sich auch Genschäden, die durch Strahlung entstanden, in andere Populationen ausbreiten.

Die Studienautoren betonen aber, dass noch weitere Forschung nötig ist, um jene Fragen zu beantworten, die in der Studie aufgeworfen wurden.

„Ich will nicht sagen, dass die Tiere aus Tschernobyl die Welt kontaminieren“, so Byrne. „Aber wenn es Mutation gibt, die weitervererbt werden können, sollte man das berücksichtigen.“

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