Tiere

Verwandlungskünstler auf leisen Schwingen

Rundumsicht trotz geschlossener Augen und eingebaute Satellitenschüsseln sind nur zwei von zahlreichen faszinierenden Merkmalen der Jäger. Mittwoch, 6 Februar

Von Liz Langley

Die geheimnisvollen Vögel der Nacht faszinierten schon die alten Griechen. Rund um Athen lebten beispielsweise zahlreiche Steinkäuze, sodass der Vogel schließlich das Symboltier der Stadtgöttin Athene wurde und auch auf griechische Münzen geprägt wurde. Aus der Allgegenwärtigkeit der gefiederten Räuber ergab sich schlussendlich auch der Ausspruch „Eulen nach Athen tragen“ – also einer überflüssigen Tätigkeit nachgehen, denn Eulen gab es in der Stadt wahrhaftig genug.

Ihren Ruf als besonders kluge Tiere verdanken sie womöglich ihrer Jagdstrategie, denn zahlreiche Eulen verharren beinahe regungslos in Bäumen, um auf die Geräusche von Beute zu lauschen. So können sie für den Betrachter durchaus den Eindruck erwecken, sie seien sehr nachdenklich und besonnen.

Aber welche anderen Geheimnisse verbergen sich hinter ihrer mystischen Aura und ihren großen, leuchtenden Augen?

Rotierende Köpfe

Eulenaugen sind so groß, dass sie sich in ihren Augenhöhlen nicht bewegen können – deshalb können die Tiere ihren Kopf so weit drehen. Dahinter steckt allerdings ein ausgeklügeltes System:

Zum einen sitzt der Eulenschädel nur auf einem einzigen Drehpunkt auf. Das ermöglicht eine größere Beweglichkeit als bei uns Menschen mit unseren zwei Drehpunkten. Außerdem haben Eulen 14 Halswirbel, während es bei uns nur 7 sind.

Zudem sind ihre Blutgefäße größer und haben mehr Bewegungsspielraum als bei anderen Tieren, „damit ihre Blutzufuhr nicht abgeschnürt wird“, wenn sie ihren Kopf um bis zu 270° drehen, erklärt James Duncan, Autor des 2018 veröffentlichten Buches „Owls of the World“.

Radargesicht

Die rundlichen Gesichter von Eulen sehen nicht einfach nur niedlich aus, sondern funktionieren wie kleine Satellitenschüsseln.

Dieser deutlich ausgeprägte Gesichtsschleier wird von einem vergleichsweise steifen, dichten Federkranz eingerahmt, der „eine feste Oberfläche bildet und Schallwellen zum Ohr leitet – so wie unsere Hände, wenn wir sie leicht gekrümmt an unsere Ohren legen“, erklärt Duncan.

„Indem sie die Form ihres Gesichtsschleiers anpassen, können sie Geräusche direkt zum Ohr leiten.“

Durch diese außergewöhnliche Eigenschaft können Bartkäuze, die unter allen Eulen den größten Gesichtsschleier haben, sogar unter einer 45 Zentimeter dicken Schneedecke Beute aufspüren.

Arten wie Schneeeulen, die einen kleineren Gesichtsschleier haben, jagen oft eher auf Sicht statt nach Gehör.

Meisterhafte Manipulation

Die in Südasien heimischen Maskeneulen können ihren Gesichtsschleier sogar so verformen, dass es aussieht, als hätten sie Hörner, sagt Duncan.

Das könnte der Tarnung dienen – ihr Umriss wirkt dadurch weniger eulenhaft – oder Emotionen ausdrücken. Eine Besonderheit der Maskeneulen sind die weißen Lider über ihren großen schwarzen Augen. Sie verfügen über kleine Schlitze, sodass die Tiere quasi mit geschlossenen Augen sehen können.

Die afrikanischen Nordbüscheleulen haben im Englischen zurecht den Spitznamen transformer owl, da sie ihr Aussehen und ihre Silhouette besonders stark verändern können.

Die Vögel können ihr Gefieder beispielsweise so dicht an ihren Körper anlegen, dass sie deutlich schmaler werden. Wenn sie ihre Augen dann noch zusammenkneifen, können sie mit den Bäumen um sie herum regelrecht verschmelzen, sagt Duncan.

Wenn sie hingegen Feinde einschüchtern wollen, plustern sie ihr Gefieder auf, spreizen die Flügel und reißen ihre Augen auf, um möglichst groß zu erscheinen.

Der Bartkauz hat es nicht nötig, groß zu tun. Zusammen mit dem Uhu zählt er zu den größten (wenn auch nicht schwersten) Eulenarten und wird bei einer Flügelspannweite von bis zu anderthalb Meter bis zu 67 Zentimeter lang. (Die kleinste Art ist der nur 13 bis 14 Zentimeter lange Elfenkauz, der im Südwesten der USA und in Mexiko heimisch ist.)

Bartkäuze haben sich als äußerst widerstandsfähig erwiesen. Ein gewaltiger Wandbrand, der im Jahr 2013 etwa ein Viertel des nordamerikanischen Verbreitungsgebiets der Eulen verkohlte, schien für die Vögel kein großer Rückschlag gewesen zu sein. Laut einer Studie, die in „The Condor: Ornithological Applications“ erschien, nisten die Eulen noch immer im selben Wald und ihre Population ist stabil.

Kreative Ausstatter

Die in Amerika heimischen Kaninchenkäuze verändern nicht ihr Aussehen, sondern dekorieren eher ihre unterirdischen Bauten.

Die Doktorandin Allison Smith von der University of Florida erzählt, dass die Kaninchenkäuze, die in ländlichen Gegenden nisten, ihren Bau und das umliegende Areal mit Kuhdung und Kojotenkot dekorieren, während urbane Artgenossen eher auf Hundekot und Müll zurückgreifen. Das eigenwillige Dekor enthält stets Bestandteile von Beutetieren und andere Fundstücke aus der Natur.

Speziell der Kot könnte Fressfeinde abschrecken, köstliche Insekten anlocken oder gar zu einem Balzritual gehören, sagt Smith.

„Letztes Jahr habe ich einen Bau mit mehr als 500 Zigarettenstummeln gefunden, und einen anderen mit den Beinen von 72 Fröschen“, erzählt sie.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.