Tiere

Der gehörnte Riesenvogel

Aus seinem Hornaufsatz lassen sich Schmuckstücke und Kunstwerke schnitzen – daher wird der Schildschnabel in einem Maße gewildert, dass er vom Aussterben bedroht ist. Doch einige der Jäger haben die Seiten gewechselt. Das könnte den Vogel retten. Friday, August 24, 2018

Von Rachael Bale
Bilder Von Tim Laman
In einem thailändischen Wald steuert ein Schildschnabel eine Baumhöhle an, in der seine Partnerin und das Junge darauf warten, dass er ihnen etwas zu fressen bringt.

Im Nationalpark Budo Su-ngai Padi im Süden Thailands ist das Gelände an manchen Stellen so steil, dass ich mit ausgestrecktem Arm den Weg vor mir berühren kann. Insekten umschwirren uns, Heerscharen Blutegel kommen immer näher.

Wir sind auf der Suche nach dem absonderlich aussehenden Schildschnabel. Geführt werden wir von der thailändischen Wissenschaftlerin Pilai Poonswad, der „großen Mutter der Schildschnäbel“. Seit 40 Jahren studiert sie diesen Vogel und setzt sich für seinen Schutz ein. Wir wussten, dass der Marsch anstrengend sein würde, denn die Vögel sind ohnehin scheu – aber mit dem Rückgang der Bestände wird die Suche nach ihnen zu einer echten Odyssee.

Dann, endlich, der Baum: Ein Exemplar aus der Familie der Flügelfruchtgewächse, rund 55 Meter hoch. Auf halber Höhe erkennen wir seitlich einen knorrigen Hohlraum: Dort hat sich vor einigen Monaten ein Schildschnabelweibchen eingeschlossen, um ein Ei zu legen. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis Papa Schildschnabel herangeflattert kommt und eine Mahlzeit für den Nachwuchs abliefert.

Stunden verrinnen. Plötzlich wird meine Träumerei durch einen Luftzug über unseren Köpfen unterbrochen – wusch, wusch, wusch. Schildschnäbel machen wegen der Lücken zwischen den Federn an ihren Flügeln beim Fliegen so laute Geräusche wie kaum ein anderer Vogel.

Hu, hu, hu-hu-huu, Hahaha! Es ist das leicht verrückte Gelächter eines Schildschnabels. Dem Klang nach zu urteilen ist er im Umkreis von einigen Bäumen der Einzige. Wir halten den Atem an. Plötzlich ist er da: Ein lebender Dinosaurier, mehr als einen Meter lang (die 50 Zentimeter langen mittleren Schwanzfedern nicht mitgerechnet), hockt auf dem vorstehenden Ast vor dem Loch. Aus seinem Schnabel hängt eine große Gespenstschrecke, seine perlenförmigen Augen mustern die Umgebung.

Wir starren den riesigen, schweren Kopf an: Über einem keilförmigen gelben Schnabel ruht ein roter „Helm“, der Hornaufsatz. Wir lassen den ungefiederten, runzeligen, roten Hals auf uns wirken, die langen, schwarz-weiß gestreiften Schwanzfedern, die schiere Kraft des Vogels.

Der Schildschnabel beugt sich über die Nisthöhle und gibt die Gespenstschrecke durch die Öffnung an das Junge weiter: Mission erfüllt. Mit einem erneuten Flügelrauschen ist er weg, um weiteres Futter für seine Familie zu suchen.

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Nashornvögel leben in den tropischen Regionen Afrikas und Asiens, der Schildschnabel ist eine von 57 Arten. Er kommt nur im bewaldeten Tiefand von Brunei, Indonesien, Malaysia, Myanmar und Südthailand vor. Im Gegensatz zu anderen Nashornvögeln besitzt der massive Hornaufsatz des Schildschnabels eine dicke Schicht aus Keratin – das Material, aus dem auch unsere Fingernägel und Haare bestehen. Über das Verhalten der Schildschnäbel ist nicht viel bekannt; man weiß immerhin, dass sie den Hornaufsatz im Flug zu Zweikämpfen nutzen. Vielleicht konkurrieren sie dabei um Nistplätze oder Früchte der Bäume.

Die Vögel sind Allesfresser, ihre Leibspeise sind aber die Früchte der Würgefeige. Die Samen dieser Pflanze keimen in der Krone eines Wirtsbaumes; ihre Wurzeln wachsen abwärts, umschließen den Baum und töten ihn. Wenn die Würgefeigen Früchte tragen, werden sie zu einer Art Obstladen im Regenwald: Viele Tiere ernähren sich von ihnen – Spitzhörnchen, Orang-Utans und bis zu tausend Vogelarten.

