Quallen - die hirnlosen Herrscher der Meere

Sie haben kein Gehirn und bestehen fast nur aus Wasser, können aber mit einigen Superkräften aufwarten.

Freitag, 24. August 2018,
Von Liz Langley
Das Gift der Würfelquallen, hier in den Gewässern vor der Küste Kapstadts, Südafrika, zählt mit zu ...
Das Gift der Würfelquallen, hier in den Gewässern vor der Küste Kapstadts, Südafrika, zählt mit zu den tödlichsten weltweit.
Bild Thomas P. Peschak, National Geographic Creative

Wenn wir an gefährliche Tiere denken, ist eine hirnlose Wasseransammlung vielleicht nicht unbedingt das erste, was uns in den Sinn kommt. Aber wenn wir im Wasser „Vorsicht, Qualle!“ hören, verlassen wir alle fluchtartig das Meer. Die geleeartigen Tiere können einen nämlich ganz schön umhauen.

Sie sind wunderschön gefährlich, und voller glitschiger Widersprüche. Bevor der Sommer ganz vorbei ist, setzen wir uns noch einmal mit ihren Superkräften auseinander.

Wissen kompakt: Quallen
Was wisst ihr wirklich über Quallen? Im Laufe ihrer langen Evolutionsgeschichte entwickelten sie eine faszinierende Vielfalt an Formen, Farben und Größen. In ihren Reihen befindet sich das einzige bekannte "unsterbliche" Tier der Welt.

Manche Quallen bestehen zu 98 % aus Wasser

Der Hauptkörper einer Qualle, der sogenannte Schirm, besteht aus zwei dünnen Zellschichten mit leblosem, wässrigem Material dazwischen, so der Quallen-Biologe Lucas Brotz, Postodoktorand an der University of British Columbia in Vancouver.

Diese einfache Struktur sei laut Brotz ein „raffinierter evolutionärer Trick“, durch den sie groß werden und viel essen können, ohne Stoffwechselprobleme zu bekommen.

„Sie haben jedes Massensterben der Geschichte überlebt“, sagt der Biologe. Während die meisten Arten mittlerweile ausgestorben sind, haben „diese Wasserhaufen es irgendwie geschafft, 600 Millionen Jahre lang zu überleben“.

Können Quallen beißen?

Die Nematocysten werden durch Berührung mit einer organischen Substanz und damit auch durch uns aktiviert.

Der Biss einiger Quallen wie der der Würfelqualle, die in den Gewässern Nordaustraliens und im Indopazifik zu Hause ist, kann tödlich sein. Die Nematocysten anderer Medusen hingegen können menschliche Haut nicht durchbohren.

Quallen stechen sich allerdings nicht untereinander. Brotz erklärt, dass dafür wahrscheinlich chemische Reize verantwortlich sind.

Medusen der Art Mastigias cf. papua ssp. etpisoni (The Golden Jellyfish) folgen im Quallensee Ongeim’l Tketau in Palau der Sonne.
Bild Michael Melford, National Geographic Creative

Quallenbiss mit Schallgeschwindigkeit

Der Biss einer Qualle ist „einer der schnellsten biologischen Prozesse überhaupt“, sagt Sean Colin, Ökologe an der Roger Williams University in Rhode Island. Außerdem ist er relativ kompliziert für ein Tier, das so einfach gestrickt wirkt.

Die Nesselzellen von Quallen, auch Cnidocyten genannt, sind allen Quallenarten und ihren Verwandten, den Korallen und Seeanemonen, gemein. In diesen Zellen befinden sich Zellorganellen, die Nematocysten genannt werden. Sie enthalten das, was Colin als kleine Kapsel beschreibt, in der winzige Harpunen aufgerollt sind.

Wenn sie beißen, springen hunderte dieser Nematocysten auf einmal heraus. Durch diesen freigesetzten Druck können die Tiere ultraschnell stechen. Der Biss dauert nur 700 Nanosekunden und hat genügend Kraft, um die Schale eines Krustentiers an ihrer schwächsten Stelle zu durchbohren.

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Wie schwimmen Quallen?

Nicht alle Quallen schwimmen übrigens mit ihrem Schirm nach oben gerichtet. Manche Quallen schwimmen sozusagen auf dem Kopf und leben auf dem Meeresboden in den tropischen Gewässern des Indopazifiks und vor der Küste Floridas, der Karibik und Hawaiis.

Diese Quallen liegen mit ihrem Schirm auf dem Meeresboden, wie Urlauber, die sich sonnen. Und so etwas in der Art tun sie auch. Sie bewahren mikroskopisch kleine Algen in ihrem Gewebe auf und „halten diese in Richtung Sonne, damit sie schneller wachsen“, so Brotz. Danach dienen sie den Quallen als Nahrungsquelle.

Goldene Quallen im Quallensee von Palau züchten ebenfalls auf diese Art Algen und folgen der Sonne, die über den Tag hinweg von einer Seite des Sees auf die andere wandert. Über Nacht werden die Pflanzen dann „gedüngt”, erklärt Brotz weiter.

Diese Qualle der Art Aequorea victoria schwebt im Aquarium of the Pacific in Long Beach, Kalifornien. Ein bestimmtes Gen, das für die Biolumineszenz dieser Art verantwortlich ist, wurde zur Entwicklung einer biomedizinischen Technologie genutzt, die einen Nobelpreis gewonnen hat.
Bild Joel Sartore, National Geographic Photo Ark

Quallen können leuchten

Viele der bisher identifizierten 3.000 Arten sind biolumineszent. Das bedeutet, dass sie selbst Licht erzeugen können. Für diesen Trick ist bei einer Art, der Aequorea victoria, ein Gen namens grün fluoreszierendes Protein (GFP) verantwortlich, so Brotz.

Von Wissenschaftlern als Biomarker verwendet, erleuchtet dieses Protein die Abläufe im Inneren unseres Körpers. So können unterschiedliche Prozesse untersucht werden, beispielsweise die Insulinproduktion, eine HIV-Infektion oder der Aufbau eines Muskels.

Die Forscher, die diese Technologie entwickelten, haben dafür 2008 sogar den Nobelpreis für Chemie bekommen – und das alles haben sie einer Qualle zu verdanken.

Auch tote Quallen sind gefährlich

Die Nesselzellen einer Qualle erinnern einen an die Untoten aus Horrorfilmen. Sie geben einfach nicht auf. Man kann sogar von einem abgetrennten Tentakel oder einer toten Qualle noch gebissen werden.

Wenn man einen Tintenfisch verspeist, der vorher eine Qualle gefressen hat, sie aber noch nicht komplett verdaut hat, könnte die Qualle einen tatsächlich immer noch beißen.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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