Nashornvögel sind unentbehrlich für den Fortbestand der Wälder Südostasiens. Als „Bauern des Waldes“ verbreiten sie Samen durch Hochwürgen oder mittels ihrer Exkremente und sorgen so dafür, dass die Bäume in der Umgebung auf einer Fläche von mehreren Quadratkilometern nachwachsen. Das ist heute besonders wichtig, weil viele Primärwälder aus Profitinteresse bereits abgeholzt wurden. Die weitverbreitete Holzwirtschaft lässt auch die Lebensräume der Nashornvögel schrumpfen und bedroht ihre Nistmöglichkeiten.

Wie viele Schildschnäbel es heute noch gibt, lässt sich nicht genau sagen, aber Forscher sind sich einig: Die Spezies ist bedroht. Im Jahr 2016 stimmten die mehr als 180 Unterzeichner des Washingtoner Artenschutzübereinkommens einer Forderung nach stärkerem Schutz der Schildschnäbel zu. Zwar sind Schildschnäbel in allen Ländern, in denen sie vorkommen, durch nationale Gesetze geschützt, aber Indonesien hat sich dennoch zu einem Krisenherd der Wilderei dieser Vögel entwickelt.

Den Behörden fiel der umfangreiche Schmuggel mit Schildschnabelhorn erstmals 2012 auf: Damals hinderten Beamte auf einem Flughafen der indonesischen Provinz West-Kalimantan auf Borneo zwei Chinesinnen daran, 96 Stücke Horn außer Landes zu bringen. Es folgten weitere Beschlagnahmungen, in manchen Fällen ging die Zahl der aufgespürten Hornaufsätze dabei in die Hunderte. Insgesamt haben die indonesischen Behörden mehr als 1300 solcher Hornaufsätze beschlagnahmt; die Schmuggler stehen vielfach in Verbindung mit Syndikaten, die mit Teilen gefährdeter Wildtiere handeln.

Die Gründe für die Jagd sind vielfältig. Manche Wilderer, glaubt Dwi Adhiasto, der im Rahmen des Indonesienprogramms der amerikanischen Wildlife Conservation Society für die Verfolgung von Wildtierkriminalität verantwortlich ist, sind schlicht opportunistische Jäger, die jedes Tier erlegen, das sie essen oder verkaufen können. Andere, so erläutert er, werden von Netzwerken unterstützt, die zur Jagd auf Schildschnäbel gezielt Gewehre und Ausrüstung für Dschungelexpeditionen liefern.

Im Nationalpark Budo Su-ngai Padi hat Pilai Poonswad ein Modellprojekt zum Schutz von Schildschnäbeln entwickelt. Die Biologin begeistert sich seit 1978 für die Vögel – damals führte sie ein Filmteam der BBC durch den Wald, das nach ihnen suchte. Sie war überwältigt von dem Anblick eines Schildschnabels, der seine Familie in einer Baumhöhle fütterte, und gründete wenig später die Hornbill Research Foundation. Vor 23 Jahren lernte sie Asae Jaru kennen, einen Wilderer, der junge Schildschnäbel stahl, um sie als Haustiere zu verkaufen. Ihr wurde klar, dass viele Bewohner des Dorfes, in dem Jaru lebte, das Gleiche taten. Mit dem Verkauf von ein oder zwei Schildschnabelküken konnte ein Mann mehr Geld verdienen als mit einem Jahr Landwirtschaft.
 Nachdem Poonswad von der Wilderei erfahren hatte, schmiedete sie einen Plan: Sie würde die Dorfbewohner dafür bezahlen, dass sie die Schildschnäbel nicht mehr wilderten, sondern schützten. Auch mit den Bewohnern aus den Nachbardörfern traf sich die Wissenschaftlerin und versuchte, sie von ihrem Projekt zu überzeugen. „Ich bin zu ihnen gegangen und habe ihnen erklärt: ‚Wenn ihr jetzt nicht mit der Wilderei aufhört, habt ihr bald gar keine Schildschnäbel mehr‘“, sagt sie.

Inzwischen ist Jaru einer ihrer besonders geschätzten AssistentenAn diesem Tag beispielsweise bewacht er das Nest eines Schildschnabelpaares. Täte er es nicht, so sagt der geläuterte Wilderer, würden andere den Jungvogel stehlen.

Anfang 2018 arbeiteten 36 Menschen aus sechs Dörfern in Asae Jarus Programm mit, viele von ihnen frühere Wilderer. Sie kontrollieren Baumhöhlen, in denen sich aktive Nester von sechs Nashornvogelarten befinden, und wenn eines davon besetzt ist, sammeln sie für die Hornbill Research Foundation Daten über Ernährung und Verhalten der Vögel.

Denn nur hier, in diesem begrenzten Teil Südostasiens, gibt es diesen ungewöhnlichen Vogel: einen Meter lang, mit einem harten Hornaufsatz und gestreiften Schwanzfedern. Dessen Gesang klingt, als würde sich ein Gespenst über jemanden lustig machen. Man muss kein passionierter Vogelbeobachter sein, um davon ergriffen zu werden.

Dieser Artikel wurde gekürzt. Lesen Sie den vollständigen Artikel in der September-Ausgabe des National Geographic MagazinsJetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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